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Afghanistan Ein Krankenhaus im Krieg

17.06.2010 ·  Ein Besuch im überfüllten Mirwais-Krankenhaus in Kandahar verrät viel über den Krieg, der in der Provinz tobt. Dort liegen Menschen, die für ihr Leid eher amerikanischen Bomben die Schuld geben als Selbstmordattentätern der Taliban.

Von Friederike Böge, Kandahar
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Es ist kurz nach zehn Uhr abends, als der Krieg wieder einmal über das Mirwais-Krankenhaus hereinbricht. Innerhalb weniger Minuten werden 87 Verletzte in das 380-Betten-Hospital eingeliefert. In Taxis und Polizeiautos. Denn die Krankenwagen verlassen die Stadt aus Sicherheitsgründen schon lange nicht mehr. Über das Staatsfernsehen werden alle verfügbaren Ärzte in die Klinik gerufen, im Radio wird zu Blutspenden aufgerufen. 19 der 87 Verletzten überleben die Nacht nicht. In Arghandab, einem Distrikt in der südafghanischen Provinz Kandahar, hat sich ein Selbstmordattentäter auf einer Hochzeitsfeier in die Luft gesprengt. So jedenfalls lautet die offizielle Version der Ereignisse. Die Patienten werden später etwas anderes erzählen.

Ein Besuch im Mirwais-Krankenhaus von Kandahar verrät viel über den Krieg, der draußen tobt. Darüber, mit welchen Mitteln er geführt wird. In welchen Distrikten er am heftigsten wütet. Und welche Kosten er fordert. Auf der Intensivstation liegen die Opfer von Autobomben, verirrten Kugeln, Luftangriffen und Selbstmordattentaten. Rund 70 Prozent der Patienten, die hier operiert werden, haben Kriegsverletzungen erlitten.

Bis heute weiß er nicht genau, was passiert ist

Die Röntgenbilder, die an den Fußenden ihrer Krankenbetten aufbewahrt werden, zeigen neben den Knochen kleine weiße Flecken, die von Granatsplittern und Geschossteilen zeugen. Für gewöhnliche Unfallopfer und Blinddarmpatienten bedeutet das monatelange Wartezeiten. Im gesamten südlichen Afghanistan gibt es keine zweite Klinik, in der komplexe chirurgische Eingriffe vorgenommen werden können. Deshalb kommen die Patienten auch aus den umkämpften Nachbarprovinzen Urusgan, Zabul und Helmand.

In einem der Krankenzimmer liegt Mohammad Gran. Ein Verband bedeckt seine Brust. In seinem rechten Arm steckt ein Infusionsschlauch. Der junge Bauer war auf der Hochzeit in Arghandab, die vor einigen Tagen in einem Blutbad endete. Bis heute weiß er nicht genau, was passiert ist. Nur, dass sein Vater, sein Schwager und ein Onkel getötet wurden. „Wir waren gerade dabei, das Essen zu verteilen“, berichtet er. An die Zeit danach kann er sich nur schemenhaft erinnern. „Als ich aufwachte, waren alle dabei, nach Überlebenden zu suchen.“

Den Erklärungen der Behörden, dass die Taliban einen Selbstmordattentäter in den Hochzeitssaal eingeschleust hatten, glaubt Gran nicht. Er ist überzeugt, das amerikanische Militär habe die Gesellschaft aus der Luft bombardiert, weil die Hochzeitsgäste als Ausdruck der Freude mit Gewehren in die Luft geschossen hatten. „Die Koalitionstruppen haben uns gesagt, dass wir das nicht tun sollen“, sagt der Patient. „Aber es ist doch unsere Tradition.“ Auch andere Verletzte und einige Ärzte glauben an diese Version. „Wir vertrauen den Amerikanern nicht!“, ruft ein aufgebrachter Vater, dessen Sohn im Nachbarbett liegt.

Die Vorstellung, ausländische Truppen würden regelmäßig Hochzeitsfeiern bombardieren, gehört zum Standardrepertoire der Taliban-Propaganda und hat sich ins kollektive Bewusstsein der Kandaharis eingebrannt. Vor zwei Jahren waren in der Provinz 37 Hochzeitsgäste getötet worden. Die afghanische Regierung machte amerikanische Truppen dafür verantwortlich. Das Militär erklärte, es habe in der fraglichen Gegend Kämpfe gegen die Taliban gegeben, bei denen auch Luftunterstützung angefordert worden sei.

Der Krieg hat die Menschen religiös gemacht

Im Aufenthaltsraum der Ärzte hängen Bilder von Schweizer Bergdörfern. Ein Poster zeigt das Frankfurter Mainufer. Der stellvertretende Krankenhauschef, Doktor Sidiq, lacht. Es ist das gleiche nervöse, fast hysterische Kichern, mit dem so viele Männer in Kandahar auf die Frage nach ihren Ängsten antworten. Wie er damit umgehe, dass jeden Tag mehr Kriegsversehrte eingeliefert würden und dass das Morden inzwischen selbst vor der Innenstadt nicht mehr haltmache? „Wissen Sie“, sagt der Kinderarzt und grinst, „wir sind Muslime. Wir glauben an Gott.“ Nach 30 Jahren Krieg sei das Sterben für ihn „normal“ geworden. Natürlich stimmt das nicht.

