Sie sollten die Taliban aus ihrer Stellung im Dorf Basoz treiben - doch der Feind kam den Soldaten bei ihrem Einsatz zuvor. Der deutsche Spähtrupp war von Aufständischen umzingelt.
Als Daniel Seibert hörte, dass seine Kameraden in einer tödlichen Falle steckten, wusste er sofort, dass sein Zug ihnen zu Hilfe kommen musste. Für seinen mutigen Einsatz bekam er von Verteidigungsminister zu Guttenberg das Bundeswehr-Ehrenkreuz für Tapferkeit verliehen. Er freue sich sehr über diese Auszeichnung, doch viel wichtiger wäre ihm mehr Rückhalt der Bevölkerung für die tägliche Arbeit der Soldaten, sagt Seibert.
Im F.A.S.-Interview beschreibt der junge Hauptfeldwebel detailliert die Geschehnisse in Nord-Afghanistan. Seine Schilderung steht für das, was er und seine Kameraden leisten.
Herr Seibert, Sie sind als erster Bundeswehrsoldat nach einer Kampfsituation mit dem Ehrenkreuz für Tapferkeit ausgezeichnet worden - für Ihr Verhalten bei einem Gefecht am 4. Juni 2009. Wie fing das an?
Acht Kilometer von uns entfernt war ein Aufklärungstrupp mit drei Spähpanzern „Fennek“ und neun Soldaten in einen Hinterhalt der Taliban geraten. Zunächst hatte sich ein Selbstmordattentäter vor einem Panzer in die Luft gesprengt, dann eröffneten die Angreifer aus vorbereiteten Stellungen heraus mit Panzerfäusten und Kleinwaffen das Feuer. Der Angriff war detailliert geplant worden.
Sie wurden umgehend um Unterstützung gebeten?
Unser Zug war dem Geschehen am nächsten. Als ich davon hörte, dass die Aufklärer im Feuerkampf stehen, gab es für mich keinen Zweifel, dass wir ihnen zu Hilfe kommen müssen.
Ihnen war klar, dass Sie in ein Gefecht ziehen?
Absolut.
Und Sie wussten, dass dort Kameraden von einem übermächtigen Feind angegriffen werden?
Dass der Feind übermächtig sein würde, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Das wurde uns dann aber sehr schnell klar.
Wie lange brauchte Ihr Zug bis zum Ort des Geschehens?
Zirka sieben Minuten.
Was geschah dann?
Ich fuhr mit einem „Dingo“ an der Spitze des Zuges. Das Gefecht fand nahe der Ortschaft Basoz statt, aus der uns die Aufklärer entgegenkamen. Der Spähtruppführer stieg aus dem „Fennek“ aus. Noch heute sehe ich ihn vor mir: Helm auf dem Kopf, Gewehr und Handgranate in der Hand, und er schreit: „Die sind überall!“
Ihr Auftrag war es, dem Feind nachzusetzen?
Wir sollten gemeinsam in das Dorf vorrücken, um die Taliban aus ihren Stellungen zu treiben. Aber auch der Feind hatte einen Plan. Er wollte den Spähtrupp vermutlich aufreiben und vernichten. Und dieses Vorhaben begann er eher als wir unseres umzusetzen. Beide Straßen, die aus Basoz führten, waren abgeriegelt. Uns kam jedoch zugute, dass die Taliban von ihren Stellungen entlang der Straße aus nicht mehr als die drei „Fennek“ sehen konnten. Sie hatten angenommen, ein Fahrzeug sei liegen geblieben und der Trupp sei jetzt ein leichtes Ziel. Unsere Fahrzeuge standen hinter einer Biegung, sie konnten uns nicht sehen.
Der Spähtruppführer schrie also: „Die sind überall!“
Gleich darauf schlugen die ersten zwei Panzerfaustgeschosse in einer Hauswand ein. Beiderseits der Straße waren Wohnhäuser. Zivilisten waren nicht anwesend, dafür aber jede Menge Angreifer. Der Rest unseres Zugs schloss gerade auf, da wurden die hinteren Fahrzeuge auch schon massiv von der Seite beschossen. Die Taliban griffen geradezu fanatisch an, stiegen aus ihren Stellungen und liefen feuernd auf uns zu. Wir erwiderten das Feuer und vernichteten bereits in dieser frühen Phase des Kampfes Teile des Feindes.
Hatten Sie Ihre Männer aus den “Dingo“ aussteigen lassen?
Ja, nur die Maschinengewehrschützen waren auf den Fahrzeugen geblieben. Wir hatten keine Wahl, denn wir steckten fest. Wir kamen mit unseren Fahrzeugen weder vor noch zurück, da blieb uns nur, eine Rundumsicherung mit abgesessener Truppe vorzunehmen. Aber dafür sind wir trainiert worden.
Die Taliban stürmten auf Sie zu?
Zirka zehn Kämpfer liefen aus 50 Meter Entfernung direkt auf uns zu: einige auf der Straße, einige links und rechts davon in den Gräben, ausgerüstet mit Panzerfäusten und AK-47.
Ihre MG-Schützen haben den Angriff gestoppt?
Sie haben die Angreifer erschossen.
Was haben Sie in den Momenten des Kampfes gemacht?
Ich habe mich darauf konzentriert, meine Männer zu führen. Ich habe ihnen Befehle gegeben.
Wie kann man bei Gefechtslärm Befehle geben?
