10.12.2009 · Die bisher von der Regierung verbreitete Darstellung, es sei bei der Bombardierung im September vor allem darum gegangen, Tankwagen zu zerstören, ist nur ein Teil der Wahrheit. Gerade im Raum Kundus ging und geht es darum, Terroristen zu jagen und festzusetzen. Falls nicht anders möglich: zu töten.
Von Eckart LohseEs ist Donnerstag der 7. Mai dieses Jahres. In Faizabad, im Nordosten Afghanistans, ergreift die Bundeswehr einen wichtigen Taliban-Führer. Das heißt: Nicht die Bundeswehr im Allgemeinen schlägt zu, sondern das geheimnisumwitterte Kommando Spezialkräfte (KSK), die weltweit einsetzbare Elite-Einheit für Sonderoperationen, wie Geiseln befreien - oder Taliban jagen. Bis zu jenem Tag behandelte das Verteidigungsministerium Einsätze der KSK als Staatsgeheimnis. Doch einen Tag nach der Gefangennahme, am 8. Mai, verkündet ein Sprecher des Hauses in Berlin geradezu stolz den Erfolg in Faizabad. Sogar der damalige Verteidigungsminister Jung meldet sich zu Wort: „Mit dieser erfolgreichen Operation, die lange vorbereitet war und bei der ein ranghoher Terrorverdächtiger festgenommen wurde, haben die deutschen Spezialkräfte ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt.“
Die Beteiligung der KSK an der Anti-Terror-Operation Enduring Freedom ist zwar seit 2008 beendet. Aber unter Isaf-Mandat ist die Truppe weiterhin in Afghanistan unterwegs. Das weiß auch der Gegner. Und noch mehr: „Jeder, der unsere Soldaten und die unserer Alliierten in Afghanistan angreift, muss wissen, dass er bekämpft und zur Verantwortung gezogen wird,“ fügt Jung noch hinzu.
Im Bericht taucht das Wort „vernichten“ auf
Das gehört zur Vorgeschichte der Nacht vom 3. auf den 4. September, als auf Befehl eines deutschen Obersts zwei gekaperte Tanklastzüge bombardiert und dabei bis zu 142 Menschen getötet werden. Denn das KSK spielte dabei eine Rolle. Die bisher vor allem von der Bundeswehr und der Bundesregierung verbreitete Darstellung, es sei bei der Bombardierung vor allem darum gegangen, die Tankwagen zu zerstören, bevor sie als mögliche Riesensprengsätze gegen die Isaf-Truppen und gegen die Bundeswehr eingesetzt würden, ist nur ein Teil der Wahrheit. Gerade im Raum Kundus ging und geht es darum, Aufständische, mögliche Terroristen, Taliban zu jagen und festzusetzen. Falls nicht anders möglich: zu töten. Im ersten Bericht, den der allenthalben als „besonnen“ charakterisierte Oberst Klein über den Bombenabwurf am 4. September abfasst, taucht das Wort „vernichten“ auf.
„Tracken“ nennen es die KSK-Soldaten, wenn sie Aufständische aufspüren und verfolgen. Behilflich dabei ist immer wieder der Bundesnachrichtendienst, der sich unter anderem auf das Abhören von Telefonaten versteht. Getrackt hat die KSK offenbar über den vorigen Sommer vier wichtige Taliban-Führer. In der Nacht vom 3. auf den 4. September tauchen sie bei den gekaperten, auf einer Sandbank festgefahrenen Tanklastern auf. Im Lager Kundus sitzen Bundeswehrhauptmann N. und Oberfeldwebel W. Sie befinden sich nicht im allgemeinen Gefechtsstand, sondern in demjenigen der Task Force (TF) 47. Diese Einheit besteht in ihrem Kern aus KSK-Soldaten, allerdings nicht ausschließlich. Der Hauptmann und der Oberfeldwebel gehören nicht zur KSK, wohl aber zur TF 47.
Der Hauptmann „führt“, wie das im Fachjargon heißt, eine afghanische Quelle, einen Informanten. Dieser berichtet von den vier Talibanführern, die sich bei den Tanklastern aufhielten. Der Hauptmann verlässt sich auf den Informanten. Abgehörte Telefonate mögen ihn in seiner Meinung bestärken.
Obwohl bereits kurz nach 21 Uhr von der Entführung der Fahrzeuge berichtet wird, kommt Klein, der als Oberst im Rang weit über dem Hauptmann und allzumal dem Oberfeldwebel steht, erst nach Mitternacht hinzu. Er hat sonst keinen ranghohen Offizier dabei, auch nicht seinen Rechtsberater. Klein begibt sich in den Gefechtsstand der KSK, weil es dort die bessere Technik zum Auflösen der Luftaufnahmen gibt, mit deren Hilfe die Lage beurteilt werden soll.
