16.02.2010 · Auch wenn die Taliban die Festnahme als Kriegspropaganda abtaten, spricht einiges dafür, dass Mullah Baradar, ein enger Vertrauter von Taliban-Führer Mullah Omar, festgenommen wurde. Er soll die ausführende Hand sein und ein wichtiger Militärplaner der Taliban.
Von Jochen Buchsteiner, JakartaAuch wenn die Taliban die Festnahme noch am selben Tag als Kriegspropaganda abtaten, spricht einiges dafür, dass sich Mullah Omars Stellvertreter Mullah Baradar seit vergangener Woche in den Händen pakistanischer und amerikanischer Geheimdienstmitarbeiter befindet. Er soll in der südpakistanischen Hafenstadt Karachi verhört werden. Die Zeitung „New York Times“, die sowohl von amerikanischen Geheimdienstmitarbeitern in der Region als auch von der Obama-Regierung selbst meist gut unterrichtet wird, hatte unter Berufung auf nicht namentlich genannte offizielle Quellen über die Gefangennahme des ranghohen Taliban-Kommandeurs berichtet. Als die Meldung von der Festnahme am Dienstag von pakistanischen (ebenfalls namenlosen) Quellen bestätigt wurde, hatte man so viel Sicherheit, wie man in diesen Fragen und in diesem Milieu wohl haben kann.
Die wichtigste Festnahme seit Beginn des internationalen Afghanistan-Engagements vor mehr als acht Jahren fällt in eine kriegsentscheidende Phase. Seit dem Wochenende versucht die Nato gemeinsam mit der afghanischen Armee, das Ruder militärisch herumzureißen. Mit der 15.000 Mann umfassenden Operation „Mushtarak“ (Gemeinsam) sollen den Taliban die neuen Kräfteverhältnisse nach der – vor allem – amerikanischen Truppenaufstockung vor Augen geführt werden. Womöglich hat der nach offiziellen Angaben erfolgreich verlaufende Vormarsch in Helmand schon mit dem fehlenden Oberbefehl auf Seiten der Aufständischen zu tun.
„Stellvertretender Verteidigungsminister des Taliban-Regimes“
Die Taliban selber bestätigten am Dienstag, dass Mullah Baradar für die Strategie gegen die „Operation Mushtarak“ zuständig ist. Allerdings versicherten sie, dass ihr Kommandeur wohlauf und vor Ort im Einsatz sei. Fachleute sagen, der 42 Jahre alte Mullah Baradar sei der oberste Militärkommandeur der Taliban und gewissermaßen die exekutive Hand des früheren Taliban-Regierungschefs Mullah Omar. Auf der Fahndungsseite von Interpol wird Abdul Ghani Baradar, der auch als Mullah Baradar Akhund bekannt ist, als „Stellvertretender Verteidigungsminister des Taliban-Regimes“ bezeichnet sowie als „führender Militärkommandeur und Mitglied des Quetta-Rates“. Die amerikanische Zeitschrift „Newsweek“ bezeichnete ihn im vergangenen Sommer (auf der Grundlage von mehr als zwei Dutzend Interviews mit Taliban-Vertretern) als „gefährlicher, als Mullah Omar je gewesen ist“.
Taliban-Mitglieder und paschtunische Stammesführer, schrieb „Newsweek“, sähen in Mullah Baradar „mehr als nur den Vertreter des öffentlichkeitsscheuen Mullah Omar“. Mullah Baradar ernenne und entlasse die Kommandeure und Gouverneure der Taliban, leite den militärischen Führungsrat in Quetta und veröffentliche die wichtigsten politischen Stellungnahmen der Aufständischen unter eigenem Namen. Überdies kontrolliere er die Kriegskasse der Taliban, die nicht zuletzt der Drogengelder wegen auf Hunderte von Millionen Dollar geschätzt wird. Bei aller Machtfülle gilt Mullah Baradar als loyal. In einem E-Mail-Interview mit der amerikanischen Zeitschrift versicherte er, dass die Taliban ihre Anweisungen von Mullah Omar erhielten, der seit drei Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen wurde.
Intelligent und vergleichsweise umsichtiger und offener Charakter
Schon während des Krieges gegen die Sowjetunion kämpften die beiden Mullahs Seite an Seite. Nach dem Abzug der Roten Armee betrieben sie gemeinsam eine Koranschule, bevor sie sich abermals auf den Kriegspfad begaben. Auf jeder Station, die die Taliban näher an Kabul heranführte, diente Mullah Baradar dem etwa acht Jahre Älteren als Militärkommandeur. Während Mullah Omars Regierungszeit war Mullah Baradar sein engster Vertrauter. Der Legende nach fuhr er den Taliban-Führer im Bombenhagel der Amerikaner und der Nordallianz im Spätherbst 2001 aus dem fallenden Kabul mit einem Motorrad heraus und versteckte ihn im Grenzgebiet zu Pakistan.
Andere Quellen betonen allerdings auch mögliche Bruchlinien, die sich aus einer paschtunischen Stammesrivalität ergeben könnten. Während Mullah Baradar – wie der afghanische Präsident Hamid Karzai – dem Stamm der Durrani angehört, sind Mullah Omar und die meisten Führungskader Mitglieder des Ghalzai-Stammes.
Porträtiert wird Mullah Baradar als intelligent und vergleichsweise umsichtiger und offener Charakter. Obwohl er regelmäßig Gesprächsangebote ausgeschlagen hat, gilt er als möglicher Partner für die ins Auge gefassten Verhandlungen mit den Taliban. Gerade in diesem Licht bietet Mullah Baradars Festnahme in Karachi Anlass zu Spekulationen.
„Den größten Fisch in der Gegend an Land gezogen“
Denn spätestens seit der Londoner Afghanistan-Konferenz sieht sich Pakistan in einer neuen Rolle. Nachdem es über Monate, zum Teil Jahre hinweg vom Westen als Teil des Problems gesehen wurde, darf es sich seit Januar als Teil der angestrebten Lösung wahrnehmen. Islamabad ist es gelungen, sich der zunehmend kriegsmüden Nato als unentbehrlich darzustellen. Aus verschiedenen Quellen war in den vergangenen Wochen durchgesickert, dass Islamabad künftig eine zentrale Vermittlerrolle zwischen der Regierung in Kabul und den Taliban haben soll. Mit kaum einer Aktion hätte Pakistan deutlicher machen können, dass es sich konstruktiv verhält. Immer wieder beklagten die Dauergäste aus den Vereinigten Staaten, dass Islamabad tatenlos dabei zusehe, wie die Taliban auf ihrem Territorium den Aufstand in Afghanistan organisierten. Stets hatte Islamabad bestritten, dass der Führungsrat in Quetta saß.
Nun hat Pakistan den Amerikanern „den größten Fisch in der Gegend an Land gezogen, um Washington zu helfen, direkte Gespräche zu beginnen“, wie die Internetzeitung „Asia Times“ am Dienstag kommentierte. Die Zeitung spekulierte allerdings auch, dass die Festnahme negative Folgen haben könnte. Sollte sich Baradar gesprächsbereit zeigen, schrieb ihr Pakistan-Korrespondent, könnte dies die Falken um Mullah Omar tiefer in die Arme des Terrornetzes Al Qaida treiben, das seine Präsenz in den Stammesgebieten in den vergangenen Monaten ausgebaut habe.
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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