Home
http://www.faz.net/-2aq-6jxyh
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Bundeswehr Jenseits der Schmerzgrenze

18.07.2010 ·  Die Bundeswehr soll in Afghanistan immer mehr Aufgaben übernehmen, zugleich wird die Lage immer gefährlicher. Zuhause in Deutschland fehlt es jedoch schon in der Ausbildung an allen Ecken und Enden. Die Soldaten schlagen Alarm.

Von Marco Seliger
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (32)

„Jeden Tag sterben in Afghanistan Nato-Soldaten“, sagt der Ausbilder. Vor ihm stehen 25 Infanteristen, die Schutzweste über die Uniformbluse gezogen, den Helm auf dem Kopf, das Gewehr geschultert. Der Schweiß läuft ihnen ins Gesicht. „Sie fallen“, fährt der Stabsfeldwebel fort, „durch Bomben, Panzerfaustbeschuss und Gewehrfeuer eines rücksichtslosen und erbarmungslosen Gegners.“ Dann fragt er in die Runde: „Ist Ihnen das bewusst?“ Einige Soldaten nicken, sie kennen die Gefahr. Sie wissen, dass die Taliban weite Gebiete der Provinz Kundus kontrollieren, „Indianerland“ nennen sie es.

Andere stehen vor dem ersten Einsatz in einem Gebiet, das Heimkehrer als Kriegsschauplatz bezeichnen. Gemeinsam üben sie das Gefecht gegen einen Angreifer, der aus dem Hinterhalt operiert. Bald werden sie nach Kundus geschickt. Eine realitätsnahe, intensive Vorbereitung verbessert ihre Erfolgs- und Überlebenschancen.

„Wir haben von allem zu wenig“

Doch diese Vorbereitung gibt es nicht. Deshalb schlagen Soldaten jetzt Alarm. Es handelt sich um einfache Dienstgrade, Mannschaftssoldaten, Feldwebel, junge Offiziere. Soldaten, die namentlich nicht genannt werden wollen, weil sie Ärger befürchten, wenn sie ohne Erlaubnis des Verteidigungsministeriums mit der Presse sprechen. Soldaten, die in den kommenden Monaten die Aufgabe haben, afghanische Truppen auszubilden und gemeinsam mit ihnen gegen Aufständische vorzugehen. Soldaten, die nicht wissen, was sie erwartet, weil offenbar noch niemand in der Bundeswehr so recht weiß, was genau die Truppen in den zwei Ausbildungs- und Schutzbataillonen, die gerade aufgestellt werden, in Afghanistan machen sollen.

„Wir wissen nur, dass es definitiv gefährlicher wird“, sagt ein Feldwebel. „Das ist für uns auch kein Problem“, setzt er hinzu. „Soldaten sind dazu da, in gefährlichen Situationen zu bestehen. Aber um sie zu überleben, sollten wir entsprechend ausgebildet und ausgerüstet sein.“ Ein Unteroffizier ergänzt: „Wir haben von allem zu wenig: zu wenig Ausrüstung, zu wenig Ausbildungskapazitäten, zu wenig Verständnis in der Führung für unsere Belange. Dennoch möchte die Regierung überall mitmischen. Das geht auf Kosten unserer Sicherheit.“

Kaum eine Patrouille im Einsatz, die nicht mit „Fuchs“, „Dingo“ und „Eagle“ ausgerüstet wäre. Die gepanzerten Transporter schützen die Insassen vor Sprengsätzen und Kugeln. Ihre spezielle Konstruktion erfordert erfahrene Kraftfahrer und eingespielte Besatzungen, die unter Beschuss schnell absitzen müssen, um das Feuer erwidern zu können. „Das muss drillmäßig trainiert werden“, sagt ein Soldat. Doch „Fuchs“, „Dingo“ und „Eagle“ fahren bis auf wenige Ausnahmen nur in Afghanistan. In der Heimat muss sich die Truppe mit handelsüblichen Fahrzeugen wie dem Mercedes Vito und dem Unimog oder mit den kaum mehr am Hindukusch eingesetzten Geländewagen „Wolf“ und „Mungo“ behelfen.