General Vollmer wird nicht eingeschaltet
Die Aufnahmen sind gut, viel besser als das, was inzwischen jedermann auf „YouTube“ anschauen kann. Schon drei Tage nach dem Vorfall wird der später entlassene Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium Wichert in einem internen Bericht schreiben, ein amerikanisches Flugzeug vom Typ B1-B habe am 3. September um 23.14 Uhr gemeldet, dass „etliche“ (Wichert setzt in Klammern das englische Originalwort „several“ hinzu, das auch „mehrere“ bedeuten kann) Personen in der Nähe der Lastwagen Waffen trügen. Sogar Einzelheiten konnten ermittelt werden: Es habe sich um „Handwaffen vom Typ AK-47 - das ist die berühmte Kalaschnikow - und Panzerfaust RPG gehandelt.
Auch Klein ist kein KSK-Soldat. Aber als Kommandeur des Lagers in Kundus ist er auch für die TF47 zuständig. Zur Zeit seines Kommandos ist der erste deutsche Soldat im Gefecht gefallen, seine Leute sind ständigen Angriffen ausgesetzt, es gibt bereits viele Tote. Nun erfährt er, dass vier Anführer und zwei mögliche rollende Bomben, die Tanklaster, auf einen Schlag vernichtet werden könnten. Es ist nicht im Detail bekannt, wie die beiden rangniedrigeren TF-47-Soldaten auf Klein im Einzelnen eingewirkt haben oder ob es noch weitere gab. Aber es ist gut vorstellbar, dass sie ihm die Attraktivität des Ziels sehr deutlich gemacht haben - sofern das erforderlich war.
Der Vorschlag der amerikanischen Piloten, durch Überfliegen der Tanklaster in geringer Höhe die Menschen zu verscheuchen, wird von Klein mehrfach abgelehnt. Immerhin kreisen die Flugzeuge ja schon eine Weile, für jedermann hörbar. Doch der Oberst verzichtet dann auch darauf, General Vollmer, den zuständigen Regionalkommandeur, einzuschalten. Das hätte er tun müssen. Warum lässt er es? Wohl kaum weil ein Hauptmann, der einer Einheit zugeordnet ist, die im Kern aus KSK-Soldaten besteht, ihn dazu drängt.
„Ich habe mehrere Bosse, die ich erst um Erlaubnis bitten muss“
Ob der Untersuchungsausschuss die genauen Motive Kleins für diese Unterlassung ans Tageslicht bringt, ist ungewiss. Aber vielleicht kann Jonathan J. Vaccaro erst einmal weiterhelfen. Er war von Januar bis Juli dieses Jahres als amerikanischer Offizier in Afghanistan. Vaccaro berichtet eindrucksvoll, wie das Ergreifen von Aufständischen mit Hilfe der internationalen Truppen immer wieder an der Militärbürokratie scheitert. Er erzählt vom Auftauchen eines gesuchten Talibanführers in einem Dorf, schildert wie zwei „Chinook“-Hubschrauber bereit zum Abheben sind, die afghanischen Soldaten auf das Startzeichen warten, wie er selbst in ein Telefon schreit: „Von wem brauchen wir denn jetzt noch die Zustimmung? Noch ein Oberst? Warum?“ Schließlich scheitert die Operation, weil die Einwilligung der elf (!) zuständigen Instanzen nicht rechtzeitig zu bekommen ist.
Einige, so beschreibt es Vaccaro, sind nicht aufzufinden, einige finden die Idee gut, andere haben Bedenken. Resigniert zieht der amerikanische Offizier Bilanz: „Unsere Antwort auf die Bitte der Afghanen um Hilfe heißt: Heute und morgen kann ich nicht kommen, vielleicht nächste Woche. Ich habe mehrere Bosse, die ich erst um Erlaubnis bitten muss.“
Vaccaro hat seinen Bericht am Mittwoch in der „International Herald Tribune“ veröffentlicht. Vielleicht hat Oberst Klein ihn gelesen, in seiner jetzigen Verwendung in Leipzig hat er vermutlich die Zeit dazu. In Kundus hatte er weniger Zeit zum Lesen. Da musste er unter enormem Druck handeln. Nicht nur, weil er das Leben seiner Soldaten zu schützen hatte, sondern auch, weil die afghanische Seite ein hartes Vorgehen von ihm erwartete. Winfried Nachtwei, einer der besten Afghanistankenner unter den deutschen Sicherheitspolitikern, erinnert sich in einem seiner minutiösen Reiseberichte an eine Szene aus dem Juni. Da habe der afghanische Geheimdienstchef den deutschen Kommandeur in Kundus „frotzelnd angemacht“ wegen seiner militärischen Zurückhaltung. Dieser habe das ganz gelassen genommen. Vielleicht war Klein ja doch nicht so gelassen.
Anfang Oktober 2009, der 4. September liegt zwei Monate zurück, die Bundestagswahl immerhin zehn Tage. Zwanzig Kilometer südlich von Kundus werden früh morgens um drei Uhr 15 Verdächtige festgenommen. Die Operation wird mit Kampfhubschraubern aus der Luft unterstützt. Die Soldaten stammen vom Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr.
Eckart Lohse Jahrgang 1963, Leiter des Büros der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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