Jeden Morgen, wenn Sidiq zur Arbeit geht, steht seine 12 Jahre alte Tochter an der Tür und sagt Koranverse auf. Sie tut das seit dem 8. Juni 2008, als vor dem Haus eine Autobombe explodierte. „Seitdem weiß sie, dass es in Gottes Hand liegt, uns zu beschützen oder zu töten“, sagt der Arzt. Der Krieg hat die Menschen religiös gemacht. Außer Gott ist ihnen wenig geblieben. „Jeden Tag machen mir meine Tochter und meine Frau Vorwürfe“, sagt Sidiq. „Warum hast du uns hierher zurückgebracht?“, fragen sie. Bis 2005 lebte die Familie im pakistanischen Exil, wohin sie vor dem Bürgerkrieg geflüchtet war. Vor fünf Jahren gab es noch Hoffnung in Kandahar. An den Wochenenden fuhren die Städter in die Distrikte zum Picknicken. Die gleichen Distrikte, die heute von den Taliban kontrolliert werden.

Das Krankenhaus platzt aus allen Nähten

Im Februar gab die Nato-Schutztruppe Isaf Pläne für eine massive Operation in Kandahar bekannt, die die Taliban aus ihrer wichtigsten Hochburg vertreiben soll. Seither ist die „Operation“ - zumindest rhetorisch - zu einem „Prozess“ herabgestuft worden. Vor einer Woche erklärte der Kommandeur der Isaf-Truppen, der amerikanische General McChrystal, dass die Offensive länger brauchen werde als ursprünglich gedacht. Von Verzögerungen war die Rede. Ein Blick in die Patientenakten des Mirwais-Krankenhauses zeigt: Die Operationen sind längst angelaufen, und auch die Aufständischen haben ihre militärischen Aktivitäten ausgeweitet.

„Wir merken, dass der Druck auf das Krankenhaus seit Wochen zunimmt“, sagt ein Chirurg, der mit einem Filzstift „Doctor Yaseer“ auf seinen weißen Kittel geschrieben hat. Die Zahl der Verwundeten steige kontinuierlich - ebenso wie die Überstunden der Ärzte, die hier längst niemand mehr zählt. Das Hospital platzt aus allen Nähten. Auf den Gängen und im Treppenhaus sitzen eng gedrängt die Angehörigen der Patienten; Frauen in den für Kandahar typischen farbigen Burkas, Männer mit Turbanen, barfüßige Kinder. Auf der Kinderstation liegen knapp 100 Patienten - obwohl die Abteilung für 40 ausgelegt ist. Auf der Intensivstation der Frauen liegen viele Patientinnen mit Schusswunden. Sie berichten, wie sie zwischen die Fronten geraten sind.

„Es gibt regelmäßig Streit mit der Polizei“

Der Arzt Yaseer beklagt, dass die internationale Gemeinschaft parallel zu den Vorbereitungen für die Militäroffensive nicht ihre Unterstützung für das Gesundheitssystem ausgebaut habe. Vor allem werde eine eigene Abteilung für verletzte Polizisten gebraucht, sagt er. Obwohl sie am häufigsten angegriffen werden und die höchsten Opferzahlen zu beklagen haben, gibt es für sie - im Gegensatz zum afghanischen Militär - kein eigenes Krankenhaus. „Es gibt regelmäßig Streit mit der Polizei“, sagt Yaseer. Selbst bei kleineren Verletzungen verlangten sie, als Erste behandelt zu werden.

Es werden hier auch viele Mitarbeiter privater Sicherheitsfirmen operiert, die vor allem für den Schutz von Nato-Konvois eingesetzt werden. Ein Insider sagt, dass beispielsweise das Unternehmen der Karzai-Familie „Watan Risk Management“, das Nachschublieferungen auf der Route Kabul-Kandahar begleitet, pro Monat 50 Tote und Verletzte zu beklagen habe. Da viele der Firmen im Schattenreich zwischen Legalität und Verbrechen operieren und die Isaf wohl wenig Interesse an einer Veröffentlichung hat, gibt es keine offiziellen Zahlen. Das Mirwais-Krankenhaus, das vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) unterstützt wird, sieht sich als neutraler Akteur mitten im Kriegsgebiet. Auch Talibankämpfer werden hier behandelt. „Wir fragen nicht danach, wen wir vor uns haben“, sagt der stellvertretende Klinikchef Sidiq. In der Frauensektion wurde eine Krankenschwester vor einiger Zeit entlassen, weil sie sich weigerte, die Ehefrau eines Taliban-Kommandeurs zu betreuen.

Im Polizeihauptquartier, fünf Minuten Autofahrt vom Krankenhaus entfernt, führt das IKRK gerade einen Erste-Hilfe-Kurs für Polizisten durch. Die Trainerin, eine Französin, erklärt zunächst das neue Taxinetz ihrer Organisation. 25 Fahrer in den Provinzen Kandahar, Helmand und Urusgan wurden mit IKRK-Ausweisen ausgestattet. Sie sollen Verletzte aus den Konfliktregionen bergen. Dabei gehen sie erhebliche Risiken ein. Nicht nur, weil die Straßen und Wege oft vermint sind und die Gefahr besteht, dass sie in Feuergefechte geraten.

Es dürfte schwierig sein, das Vertrauen der Aufständischen zu gewinnen

Die Männer sind auch Grenzgänger zwischen von den Taliban kontrollierten und von der Regierung kontrollierten Gebieten. Die Patienten, die sie transportieren, gehören möglicherweise einer der Konfliktparteien an. Das macht die Fahrer verdächtig. „Selbst wenn der Verletzte ein Kämpfer ist, sollte er nicht festgenommen werden“, bekräftigt die Trainerin. Ein besonders eifriger unter den Polizisten meldet sich und sagt: „Wir lassen sie fahren, weil wir wissen, dass sie ein Recht auf Zugang zu ärztlicher Versorgung haben.“ Dennoch gibt es Berichte, nach denen einzelne Polizei- und Geheimdienstchefs die Krankentransporte stoppen und Verletzte festnehmen lassen.

Auch an Checkpoints der Aufständischen müssen die Krankenfahrer fürchten, als Spione bestraft zu werden, wenn sie verletzte Polizisten transportieren. Die IKRK-Ausweise sollen den Fahrern die Durchfahrt erleichtern. Die Aufständischen sind jedoch so fragmentiert, dass es schwierig sein dürfte, ihr Vertrauen zu gewinnen. Am Nachmittag kommen die Politiker ins Krankenhaus. Bürgermeister Ghulam Hayder Hamidi und der Distriktgouverneur von Arghandab, Abdul Jabar, wollen den Opfern vor laufenden Kameras ihr Mitgefühl aussprechen. Die Angehörigen, die an einen amerikanischen Luftangriff glauben, werden vorsichtshalber aus den Zimmern verbannt. „Ich bitte Gott, ihren Tod zu rächen“, sagt der Bürgermeister in die Mikrofone und blickt dabei peinlich berührt auf die beiden westlichen Reporter.

Der Mann hat einen Großteil seines Lebens im amerikanischen Virginia verbracht. Die Mullah-Rhetorik geht ihm noch etwas holprig über die Lippen. Offenbar will er der Propaganda der Taliban entgegenwirken, die die Regierung als ungläubig diffamiert. Der Distriktgouverneur befasst sich vor allem mit der Zahl der Opfer, die nach Angaben der Provinzregierung bei 40 liegt. „Diese Liste lehnen wir ab“, sagt der Mann. Tatsächlich seien es 84 Tote. Der Selbstmordattentäter sei ein 14 Jahre alter Junge gewesen. Das habe man anhand seiner Füße festgestellt.

Zivile Opfer gab es bislang selten

Arghandab gilt als regierungsfreundlicher Distrikt, in den große Summen an Entwicklungsgeldern fließen und in dem man auch den Amerikanern wohlgesinnt ist. Er ist eine Pufferzone zwischen der Stadt Kandahar und den Rückzugsdistrikten der Taliban. Mit Hilfe amerikanischer Spezialeinheiten haben sich hier zahlreiche lokale Milizen gebildet, die gegen die Aufständischen kämpfen. Mehrere ranghohe Milizionäre waren auch auf der Hochzeitsfeier. Wollten die Angreifer vor allem sie treffen? „Möglich. Bestreiten können wir das nicht“, sagt der Distriktgouverneur. Drei Tage später ist Jabar tot. Am Dienstagabend explodierte neben seinem Wagen eine Autobombe - mitten in der Innenstadt.

Der Angriff auf die Hochzeitsgesellschaft hat das leidgeprüfte Kandahar geschockt. Ein wahlloses Morden mit einer möglichst hohen Zahl an Toten wie im Irak oder Pakistan gab es bislang selten. „Angesichts des Chaos und der Menge an Waffen, die es hier gibt, ist es erstaunlich, dass es nicht mehr zivile Tote gibt“, sagt ein gut informierter Beobachter. Die meisten Anschläge richteten sich noch immer eindeutig gegen Vertreter der Konfliktparteien.

Möglicherweise, so heißt es in Kandahar, sei dies darauf zurückzuführen, dass die Kommandeure der Taliban bislang traditionsbewusste Kandaharis gewesen seien, deren Freunde und Familien hier lebten. Aber ein Teil der alten Garde wurde in den vergangenen Monaten von der Isaf getötet. Die Nachrücker sind junge Männer aus den Koranschulen in Pakistan, die nichts zu verlieren haben. Manche in Kandahar fragen nun, ob das Blutbad von Arghandab ein Wendepunkt war - hin zu einer noch brutaleren Kriegsführung. Das Mirwais-Krankenhaus könnte die Folgen kaum bewältigen.

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