Diese Ausbildungsmängel sind Politik und Bundeswehrführung seit Jahren bekannt. Diese Mängel sind schuld an vielen Unfällen im Einsatz. Im Juni vergangenen Jahres starben bei einem solchen Unfall drei Bundeswehrsoldaten. Ein unhaltbarer Zustand, monierte jetzt der neue Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus (FDP). Er wirft der Bundesregierung vor, die Mängel zu ignorieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatten nach dem Tod von sieben Soldaten im April zugesichert, sie würden alles tun, damit die Soldaten im Einsatz sicher seien.

Ernüchterung hat sich breitgemacht

Bemühungen, den Fahrzeugmangel abzustellen, sagt Königshaus, könne er bislang nicht erkennen. Das führt auch zu einem Ansehensverlust des Verteidigungsministers bei der Truppe. War die Truppe anfänglich begeistert von dem Neuen, der sich als einer von ihnen gab und viel Verständnis aufbrachte, so ist diese Begeisterung verflogen, hat sich Ernüchterung breitgemacht. Die Truppe stellt fest, dass es zu Guttenberg nicht besser macht als seine Vorgänger: Er sieht weder den wirklichen Zustand der Truppe, noch hat er Ausrüstungsmängel behoben. Der Vorschusslorbeer des Inhabers der Befehls- und Kommandogewalt ist welk geworden.

Geschützte Fahrzeuge werden vom Fabriktor direkt in die Einsatzgebiete am Hindukusch geschickt. Jahr für Jahr benötigt die stetig wachsende Truppe in Afghanistan mehr Transportfahrzeuge. Und sie braucht immer mehr dieser Gefährte, weil der Konflikt seit 2008 eskaliert ist und zu dem normalen Verschleiß Schäden durch Bombenanschläge und Panzerfaustbeschuss hinzukommen. Die Hersteller, heißt es in Berlin, arbeiteten an ihrer Kapazitätsgrenze. Die Reserven in den Depots seien aufgebraucht.

„Wir haben nur noch einfache Knallstöcke“

Die Industrie sagt zwar, sie könne mehr Fahrzeuge bauen. Sie tue es aber nicht, weil die Bundeswehr ihr wegen der finanziell angespannten Lage keine Planungssicherheit gebe. Schon im Jahr 2006 hatten Offiziere vor einem baldigen Mangel an geschützten Fahrzeugen gewarnt. Das Heer, schrieben die Soldaten in einem Fachblatt, benötige für Einsätze und Ausbildung 3500 Transportfahrzeuge aller Schutzkategorien. Nur so sei man gewappnet, sollte sich die Sicherheitslage in Afghanistan verschlechtern. Das Verteidigungsministerium ignorierte diesen sofortigen Bedarf. Es wurden zwar 5000 geschützte Fahrzeuge bestellt, allerdings bis zum Jahr 2015. Derzeit verfügt die Bundeswehr über ungefähr 1200 dieser Fahrzeuge.

Seit zwei Jahren schickt die Bundeswehr immer mehr Kampfeinheiten nach Afghanistan. „Das Beherrschen der Waffen ist meine Lebensversicherung“, sagt ein Infanterist. Seine Kompanie, berichtet er, verfüge aber nicht über die Gewehre und Pistolen, mit denen sie in Kundus arbeiten werde. „Wir haben nur noch einfache Knallstöcke.“ Es fehlten Granatmaschinenwaffen, Maschinengewehre sowie die Handfeuerwaffen des sogenannten Infanteristen der Zukunft (IdZ), ein vielteiliges Ausstattungssystem für Soldaten.

„Das Heer ist ein Verleihservice für Waffen und Ausrüstung“

Dazu gehört das Gewehr G36A2, das über einen Granataufsatz verfügt. Mit ihm kann 40-Millimeter-Munition wirkungsvoll auf einen Gegner geschossen werden, selbst wenn der sich hinter einer Mauer verschanzt hat. Dazu gehört auch die Maschinenpistole MP7, die von den Infanteristen als handliche und doch feuerstarke Waffe im Nahkampf geschätzt wird. So gut wie keine dieser Waffen gebe es am Standort, sagt der Soldat.

