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Afghanistan Der lange Schatten der Taliban

14.07.2010 ·  In Kandahar wird noch immer den alten Größen des Taliban-Regimes gehuldigt. Auch die Propaganda-Poesie der Islamisten ist beliebt und wird unter der Hand verkauft. Aber vor allem die Angst der Bürger ist der Grund für ihren Einfluss.

Von Friederike Böge, Kandahar
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Der Grabstein von Mullah Jar Mohammad ist fast zwei Meter hoch und von oben bis unten mit arabischen Schriftzeichen bedeckt. Der Mann habe in seinem Leben 15 Hubschrauber abgeschossen, heißt es auf der weißen Marmorplatte. In der Taliban-Ära in den neunziger Jahren sei er Gouverneur der Provinzen Kandahar, Zabul und Herat gewesen.

Sogar eine kleine Anekdote ist in den Stein eingraviert, den sein Bruder für ihn anfertigen ließ: Taliban-Führer Mullah Omar habe Jar Mohammad einmal wegen der Verschwendung von Staatsgeldern zur Rede gestellt. Dieser habe sinngemäß geantwortet: Mullah Sahib, weißt du noch wie es war, als wir nichts hatten? Schon damals habe ich alles, was ich besaß, an die Armen verteilt.

Es ist menschenleer auf dem „Taliban-Friedhof“ von Kandahar. Der Wind trägt den Verkehrslärm von der Landstraße herüber, aus dem Fenster der angrenzenden Koranschule dringen Jungenstimmen. Ansonsten ist nur das Flattern der grünen Fahnen zu hören, die an langen Stangen über den Gräbern wehen. Mit Schnüren haben die Besucher kleine Stofffetzen daran angebracht. Darunter viel blaues Polyester, der Stoff, aus dem der Ganzkörperschleier der Frauen, die Burka, gefertigt ist. So werden in Afghanistan Märtyrer geehrt.

Das spirituelle Zentrum als Kernpunkt der Nato-Strategie

Kandahar ist das spirituelle Zentrum der Taliban. Hier begann 1994 ihr Siegeszug. Von hier stammen viele Mitglieder ihres Führungsgremiums, der Quetta Shura. Deshalb steht die Stadt im Zentrum der Nato-Strategie für Afghanistan. Eine Schwächung der Aufständischen in ihrem Kernland hätte große symbolische Bedeutung. Wenn sie denn gelänge.

Mindestens ein Dutzend Größen des Taliban-Regimes sind auf dem Friedhof beerdigt. Minister, Gouverneure, Kommandeure, die aus dem damals im Chaos versinkenden Bürgerkriegsland Afghanistan eine eisige Scharia-Diktatur machten. Mullah Borjan etwa, der 1996 die Eroberung Kabuls befehligte. Mullah Rabbani, der damalige zweite Mann in der Taliban-Hierarchie. Diesen Männern wird hier gehuldigt.

Auf den mit weißen Fliesen eingefassten Steingräbern stehen Gläser mit Salz. Daneben sind überall die weißen Körner verteilt. Viele Menschen hier glauben, dass das Salz der Märtyrer Krankheiten und Familienstreitigkeiten heilen kann. An Wochenenden und Feiertagen kommen die Pilger zu den Gräbern der Taliban.

„Früher hatten wir so viele Besucher, dass die Parkplätze kaum ausreichten“, sagt der Friedhofswärter, ein barfüßiger alter Mann, der halb blind durch eine große Hornbrille starrt. Er kauert im Schatten einer Mauer und formt Lehmplatten. Inzwischen kämen weniger Besucher, sagt er. Die Leute seien zu sehr damit beschäftigt, Geld zu verdienen.

