09.09.2010 · Nachdem Präsident Karzai die beiden leitenden Manager der Kabul Bank ablöste, haben viele Sparer ihre Konten aufgelöst. Die Krise der Bank legt offen, wie eng Politik und Geld in Afghanistan verflochten sind.
Von Friederike Böge, KabulDas Ende des Fastenmonats Ramadan kommt für Präsident Hamid Karzai gerade recht. Die Feiertage geben der afghanischen Regierung Luft, um eine Katastrophe bei der größten Bank des Landes zu verhindern. Tausende Sparer haben in den vergangenen Tagen ihre Konten aufgelöst und die Bank an den Rand ihrer Liquidität getrieben. Am Mittwoch gingen Sicherheitskräfte mit Schlagstöcken gegen Bankkunden vor, die sich vor einer Filiale drängelten. Die Nerven liegen offenbar blank.
Zwei Jahre nach der Lehman-Pleite hat nun auch Afghanistan seine Finanzkrise. In ihrem Zentrum stehen keine renditehungrigen Investmentbanker, sondern ein Sumpf aus politischen und wirtschaftlichen Interessen. Zu den wichtigsten Anteilseignern des Finanzinstituts zählen Präsidentenbruder Mahmoud Karzai und ein Bruder des Vizepräsidenten Mohammed Qasim Fahim. Mögliche Staatshilfen für die angeschlagene Bank würden die Regierung also dem Vorwurf aussetzen, die Investitionen der eigenen Verwandten retten zu wollen.
Auslöser der Krise war die Ablösung der beiden leitenden Bankmanager Scher Khan Farnood und Khalilullah Fruzi durch einen Treuhänder der Zentralbank. Amerikanische Medien berichteten, Karzai habe die beiden Männer auf amerikanischen Druck hin aus dem Amt gejagt. Zuvor seien dubiose Grundstücksgeschäfte und finanzielle Unregelmäßigkeiten bekannt geworden. Die Kabuler Stadtverwaltung wurde angewiesen, einen Verkauf der Grundstücke der beiden Manager zu untersagen.
Beschwichtigungen der Regierung
Die Regierung übte sich derweil in Beschwichtigungen. Zentralbankchef Abdul Qadir Firtrat rechnete vor, dass innerhalb von drei Tagen rund 11 000 Neukunden 38 Millionen Dollar eingezahlt hätten. Das Volumen der Auszahlungen wollte er dagegen nicht beziffern. Stattdessen beschuldigte er die Medien, die Krise verursacht zu haben.
„Ich habe einen Freund bei der Bank, der mir geraten hat, mein Geld abzuziehen“, sagte ein Geschäftsmann, der in dieser Woche vor der Kabuler Hauptfiliale Schlange stand. Nachdem er fünf Stunden gewartet hatte, verwehrten ihm die Angestellten, 150 000 Dollar abzuheben. Er durfte das Geld aber auf ein anderes Konto überweisen. „Ich war immer ein Fan der Kabul Bank“, sagte der Mann. „Im Gegensatz zu anderen Banken haben sie nie gefragt, wer ich bin und woher mein Geld stammt.“
Ähnlich unorthodox verfuhr der frühere Bankchef Farnood auch mit Grundstücksgeschäften in Dubai. Er ließ zahlreiche Villen auf seinen Namen registrieren, deren Besitzer nach seinen Angaben anonym bleiben wollen. Offenbar handelt es sich um Mitglieder der politischen Elite des Landes.
Die Bank macht auch sonst kein Hehl aus ihrer Nähe zur Regierung. Im vergangenen Jahr finanzierte sie Karzais Wahlkampagne, Geschäftsführer Khalilullah Fruzi schloss sich als Finanzberater dem Wahlkampfteam des Präsidenten an. Dessen Bruder hält rund sieben Prozent der Anteile an der Kabul Bank, die er wiederum mit einem Kredit desselben Unternehmens finanzierte. Ebenso wie Mohammed Qasim Fahim, der Bruder des Vizepräsidenten Hasin Fahim, erhielt Mahmoud Karzai weitere Millionenkredite von der Bank, mit denen er unter anderem Anteile an einer Zementfabrik kaufte.