Auch Nachtsichtbrillen und Wärmebildgeräte gibt es nicht. Mit denen muss die Truppe aber im Einsatz bei Dunkelheit umgehen können. Sie seien jedoch an andere Einheiten abgegeben worden, die sie inzwischen wiederum an eine andere Einheit weitergegeben hätten. „Das Heer ist ein Verleihservice für Waffen und Ausrüstung geworden“, sagt ein Soldat.

Das Verteidigungsministerium streitet alles ab

Keine Waffen, kein Schießtraining. Diesen Zustand kritisierte zwar schon der frühere Wehrbeauftragte Reinhold Robbe (SPD) während seiner fünfjährigen Amtszeit. Doch damals wie heute stritt das Verteidigungsministerium alles ab. In einer Stellungnahme heißt es, alle Soldaten würden an den Handwaffen ausgebildet, mit denen sie im Einsatz ausgerüstet sind. Das Ministerium verschweigt, dass es sich dabei allenfalls um eine Grundlagenausbildung, jedoch nicht um das notwendige intensive Training handeln kann.

Dies wird indirekt auch eingestanden. „Die Erfahrungen aus den Einsätzen haben die Notwendigkeit einer noch stärker auf den Einsatz ausgerichteten Schießausbildung gezeigt“, sagt ein Sprecher. Das auf dieser Erkenntnis fußende neue Schießkonzept solle jedoch erst im Jahr 2011 in Kraft treten.

„Manche Dinge werden uns von der Generalität offenbar immer noch verschwiegen“, vermutet Rainer Arnold, verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Ernst-Reinhard Beck, der verteidigungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, befürchtet, die Zahl der Rüstsätze IdZ in der Bundeswehr entspreche nicht dem gestiegenen Bedarf. „Das ist inakzeptabel, denn es gefährdet die Auftragserfüllung und die Sicherheit unserer Soldaten“, sagt er. Dem Verteidigungsministerium zufolge sollen erst „Anfang und Mitte 2011“ weitere IdZ beschafft werden.

Das Improvisieren in der Ausbildung gehört dazu

Aus diesem Grund kehren Infanteriekompanien aus Afghanistan nach Deutschland zurück, die Waffen und Material komplett an ihre Nachfolger im Einsatzgebiet übergeben mussten. Sie fragen sich, wie sie jetzt ihre Soldaten ausbilden sollen. „Der Führung müssen diese Missstände bekannt sein“, sagt ein Zugführer frustriert, „wir melden sie regelmäßig“. Nahezu täglich berieten die Vorgesetzten seiner Einheit, was sie noch tun könnten, um auf die Missstände aufmerksam zu machen. Bislang hielten sie sich stets an den Dienstweg. Der verläuft in der Bundeswehr von unten nach oben: Die Kompanie meldet dem Bataillon, das Bataillon der Brigade, die Brigade der Division, die Division dem Führungskommando, das Führungskommando dem Ministerium. Doch Meldungen kommen im Ministerium nie so an, wie sie die Kompanie verlassen haben.

„Ein übergeordneter Stab“, erklärt ein ehemaliger ranghoher Offizier, „betrachtet die Dinge meist anders als die ihm unterstellten Einheiten.“ Mängel würden relativiert und die Einheiten angewiesen, weiterzumachen wie bisher. Im Improvisieren in der Ausbildung ist die Truppe seit Jahren geübt. „Wir sind fassungslos“, berichtet der Soldat, „wenn wir den Verteidigungsminister sagen hören, die Bundeswehr sei gerüstet, um den Auftrag in Afghanistan zu bewältigen. In unserem Zustand kann davon keine Rede sein. Ich frage mich, warum dem Minister das nicht bekannt ist.“

„Train as you fight?“

Käme zu Guttenberg zu ihnen an den Standort, würden sie ihn direkt fragen. Sie würden sich gern von ihm erklären lassen, wie die eklatanten Ausrüstungsmängel mit dem Heeres-Slogan „Train as you fight“, „Übe so, wie du kämpfst“, zusammenpassen. Doch auf seiner gerade begonnenen Sommerreise meidet zu Guttenberg die Infanterie- und Panzergrenadierverbände des Heeres, die sich auf den Einsatz in Afghanistan vorbereiten. Stattdessen bereitet er die Öffentlichkeit darauf vor, dass es am Hindukusch weitere Gefallene und Verletzte geben werde.

