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Im Gespräch: Generalmajor Hans-Werner Fritz „Solche Gefechte haben wir noch nie geführt“

03.09.2010 ·  Der Kommandeur des Regionalkommandos Nord in Mazar-i-Sharif beschreibt die Herausforderungen, die das „Partnering“ mit Afghanistans Armee für die Soldaten der Nato bedeutet.

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Herr General, in Kundus meiden die Isaf-Kräfte wegen der versteckten Bomben inzwischen wichtige Verkehrswege. Die Bewegungsfreiheit Ihrer Truppen nimmt ab - wie wollen Sie die Lage in Kundus noch in den Griff bekommen?

Die Taliban bekämpfen uns, indem sie Straßen mit improvisierten Sprengsätzen verminen. Deswegen meiden wir diese Wege aber nicht grundsätzlich, sondern gehen dort mit großer Vorsicht vor. Als besonders hilfreich erweisen sich dabei Minenräumeinheiten der Amerikaner, deren Gerät eine großflächige, schnelle Beseitigung der Sprengsätze ermöglicht. Das hindert unseren Gegner allerdings nicht daran, im Anschluss neue Minen zu vergraben, so dass wir jede Straße stets aufs Neue kontrollieren müssen, ehe wir sie benutzen können.

Das hört sich nach einem zermürbenden Katz-und-Maus-Spiel an.

Kundus und die südlich davon gelegene Provinz Baghlan erfordern unsere ganze Aufmerksamkeit. Auf Nordafghanistan bezogen, gibt es keine größere Bedrohung durch die Taliban als dort. Sie versuchen uns permanent anzusprengen, vielfach verbunden mit Angriffen aus dem Hinterhalt mit Handwaffen und Panzerfäusten.

Warum leisten die Taliban gerade in diesem Raum so hartnäckigen Widerstand?

Wir haben es hier mit einem großen paschtunischen Bevölkerungsanteil zu tun, aus dem die überwiegend paschtunischen Taliban stark unterstützt werden.

Welche Ziele verfolgen die Taliban in Nordafghanistan?

Sie wollen wieder über diese Region herrschen, so wie sie es während ihrer Schreckensherrschaft in ganz Afghanistan getan haben. Wir müssen das unter allen Umständen verhindern.

Wollen das auch die Menschen?

Sie wollen die Taliban definitiv nicht zurück. Sie wollen nicht noch einmal unter ihrer Zwangsherrschaft leben. Die Menschen wollen in Frieden leben. Nach drei Jahrzehnten Krieg sehnen sie sich nach einem Ende der Gewalt, nach Ruhe, Bildung, Arbeit und einem bescheidenen Wohlergehen. Das ist Chance und Verpflichtung zugleich für uns.

Warum unterstützen die Menschen dann die Taliban?

Weil der afghanische Staat nach wie vor nicht ihre Sicherheit garantieren kann und sie sich in ihrer Verzweiflung denen zuwenden, die ihnen Schutz versprechen. Doch das lassen sich die Taliban durch Schutzgeld, Unterkunft und Verpflegung teuer bezahlen.

Vor einigen Tagen wurden in Kundus acht Polizisten im Schlaf durch die Taliban geradezu hingerichtet. Warum nimmt die Bevölkerung solch skrupelloses Vorgehen hin?

Die Taliban versuchen, Angst und Schrecken zu verbreiten. Das Massaker in Kundus steht als ein Beispiel dafür. Sie folgen einer Strategie, wonach sich unter den derzeitigen politischen Bedingungen niemand im Land sicher fühlen soll, sie sich zugleich aber selbst als eine Alternative zum System darstellen. Auch die Taliban führen inzwischen einen Kampf um die Herzen und Köpfe der Leute. Sie helfen der Bevölkerung, zum Beispiel durch humanitäre Unterstützung im alltäglichen Leben, aber sie schrecken eben auch nicht vor Gewalttaten zurück. Die Reaktion der Menschen lässt sich vielleicht so umschreiben: Sie schwanken zwischen Schockstarre und Ablehnung.

Seit dem Frühjahr führen deutsche und afghanische Truppen im nördlichen Teil der Provinz Baghlan eine Offensive gegen die Taliban. Warum dort - ist die Provinz Kundus nicht wichtiger?

Hier war eine schwierige Entscheidung zu treffen. Im nördlichen Baghlan vereinen sich zwei wichtige Verkehrsstraßen aus Zentralasien, die für die Versorgung der Bevölkerung, aber auch unserer Truppen im Süden von enormer Bedeutung sind. Die Taliban hatten sich dort festgesetzt und unsere Bewegungsfreiheit auf den Straßen massiv beeinträchtigt. Dieses Problem zu lösen war zunächst dringlicher. Wir haben damit den Druck der Aufständischen auf Kundus gelindert, indem wir sie in Baghlan gebunden haben.

Wie sind Sie vorgegangen?