Grausige Geschichten vom Friedhof

Der Alte erzählt eine grausige Geschichte über die Anfänge des Friedhofs: Zu einer Zeit, als es noch keine Autos gab, seien die ersten sieben Koranschüler hier beerdigt worden. Angehörige der Volksgruppe der Hazara hätten ihnen die Haut abgezogen. Das klingt eher wie rassistische Folklore. Was er wohl selbst von den Taliban hält? Immerhin pflegt er ihre Gräber. „Meine Aufgabe ist es, diese Lehmplatten zu formen“, sagt der Alte. „Das ist mein Leben. Politik hat darin keinen Platz.“

Auf dem Rückweg in die Stadt dreht der Taxifahrer die Musikanlage auf, als er merkt, dass sich seine Fahrgäste für die Taliban-Poesie interessieren. In seinem Handschuhfach liegen gleich mehrere Propaganda-Kassetten. „Wenn ihr Amerikaner so stark seid, warum seht ihr nicht, dass das afghanische Volk leidet?“, intoniert eine hohe Stimme, die durch ein computererzeugtes Echo verstärkt ist. Auf der Gegenfahrbahn rollen die sandfarbenen Panzerfahrzeuge der internationalen Truppen vorbei.

Überall in Kandahar werden die Kassetten unter dem Ladentisch verkauft. Getarnt mit den Coverbildern klassischer Sänger werden sie aus dem pakistanischen Quetta importiert. Auf ihnen sind Titel wie „Mit deiner Erlaubnis, Mutter, ziehe ich in den Krieg“, „Geier haben den Platz der Nachtigallen eingenommen“ oder „Karzais Forderungen an Obama“ festgehalten; romantische Oden an das Vaterland, Verherrlichungen von Selbstmordattentaten, Beschimpfungen gegen jene, die mit den internationalen Truppen kooperieren. Und alles im klassischen Rhythmus traditioneller paschtunischer Lyrik. Der nationalistische Singsang ist populär, auch wenn die Dichter der Stadt die Nase rümpfen. „Es gibt einen Unterschied zwischen Lyrik und Slogans“, sagt der Poet Habibullah abfällig.

Der meistverkaufte Titel: Der Angriff auf das Sarpoza-Gefängnis

Ausländer können sich nicht mehr auf den Markt trauen, um Kassetten zu kaufen. Auch ein vorgeschickter Afghane kommt nicht besonders weit. Drei Händler wiegeln ab, der vierte erklärt ihm, warum: Er sehe nicht aus wie die klassischen Kunden, die jungen Männer vom Dorf. Die Stadtjugend habe schließlich keine Kassettenrekorder. Sie würden sich die Lieder als Klingeltöne oder Video-Clip auf ihrem Mobiltelefon speichern. Der Geheimdienst habe ein Auge auf das Musikgeschäft, sagt der Händler. Ihm drohe ein Bußgeld von umgerechnet 350 Euro. Der meistverkaufte Titel, sagt er, preise den Angriff der Aufständischen auf das Sarpoza-Gefängnis, bei dem 2008 um die tausend Häftlinge fliehen konnten.

Der immense Einfluss der Taliban in Kandahar hat allerdings weniger mit Sympathie zu tun als mit purer Angst. Im „Kandahar Café Shop“ sitzt ein junger Mann mit verbundenem Arm. Er sei vor einigen Tagen auf dem Markt von zwei Motorradfahrern angeschossen worden, berichtet er. Vorher habe er Drohanrufe bekommen, wie so viele, die für Ausländer oder die Regierung arbeiten. Schockiert ist er aber vor allem darüber, was danach geschah: Er rief um Hilfe, aber die Passanten wichen vor ihm zurück und eilten davon. Den schwerverletzten Mann ließen sie einfach liegen.

Der „Café Shop“ ist ein unwirklicher Ort in der vor Angst erstarrten Stadt. An den Wänden hängen Bilder von Fußballstars und Bodybuildern. Über der Theke, in der Kartoffelchips und Schokoriegel liegen, blinkt eine Neon-Reklame. Es gibt Billardtische, eine Dartscheibe und ein kleines Internetcafé. Ein Rückkehrer aus Amerika hat 2005 die Jugendkultur nach Kandahar gebracht. Wo, wenn nicht hier, sollte man Leute treffen, die sich über die Zukunft Gedanken machen?

Der 25 Jahre alte Farid kann mit dem Begriff Zukunft gar nichts anfangen. „Niemand weiß, was kommt. Vor uns liegt ein großes schwarzes Loch“, sagt der Bankangestellte, der gekommen ist, um den Akku seines sein Mobiltelefons aufzuladen, weil er zu Hause keinen Strom hat. Viele seiner Freunde hätten längst die Stadt verlassen, seien nach Kabul oder ins pakistanische Karachi gezogen.