Doch selbst wenn er die Standorte der Kampftruppen besuchte, könnte er nicht sicher sein, die ganze Wahrheit über ihren Zustand zu erfahren. Als zu Guttenbergs Vorgänger Franz Josef Jung (CDU) im vergangenen Jahr die Fallschirmjäger im saarländischen Lebach besuchte, wurden schnell mehrere Transportpanzer „Fuchs“ auf Tiefladern aus dem nordbayerischen Hammelburg herbeigeschafft. „Der Minister sollte wohl den Eindruck gewinnen, wir hätten alles, was wir zur Ausbildung brauchen“, berichtet ein Feldwebel. Zugleich bereitete sich im benachbarten Zweibrücken eine Kompanie auf den Einsatz in Kundus vor. Sie verfügte über keinen einzigen „Fuchs“ zum Training der Soldaten.

Es fehlen Waffen und Schießbahnen

„Vor einiger Zeit gingen wir Meldungen über Munitionsengpässe in der Marine nach“, sagt Ernst-Reinhard Beck, „um dann festzustellen, dass der Mangel für die gesamte Bundeswehr gilt.“ Ein Soldat in Süddeutschland berichtet, sein Verband sei vor kurzem angewiesen worden, zwanzig Prozent Munition einzusparen. Dabei handelt es sich um ein Bataillon, das sich gerade auf seinen Einsatz vorbereitet und eigentlich ein wochenlanges intensives Schießtraining absolvieren müsste. Ein Grund für den Engpass: Mit zunehmender Intensität der Kämpfe in Afghanistan steigt dort der Munitionsbedarf. Eine Infanteriekompanie verschoss in einem einzigen Gefecht im April 27.500 Schuss Gewehrmunition und mehr als 10.000 Patronen größerer und kleinerer Kaliber.

Ein anderer Grund: Die Bundeswehr hat nicht genügend Munitionsreserven und offenbar kein Geld, sie nachzubestellen. Doch selbst wenn es ausreichend Munition gäbe – es fehlen die Waffen und, wie ein Hauptmann berichtet, die Schießbahnen, auf denen eine Kompanie intensiv trainieren könnte. „Intensiv“, sagt der Offizier, „das bedeutet, wir verschießen mehrere 10.000 Schuss Munition am Tag. Doch die meisten Schießbahnen geben diese Kapazität nicht her. Die sind noch auf den Übungsbedarf des Kalten Krieges ausgelegt.“

„Jetzt ist unsere Schmerzgrenze erreicht“

Dem Verteidigungsministerium zufolge ist „die Versorgung mit Handwaffenmunition für den Einsatz und die einsatzvorbereitende Ausbildung sichergestellt“. Zugleich könnten jedoch „Einschränkungen in der allgemeinen Schießausbildung im Grundbetrieb nicht völlig ausgeschlossen werden“.

„Wir wollen mit den Großen pinkeln“, sagt ein Soldat in Anspielung auf die neuen Aufgaben der Bundeswehr in Afghanistan wütend. „Doch wir kriegen nicht mal das Bein hoch.“

Auf der Trauerfeier für die drei am Karfreitag in der Nähe von Kundus gefallenen Soldaten sprach Verteidigungsminister zu Guttenberg davon, dass „in Afghanistan für unser Land, für dessen Menschen, also für jeden von uns gekämpft und gestorben wird“. Soldaten töteten und würden getötet, damit andere in Sicherheit und Frieden leben könnten. „Das ist unser Beruf“, sagt ein Feldwebel, „und wir haben unseren Auftrag in Afghanistan immer irgendwie erfüllt. Aber jetzt ist unsere Schmerzgrenze erreicht. Denn inzwischen ist es ein Krieg, in den wir geschickt werden.“

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen