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Afghanistan Die Kronprinzen von Kandahar

24.06.2010 ·  Zwei Neffen Hamid Karzais sind dem Ruf des Geldes und ihrer Verwandten in den Süden Afghanistans gefolgt. Dort wollen die College-Boys aus Amerika zu Stammesführern der Zukunft werden. Das gefällt nicht jedem in Kandahar.

Von Friederike Böge, Kandahar
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Schon in den ersten beiden Worten steckt die ganze Widersprüchlichkeit seines Daseins. „Hi guys“, sagt Zabeh Karzai, als sei er soeben aus einem amerikanischen College-Film entstiegen. Der Neffe des afghanischen Präsidenten steht inmitten einer Gruppe von Stammesältesten. Mehr als hundert von ihnen haben sich am Morgen im Haus des Präsidentenbruders Ahmad Wali Karzai in Kandahar eingefunden. Es geht zu wie an einem mittelalterlichen Königshof. In den Zimmern des mehrstöckigen Hauses sitzen Militärs, Unternehmer, Stammesvertreter, Männer mit Bärten und Turbanen und warten auf eine Audienz bei Ahmad Wali Karzai, genannt „AWK“, dem mächtigsten Mann im Süden Afghanistans.

Mittendrin ist Zabeh Karzai, 25 Jahre alt, bis 2008 Student in Kalifornien. Damals trug er Jeans und T-Shirt, hatte eine amerikanische Freundin, einen amerikanischen Pass und kannte Afghanistan nur aus dem Fernsehen. Dann entschied er sich, gemeinsam mit seinem älteren Bruder eine Firma in Kandahar zu gründen. Dort, wo derzeit ein Goldrausch um Zulieferverträge für das amerikanische Militär ausgebrochen ist.

Der Schäferhund der Karzai-Brüder heißt Obama

Altus Supply Services and Logistics, so heißt das Unternehmen, es beliefert die internationalen Truppen im Süden mit Fahrzeugen und technischem Gerät. Vielleicht ist es Zufall, dass Zabeh an diesem Morgen im Haus seines Onkels weilt. Möglich ist aber auch, dass Ahmad Wali Karzai ihn gebeten hat, die ausländischen Reporter in Empfang zu nehmen, um sie milde zu stimmen. Denn AWK bekommt in der Regel keine gute Presse. Ihm werden regelmäßig Verbindungen zum Drogenhandel, zu fragwürdigen privaten Sicherheitsdiensten und Grundstücksgeschäften nachgesagt.

„Nennen Sie mich Zak“, sagt der junge Mann und setzt ein charmantes Lächeln auf. Er sei enttäuscht von der Berichterstattung über seinen Onkel. „Sie müssen bedenken“, sagt Zabeh Karzai, „dass schon acht Selbstmordattentate auf ihn verübt wurden.“ Damit will er wohl sagen: Wenn es „AWK“ allein um persönliche Bereicherung gehen würde, hätte er sich dafür einen angenehmeren Ort aussuchen können. „Sie müssen bedenken“ - so beginnen viele von Zabehs Sätzen, wenn er über die ständigen Widersprüche zwischen seiner amerikanischen Erziehung und der Realität in Kandahar spricht. Die Charmeoffensive mündet in einer Einladung zum Abendessen.

Am Eingang nimmt Obama die Gäste in Empfang - der Schäferhund der Karzai-Brüder. Zabeh und Ahsan sitzen im Arbeitszimmer über ihren Apple-Laptops. Auf dem Tisch steht eine Obstschale mit Lychees, Früchten, die es sonst in ganz Afghanistan nicht gibt. Mit einer Klingel unter seinem Schreibtisch ruft Zabeh einen Bediensteten heran, der den Tee serviert.

Aus den College-Boys sind in Kandahar Kronprinzen geworden. Aber der Preis, den sie dafür zahlen, ist hoch. Rund 15 Bombenanschläge wurden in den vergangenen Wochen in diesem Teil der Stadt verübt. 60 Fensterscheiben hätten sie austauschen müssen, berichtet Zabeh. Während er noch spricht, kommt per SMS die Nachricht „Abdul Jabar ist tot“. Der Distriktgouverneur von Arghandab sei ein Freund gewesen, sagt der Karzai-Neffe. An solche Nachrichten habe er sich inzwischen gewöhnt. Neulich sei er auf einer Beerdigung von der Familie des Toten gebeten worden, möglichst schnell wieder zu gehen. „Mit den Karzais will niemand assoziiert werden“, sagt Zabeh. Aus Angst.

„Wir sind hier die Stammesführer“

Anfangs kam Zabehs amerikanische Freundin noch alle zwei Monate aus Kalifornien. Dann nicht mehr. „Man muss loslassen können“, sagt der junge Mann und spricht über seine Vorfahren. Über seinen Großvater etwa, der von den Taliban ermordet wurde. Es ist wohl eine Mischung aus Abenteuerlust, Geschäftssinn und dem Gefühl familiärer Verpflichtung, die ihn 2009 nach Kandahar trieb. „Wir sind hier die Stammesführer“, sagt er. Ein kurioser Satz für einen jungen Mann, der seine Freizeit mit Hollywoodfilmen, einem Boxsack und einer Laufmaschine verbringt. Sein Bruder Ahsan gesteht freimütig ein: „Wir würden innerhalb einer Woche durchdrehen, wenn wir auch noch die Abende mit den Stammesältesten verbringen müssten.“ Viele von ihnen würden nur alle zwei Wochen ihre Kleidung wechseln.

Die Karzai-Neffen begreifen sich als moderne Aufklärer. Den Mangel an Bildung und Ehrgeiz haben sie als gesellschaftliches Problem in Kandahar ausgemacht. Jeder Mitarbeiter ihres Unternehmens, berichten sie, werde fortgebildet. Ein Wächter, der sich geweigert habe, an einem Englisch-Kurs teilzunehmen, sei entlassen worden. Zu seinem eigenen Besten, versteht sich.

Kandahar ist kein leichtes Pflaster für Jungunternehmer

„Hund frisst Hund“. Jeder gegen jeden. So beschreiben die Karzai-Neffen den Wettbewerb um die Zulieferverträge der internationalen Truppen, die in den vergangenen Monaten im Rahmen der neuen amerikanischen Strategie um Tausende von Soldaten ausgeweitet wurden. 500 Unternehmen seien bei der Militärbasis in Kandahar registriert, sagt Zabeh. Ein Großteil des Geldes fließe an amerikanische Firmen, beklagt er. Ein Beispiel: Die Firma Altus verkaufe Generatoren als Subunternehmer für 28.000 Dollar pro Stück an einen amerikanischen Auftraggeber. Dieser verkaufe sie für 45.000 Dollar weiter an das Militär. Dennoch weigere sich die Armee, einen direkten Vertrag mit Altus abzuschließen.

Andererseits sei er ganz froh, nicht direkt mit dem Militär Geschäfte machen zu müssen, sagt Zabeh. Die Kontaktpersonen wechselten so häufig, dass niemand wisse, wer zuständig sei. Mehrere von Altus vermietete Baumaschinen seien bereits irgendwo im Feldlager verschollen. Fahrzeuge, die er an das Militär vermietet habe, seien schwer reparaturbedürftig zurückgekommen - etwa, weil die Soldaten Kerosin statt Benzin in den Tank gefüllt hätten. Kandahar ist offensichtlich kein leichtes Pflaster für Jungunternehmer. Aber es scheint sich zu lohnen.

Schmierenkampagne der westlichen Sicherheitsfirmen

Das meiste Geld verdienen allerdings die privaten Sicherheitsfirmen. 2,16 Milliarden Dollar zahlt das amerikanische Militär an acht Unternehmen, die einen Großteil der Versorgungstransporte an die 200 Stützpunkte im Land absichern. So steht es in einem in dieser Woche veröffentlichten Bericht eines amerikanischen Kongressausschusses (siehe Kasten). Diese Vertragnehmer beauftragen ihrerseits lokale Subunternehmen, von denen viele kaum mehr sind als legalisierte Kriegsfürsten mit ihren Privatarmeen. Diese Männer, die in Kandahar das große Geschäft machen, beschreibt Zabeh Karzai als Freunde der Familie.

Zum Beispiel der Kommandeur Ruhullah, der die Hauptstraße von Kabul nach Kandahar kontrolliert. „Er gehört wie wir dem Popolzai-Stamm an“, sagt Zabeh Karzai. Oder der Warlord Metiullah, der die Straße nach Urusgan kontrolliert. „Er ist für Urusgan, was mein Onkel für Kandahar ist. Die Leute stehen hinter ihm.“ Die zunehmende Kritik an den Männern in westlichen Medien tut er als Schmierenkampagne der westlichen Sicherheitsfirmen ab, die sich deren Marktanteile sichern wollten. Umgekehrt beschweren sich diese allerdings seit geraumer Zeit darüber, dass die afghanische Regierung die nötigen Lizenzen für Waffen, Fahrzeuge und Personal mutwillig verzögere, um die Ausländer aus dem Markt zu drängen.

„Wir sind gekommen, um zu bleiben“

„Sie wollen eben nicht, dass jeder John, Jo oder Larry hier mit einer Knarre herumläuft“, sagt Zabeh, der in den Straßen von Kandahar selbst als Amerikaner gilt. Im Militärcamp am Flughafen ist er dagegen ein Afghane. Zwischen diesen beiden Polen schwankt auch sein Weltbild. Der Staat müsse die Sicherheitsfirmen besser regulieren, sagt er einerseits und spricht von Autos ohne Nummernschilder und Waffen ohne Lizenzen. Das klingt nach Kalifornien. Andererseits betrachtet er die Tatsache, dass sein Onkel mächtiger ist als die offiziellen Vertreter der Regierung, als notwendiges Zugeständnis an die afghanische Realität. „Mein Onkel ist der Einzige, dem alle zuhören“, sagt Zabeh. „Wenn es ihn nicht gäbe, würde das totale Chaos ausbrechen.“

Es ist diese Fähigkeit, sich in beiden Welten zu bewegen, das Vertrauen der Amerikaner und der Afghanen zu gewinnen, die den Aufstieg der Familie Karzai nach dem Sturz der Taliban ermöglicht hat. Irgendwann wird der Neffe vielleicht selbst in die Fußstapfen seines Onkels treten. An eine Rückkehr nach Kalifornien denkt er jedenfalls vorerst nicht. „Wir sind gekommen, um zu bleiben“, sagt er und gesteht, dass ihm Kandahar am Anfang etwas unheimlich war. „Aber dann habe ich gedacht: Da musst du jetzt durch.“

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