Man schreit die Männer an, brüllt ihnen zu, was sie tun sollen. Zum Teil bin ich von hinten an sie herangetreten und habe ihnen das Ziel direkt zugewiesen.
Haben Sie selbst geschossen?
Es kam zu einer Duellsituation. Nachdem wir den ersten Angriff abgewehrt hatten, barg der Feind seine Gefallenen und Verletzten. Dann wollte er unsere linke Flanke angreifen. Ich positionierte gerade die schweren Waffen um, als ich aus dem Augenwinkel vier Kämpfer wahrnahm, die 25 Meter von uns entfernt einen Stellungswechsel vornahmen. Einer von ihnen blieb stehen und richtete einen Feuerstoß auf mich und den Spähtruppführer. Dem Kameraden wurde der Trageriemen von der Waffe und ein Stück der Schuhsohle weggeschossen, mir flogen die Geschosse um die Ohren. Aber sie haben mich verfehlt. Mein Gegenfeuer hat dann dafür gesorgt, dass der Mann auf niemanden mehr eine Waffe richten wird.
Sie haben ihn im direkten Duell ausgeschaltet?
Ich habe ihn erschossen. Er oder ich, darum ging es in diesem Fall.
Sie hatten enormes Glück, dass er so schlecht geschossen hat.
Er hat einen Feuerstoß abgegeben und schlecht gezielt. Hätte er Einzelfeuer gewählt, weiß ich nicht, ob ich den Tapferkeitsorden noch hätte entgegennehmen können.
Wie beurteilen Sie die Fähigkeiten des Feindes?
Das war ein sauber geführter infanteristischer Angriff. Die wussten genau, was sie machen, die waren gut ausgebildet.
Es war nicht das erste Gefecht, das Sie in Kundus geführt haben.
Wir lagen mehrfach unter Feuer, aber das Gefecht am 4. Juni hatte schon eine besondere Qualität. Wir mussten zu Fuß den Nahbereich des Feuers durchstoßen, um den Feind zu stellen. Dabei halfen die MG, die uns Deckungsfeuer geben konnten. Aber die eigentliche Arbeit macht der Infanterist, abgesessen und ungeschützt. Das war natürlich hohes Risiko. Aber anders kann man gegen diesen Feind nicht vorgehen.
Sie haben den Feind aufgerieben?
Die Anzahl der Ausfälle des Feindes unterliegt der Geheimhaltung. Er hatte eine Menge Tote zu beklagen, das kann ich sagen.
Was machen die Taliban mit ihren Toten?
Sie nehmen jeden und alles mit. Einen Tag später findet man am Kampfschauplatz kein einziges Zeichen mehr von dem Gefecht. Da liegt keine Patronenhülse mehr, Einschusslöcher in Mauern werden zugeschmiert, ein Acker, dessen Getreide gebrannt hat, wird umgepflügt, Bäume mit Einsplitterungen werden abgesägt.
Warum tun sie das?
Vermutlich, um über ihre Ausfälle hinwegzutäuschen, um zu verschleiern, dass sie ihr Ziel nicht erreicht haben. Sie wollten unseren Spähtrupp vernichten. Das ist ihnen nicht gelungen.
Wie ist Ihr Fazit des Gefechts?
Es hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, dass eine Gruppe funktioniert. Ich kannte meine Soldaten fast vier Jahre, ich habe sie für jede einzelne Position ausgesucht und ausgebildet. Das Glück war uns hold, wir hatten jede Menge Einschüsse in den Fahrzeugen, Panzerfausttreffer inklusive. Aber wir hatten keinen einzigen Verletzten.
Während Ihres Einsatzes hatte die Truppe in Kundus vier Gefallene zu beklagen. Haben diese Ereignisse Ihre Arbeit beeinflusst?
Als militärischer Führer darf man sich nicht anmerken lassen, dass einem so etwas genauso nahegeht wie den normalen Soldaten. Man muss einen klaren Kopf behalten, denn in jeder Sekunde können existentielle Entscheidungen gefragt sein. Die Männer bauen auf ihren Vorgesetzten.
Wie wichtig ist die Anerkennung durch den Tapferkeitsorden?
Das ist zwar schön, aber ich lege darauf keinen gesteigerten Wert. Viel wichtiger wäre mir eine größere Anerkennung unserer Arbeit in der Bevölkerung. Wir Soldaten haben ein Recht darauf, dass die Menschen in unserem Land achten und respektieren, was wir in Afghanistan tun. Wir halten unseren Kopf hin für dieses Land, und dafür wollen wir nicht auch noch missfällig angeschaut oder angepöbelt werden. Ich glaube, da spreche ich im Namen aller Soldaten, die mit mir in Kundus waren.
Siehe auch: Wie die Bundeswehr lernte, mit Trauerfällen umzugehen ; Afghanistan-Einsatz - „Verharmlosung macht krank“ ;
Beziehen Sie solche Werke eigentlich von der Medienzentrale der Bundeswehr ?
(Tableau)
- 19.04.2010, 03:22 Uhr
Herr Hauptfeldwebel, Sie irren!
Rolf Joachim Siegen (rolfS2)
- 19.04.2010, 08:48 Uhr
Klare Worte.
Andreas Schuster (anschus)
- 19.04.2010, 10:40 Uhr
Respekt vor diesen Soldaten....
Michael Meier (never1)
- 19.04.2010, 11:06 Uhr
Kopfschütteln ...
Michael Seegler (xambo)
- 19.04.2010, 11:18 Uhr