Hauptsache raus

Einige seien nach Amerika verheiratet worden. Hauptsache raus. Er selbst habe vergeblich versucht, seinen Vater zum Gehen zu bewegen. Nicht alle Mitglieder der verzweigten Familie könnten sich einen Umzug leisten, erklärt Farid. Deshalb müssten nun alle bleiben. Statt nach vorn, blickt er zurück: In der Taliban-Zeit habe es wenigstens Stabilität gegeben.

Ein frischgebackener Polizist aus dem Unruhedistrikt Panjway, erzählt eine wirre Geschichte über einen Freund, der vor einem Monat erschossen worden sei. Er sei der Liebhaber eines Milizenführers gewesen, der ihn aus Eifersucht getötet habe. Es gebe zu viel unnötigen Wettbewerb in der Gesellschaft, kommentiert er den Vorfall, der auf die erschreckende Rechtlosigkeit in der Provinz verweist.

In den vergangenen Monaten wurde Kandahar von einer Serie von Exekutionen und Bombenanschlägen erschüttert. Das Morden begann, als die internationalen Truppen im Februar ihre Absicht erklärten, mit einer Kandahar-Offensive eine entscheidende Wende im Kampf gegen die Taliban einzuleiten. Die Einschüchterungskampagne erschwert nun einen zentralen Teil der Nato-Strategie: Die Zahl der Behördenmitarbeiter soll erhöht werden, um der Bevölkerung neues Vertrauen in die eigene Regierung zu geben.

Terrorismus als wildes Tier

Der versprochene Wiederaufbau hat schon sichtbare Ergebnisse gezeitigt: Frisch asphaltierte Straßen und Bürgersteige, wie es sie nicht einmal in der Hauptstadt gibt. Neu angepflanzte Alleen, Sonnenblumenbeete und Gemüsegärten am Straßenrand. All das macht die Bedrohung nur noch unheimlicher. Taxifahrer wechseln in vier Tagen drei Mal das Auto. Überall, so heißt es, seien Taliban-Spitzel postiert. „Terrorismus ist etwas, das man nicht sehen kann, aber man kann es fühlen“, wird später der umstrittene Halbbruder des Präsidenten, Ahmad Wali Karzai, sagen. „Er ist wie ein wildes Tier.“

Wie nervös die Menschen in der Stadt sind, ist auch daran zu merken, dass viele Gesprächspartner nicht genannt werden wollen. „Wenn Sie meinen Namen schreiben, bin ich tot“, sagt ein älterer Herr im Anzug, der seit Jahren Teil des Politikbetriebs in Kandahar ist. Er fürchtet jedoch nicht die Taliban, sondern kriminelle Netzwerke mit besten Verbindungen in die Regierung. „Die derzeitige Tötungskampagne geht zu 70 Prozent auf das Konto der Mafia“, sagt er.

Damit meint er eine Handvoll Milizenführer, die ihre Privatarmeen in Sicherheitsfirmen umdeklariert haben und die Zufahrtstraßen nach Kandahar kontrollieren. Seit immer mehr amerikanische Truppen in den Süden drängen, ist ihr Einfluss bares Geld wert, denn mit der Sicherung der Isaf-Nachschubkonvois verdienen sie Millionen. „Sie stehen über dem Gesetz“, sagt der Mann, der ungenannt bleiben will. „Die Polizei hat nicht einmal die Autorität, ihre Fahrzeuge zu kontrollieren.“ Nach Drogen zum Beispiel. Der Strippenzieher im Hintergrund sei niemand anderes Ahmad Wali Karzai, sagt der Mann, ohne konkret zu werden. Ein Stammesältester aus Arghestan, wirft den Karzais vor, die Macht unter wenigen Stämmen aufgeteilt zu haben. Diese würden ihre Positionen in Polizei und Geheimdienst nutzen, um rivalisierende Gruppen zu unterdrücken. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Arghestan vor wenigen Wochen an die Taliban gefallen ist.