Die Einbindung und Information der Bevölkerung ist ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg. Den Menschen im Operationsgebiet muss vermittelt werden, dass sich alle Aktionen gegen die Insurgenten und nicht gegen sie richten. Die Verbindung von militärischem Vorgehen, begleitenden zivilen Sofortmaßnahmen und der Zusammenarbeit mit zivilen Entwicklungshelfern bringt den Erfolg gegen die Insurgenten und hilft der Bevölkerung nachhaltig.

Wie haben die Taliban darauf reagiert?

Sie haben mit der erwarteten heftigen Gegenwehr reagiert. Unter dem Druck unserer Kräfte wurden sie gezwungen, sich zurückzuziehen und in andere Regionen auszuweichen. An dieser Stelle möchte ich besonders hervorheben, dass sich die Unterstützung durch die Bevölkerung in der Operationsführung als sehr hilfreich erwies. Die Leute warnten uns vor Sprengfallen und vor Angriffen der Taliban. In einem weiteren Schritt kommt es jetzt aber darauf an, dass insbesondere die afghanische Polizei dafür Sorge trägt, dass die Aufständischen nicht in diese Gebiete zurückkehren.

Können die das schon?

Sie brauchen dabei nach wie vor unsere Unterstützung. Darin liegt der Kern des „Partnering“, das wir in den kommenden Monaten intensiv in unserem Verantwortungsbereich ausbauen wollen. Die Amerikaner haben gerade in der Polizeiausbildung einen Schwerpunkt gebildet. Wir sind gut aufgestellt: Die erforderlichen Einheiten für die Ausbildung sind vor Ort und können das Training forcieren...

Welches Fazit ziehen Sie nach dem Abschluss der Operation in Baghlan?

Wir haben ein für uns sehr wichtiges Gebiet wieder unter Kontrolle. Zugleich ist es in Kundus etwas ruhiger geworden, aber wir sind auch dort noch nicht am Ende unserer Anstrengungen.

Bereiten Sie eine Offensive im Raum Kundus vor?

Natürlich gibt es Vorstellungen und Planungen zur weiteren Vorgehensweise. Im Fokus steht dabei der Raum um Kundus und Baghlan. Ich betone noch einmal, der Raum Kundus bereitet uns nach wie vor Sorgen.

Sollen die deutschen Kampftruppen in Kundus deswegen derzeit die Füße still halten?

Von „Füße still halten“ kann nicht die Rede sein. Mit Rücksicht auf den Ramadan, der noch bis Ende nächster Woche andauert, haben wir allerdings unsere Operationen auf das Notwendigste heruntergefahren. Ich möchte an dieser Stelle noch einmal deutlich machen, dass es keine deutschen Alleingänge gibt. Alle Isaf-Operationen werden gemeinsam mit den afghanischen Sicherheitskräften geplant und mit ihnen zusammen durchgeführt. Darüber hinaus stellen wir in Kundus gerade das Ausbildungs- und Schutzbataillon auf, die sogenannte Task Force Kundus, die in Kürze voll einsatzbereit sein wird. Besondere Rücksicht nehmen wir aber auch auf die Parlamentswahlen am 18. September. Die Verantwortung für die Durchführung und die Gewährleistung der Sicherheit liegt zwar bei den afghanischen Sicherheitskräften, aber wir sind bereit zu unterstützen, wenn wir gebraucht werden.

Deutsche Soldaten stehen jetzt im intensiven Kampfeinsatz. Wie verändert dies ihr Selbstverständnis?

Lassen Sie es mich so ausdrücken: Sie sind sozusagen am „scharfen Ende ihres Berufes“ angekommen. Gefechte der Intensität und Dauer, wie wir sie in Baghlan erlebt haben, haben Soldaten der Bundeswehr bisher wohl noch nie geführt. Unsere Soldaten operieren mittlerweile über Wochen in Gebieten weitab befestigter Feldlager, leben unter harten klimatischen Bedingungen mit Tagestemperaturen von mehr als 50 Grad Celsius gemeinsam mit ihren afghanischen Kameraden und kämpfen gegen einen Gegner, der als solcher zunächst nicht erkennbar ist, da er keine Uniformen im herkömmlichen Sinn trägt, sie Tag und Nacht beschäftigt und sich dabei an keine Regeln hält.

Welche Bedeutung kommt in Ihrem Verantwortungsbereich dem Einsatz von Spezialkräften zu?

Sie sind eine Komponente, die sich in einen Gesamtoperationsplan einfügt. Spezialkräfte in meinem Bereich führen kein Eigenleben, wie das vielfach der Öffentlichkeit suggeriert wird. Ihre Operationen werden in Kabul geplant und mit mir abgesprochen. Auf diese Weise verhindern wir, dass meine Kräfte und die Spezialkräfte aufeinanderstoßen. Das ist ein eingespieltes Verfahren, das sehr gut funktioniert.

Die Fragen stellte Marco Seliger.

Quelle: F.A.Z.
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