All das bestätigte der Präsidentenbruder verschiedenen Medien per Telefon aus Dubai, wo er nach eigenen Angaben in einer von Farnoods Villen zur Miete wohnt. „Was ist daran falsch? Ich habe mir Geld geliehen und eine Investition getätigt“, sagte er der „Washington Post“. Hasin Fahim ließ derweil aus einer deutschen Klinik wissen, dass er sich nicht äußern wolle. Dort steht er zurzeit seinem an Diabetes erkrankten Bruder bei.
Polizisten, Soldaten und Lehrer des Landes ihre Löhne über die Kabul Bank
Nach Ansicht von Kritikern hat Bankgründer Farnood von der Nähe zur Macht profitiert. So beziehen alle Polizisten, Soldaten und Lehrer des Landes ihre Löhne über die Kabul Bank.
„Ohne Verbindungen zur Regierung und zu lokalen Warlords kann man in Afghanistan keine Geschäfte machen“, sagt ein Großunternehmer, der nicht genannt werden will. So ist von vielen Ministern und Parlamentariern bekannt, dass ihre Verwandten Sicherheits-, Logistik- und Bauunternehmen führen. Kritiker meinen, dass ihnen dank ihrer politischen Verbindungen ein Großteil der internationalen Hilfsgelder zufließe.
Der abgelöste Bankchef Farnood gehört zu den bekanntesten Unternehmern des Landes. Er ist ein Kind der Kriegsökonomie. Nach dem Einmarsch der Sowjettruppen 1979 bekam er als Mitglied der Kommunistischen Partei die Chance, in Moskau Wirtschaft zu studieren. Noch während seiner Studienzeit baute er ein florierendes Exportunternehmen auf, lieferte Motorräder, Kühlschränke und Geschirr nach Afghanistan und weiter nach Pakistan. „Ohne enge Beziehungen zur sowjetischen Mafia wäre das gar nicht möglich gewesen“, sagt ein ehemaliger Kommilitone Farnoods, der in Kundus lebt.
Nach dem Ende der Sowjetunion geriet das Unternehmen ins Visier der russischen Behörden. Mehrere seiner Mitstreiter wurden festgenommen. Farnood selbst ging nach Dubai, wo er zu einem bedeutenden Hawala-Händler aufstieg, also einem traditionellen islamischen Geldtransferunternehmer. Farnood gilt als leidenschaftlicher Pokerspieler und notorischer Frauenheld, was ihm in der konservativen afghanischen Gesellschaft nicht nur Freunde macht.
Die Kabul Bank galt lange als Erfolgsgeschichte
Dennoch galt die Kabul Bank lange als Erfolgsgeschichte. Dazu muss man wissen, dass bis zu ihrem Start 2004 fast niemand in Afghanistan ein Konto hatte. Marodierende Milizen hatten bereits Anfang der neunziger Jahre die Geldschränke der Kreditinstitute geplündert. Dann kamen die Taliban und erklärten Zinsen zur Sünde. Als das radikalislamistische Regime gestürzt wurde, waren die Afghanen eine Nation von Matratzensparern.
Das änderte die Kabul Bank mit ihrem Slogan „Der einfachste Weg zum Millionär“. Ein Kontostand von 100 Dollar reichte aus, um an einer Verlosung teilzunehmen. Höchstgewinn: eine Wohnung in Dubai. Der Traum vom schnellen Reichtum machte die Bank über Nacht populär. Als die Lotterie-Konten 2006 eingeführt wurden, verdreifachte sich die Kundenzahl der Kabul Bank innerhalb von vier Monaten.
Die Krise der Kabul Bank dürfte das Vertrauen der Bürger in das gesamte Finanzsystem erschüttern. Zwar registrierten Konkurrenzunternehmen in den vergangenen Tagen einen stetigen Zustrom an Neukunden. Doch auch in anderen Banken wurden dem Vernehmen nach viele Konten aufgelöst.
Bislang schweigt sich die Zentralbank über die Frage aus, wie sie der Krise Herr werden will. Im Gespräch ist unter anderem eine Übernahme jener Unternehmensanteile, die allein durch nie zurückgezahlte Kredite der Kabul Bank erworben wurden. Nach Medienberichten sollen das 51 Prozent sein.