„Keine Fragen zu meiner Person“

Der Präsidentenhalbbruder geht selbst ans Telefon. „Ja?“, bellt er – und stimmt wenig später einem Interview etwas missmutig zu. „Unter einer Voraussetzung: keine Fragen zu meiner Person.“ Zwei Stunden später in seiner schwerbewachten Villa beschreibt der Provinzratschef sich selbst bescheiden als „Vermittler zwischen der Regierung und der Bevölkerung“. Dass die Verfassung eine solche Rolle gar nicht vorsieht, scheint ihn nicht zu scheren. Das sei die Tradition der Paschtunen, sagt er, während draußen auf den Fluren mehr als hundert Stammesälteste auf ihn warten. Davon kann der weitgehend machtlose Gouverneur der Provinz, Tooryalai Wesa, ein ehemaliger Klassenkamerad eines anderen Karzai-Bruders, nur träumen.

Ahmad Wali Karzai, genannt AWK, sieht das Wiedererstarken der Taliban vor allem als ein militärisches Problem. „Wir brauchen dringend eine große Operation“, sagt er und lobt ausdrücklich die amerikanische Truppenverstärkung, die er früher kritisiert hatte. Über gute Regierungsführung, ein zentrales Element der Nato-Strategie, verliert er kein Wort. „Ich bin nicht der Meinung, dass wir mehr Regierung brauchen“, sagt er.

Stattdessen müssten die Stammesältesten wieder mehr Einfluss bekommen. Ohne einen „militärischen Sieg“ seien auch Friedensverhandlungen nicht sinnvoll, sagt er weiter und widerspricht damit offen der Versöhnungspolitik des Präsidenten. „Wir dürfen keine Schwäche zeigen. Sie werden sagen, wir seien verzweifelt.“ Die umstrittene Mardschah-Offensive in Helmand, die als Testlauf für die Kandahar-Operation gedacht war, stellt er als Erfolg dar. „Mardschah war eine Adresse. Ein Ort, an den die Taliban ihre ausländischen Trainer einladen konnten. Diese Adresse wurde zerstört.“ Ähnliches sollte nun in Kandahar geschehen, fordert er. „Wir sollten den Taliban keine Minute der Ruhe gönnen.“

Erschwerte Transportbedingungen

Kandahar ist eine Frontstadt, die viele Einwohner nur noch mit dem Flugzeug verlassen. Wie es jenseits der Stadtgrenze aussieht, weiß niemand so genau wie die Lastwagenfahrer, die Güter in die Distrikte und Nachbarprovinzen transportieren. „Für eine Fahrt, die früher zwei Stunden gedauert hat, brauchen wir heute zehn“, sagt Abdul Baqi aus Helmand, der in einem Truck-Store auf die nächste Ladung wartet. Gemeinsam mit zwei Kollegen sitzt er auf einem ausgefransten Teppich.

In den Regalen stehen Waschmittel, Kekse und Shampooflaschen. „Manchmal ist die ganze Ladung schon verrottet, wenn wir ankommen“, sagt Baqi. Oft müssten sie warten, weil der Weg durch Isaf-Konvois oder Gefechte zwischen Aufständischen und internationalen Truppen versperrt sei. An den Kontrollposten der Taliban werde die Waren daraufhin überprüften, ob sie für die Regierung oder die internationalen Truppen gedacht sei.

Keiner der drei Fahrer hat nach eigenen Angaben bislang Probleme mit den Aufständischen gehabt. Am schlimmsten seien die Straßensperren der Polizei. Korrupte Sicherheitskräfte hielten die Fahrer so lange fest, bis sie Schmiergeld zahlten oder ihr Mobiltelefon abgäben. „Viele der Polizisten sind drogenabhängig“, sagt Baqi. „Wenn wir nicht gehorchen, schlagen sie uns mit ihren Gewehrkolben.“ Seine Beschreibung erinnert ein wenig an Kandahar 1994. Damals hieß die Bevölkerung die Taliban willkommen, weil sie sie von marodierenden Banden und ihren Straßensperren befreiten. Die gleichen Banden, die heute in der Polizei sind.

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