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Tour de France Nichts als Verlierer

30.07.2007 ·  Nach der Skandal-Tour steht der Profi-Radsport vor einem Totalschaden. Nur noch ein matter, alter Glanz umgibt den mehr als 100 Jahre alten Klassiker. Betrug und Lügen, Ausreden und Verdächtigungen lasten wie Blei auf den Profis. Sieger Contador stürzt den Klassiker in die nächste Verlegenheit.

Von Rainer Seele, Paris
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Es war sehr warm in Angoulême, und so fielen die drei Männer, die sich immer in der Nähe des Fuhrparks von Discovery Channel aufhielten, umso mehr auf: Sie trugen allesamt schwarze Anzüge. Das war eine schweißtreibende Angelegenheit, aber offensichtlich hielt das amerikanische Team die Anwesenheit der Herren für unverzichtbar. Es handelte sich augenscheinlich um eine Leibgarde.

Vermutlich sollte sie weniger Alberto Contador beschützen, der sich nach dem Zeitfahren in Angoulême mit 23 Sekunden Vorsprung vor dem Australier Cadel Evans auf den Weg nach Paris machte – und Spanien damit am Sonntag den ersten Triumph bei der Tour de France seit 1995, seit dem letzten Erfolg von Miguel Indurain, bescherte. Die Aufpasser waren wohl eher wegen eines Mannes gekommen, der siebenmal nacheinander die Tour gewonnen hatte, danach – des Dopings beschuldigt – vom Rad stieg und Miteigentümer von Discovery Channel ist: Lance Armstrong.

Sieger mit Fragezeichen

Der Amerikaner, stets eine Reizfigur in Frankreich, saß in dem Wagen, der Contador während des Zeitfahrens begleitete. Armstrong dürfte sehr zufrieden gewesen sein. Mit Contador, dem 24 Jahre alten Spanier, der bei der von Affären überschatteten Tour die Gunst der Stunde nutzte – er bekam, nachdem der Däne Michael Rasmussen ausgeschlossen worden war, das Gelbe Trikot und trug es bis nach Paris.

Gesamtzweiter wurde am Sonntagnachmittag der Australier Cadel Evans (23 Sekunden Rückstand auf Contador), gefolgt vom Amerikaner Levi Leipheimer. Den Prestigesieg auf den Champs Elysees holte sich zum Abschluss der Italiener Daniele Bennati vor dem Norweger Thor Hushovd und Erik Zabel. Das Grüne Trikot des Punktbesten sicherte sich der Belgier Tom Boonen, „Bergkönig“ wurde der Spanier Mauricio Soler und die Teamwertung gewann das Discovery-Team.

Auch an Levi Leipheimer wird Armstrong Gefallen gefunden haben. Der Amerikaner war im Zeitfahren der Schnellste. Mithin prägte Discovery Channel diese Tour in besonderem Maß – allerdings weckte es damit auch, vor allem wegen Contador, große Skepsis.

Ein Mann mit Zukunft? Vorläufig gilt der junge Spanier eher als ein Mann mit spezieller Vergangenheit – und als ein Tour-Sieger mit Fragezeichen. Am Samstagabend hat der Mann in Gelb eine Pressekonferenz gegeben, das ist Usus bei der Tour. Und viele Fragen an Contador kreisten um die Anschuldigungen gegen den Spanier, von dem Blutspezialisten Eufemiano Fuentes betreut worden zu sein.

Auf alle Fälle starke Zweifel

Gerade berichtete die französische Zeitung „Le Monde“ wieder darüber, dass Contador im Zusammenhang mit dem spanischen Doping-Netzwerk in mehreren Dokumenten der spanischen Behörden auftauche. Häufig wird dabei das Kürzel „A. C.“ genannt – es steht angeblich für Alberto Contador. Doch der Spanier, der in den Bergen verblüffend schnell fuhr und von seinem belgischen Teamchef Johan Bruyneel schon als ein „neuer Armstrong“ gepriesen wird (Siehe auch: Cantador: Die spanische Version von Lance Armstrong?), blieb in Angoulême bei seiner Verteidigungsstrategie.

Sein Name stehe sicher nicht in den Akten, behauptete Contador. Er sei von der Fuentes-Liste gestrichen worden, der Internationale Radsportverband (UCI) habe diesen Fehler korrigiert. Zwar erklärte sich der Spanier grundsätzlich zu einer DNA-Analyse bereit, aber eigentlich sieht er dazu keinen Anlass – „weil ich unschuldig bin und das nicht beweisen muss“.

Der Nachfolger des Amerikaners Floyd Landis, der unmittelbar nach der Ehrung in Gelb des Testosteron-Dopings überführt wurde, ruft auf alle Fälle starke Zweifel hervor. Dass Contadors vermeintliche Verwicklung in den spanischen Doping-Ring nicht aufgeklärt werde, bereite ihm „extreme Bauchschmerzen“, klagte etwa Rolf Aldag, der Sportdirektor von T-Mobile. „Er selbst“, sagte er, „hat kein Interesse daran gezeigt.“ Für Aldag, dessen Team wegen des Doping-Verdachts gegen Patrik Sinkewitz um sein Fortbestehen bangen muss, geht die Tour 2007 generell mit einer besonderen Fußnote in die Sportgeschichte ein: „Sie hat nur Verlierer.“

Bedrohliche Schieflage

Tatsächlich gab es keinen Grund, das Finale am Sonntag in Paris in ausgelassener Stimmung zu begehen. Die Tour, bei der der Kasache Alexander Winokurow des Fremdblut-Dopings überführt wurde (Siehe auch: Auch B-Probe von Winokurow positiv), von der sich erst das Team Astana zurückziehen musste und dann auch Cofidis unfreiwillig Abschied nahm, geriet in eine bedrohliche Schieflage. „Die Tour ist schwer gestürzt, sie hat sich schwer verletzt, aber ich hoffe, dass dies ein Wendepunkt für den Sport ist“, sagte Patrice Clerc, der Präsident der Amaury Sport Organisation (Aso), die die Tour ausrichtet.

Dazu eskalierte während der 94. Frankreich-Rundfahrt der Machtkampf zwischen der Tour und der UCI, die der Tour nur schaden wolle – davon sind die Tour-Veranstalter überzeugt. Tour-Direktor Christian Prudhomme und Clerc griffen die UCI sehr scharf an; am liebsten sähen sie deren Führung um Präsident Pat McQuaid ausgetauscht. Eine Spaltung steht bevor; die Tour, die sich etwa in der Causa Rasmussen von der UCI hintergangen fühlt, strebt danach, unabhängig zu werden.

Großes Rumoren

Der UCI fehlten Transparenz und Professionalität, sagte Clerc, „sie ist zutiefst gewissenlos“. Der Ire McQuaid konterte mit der Bemerkung, dass vielleicht sogar die Tour der Grund für das Doping-Problem sei. „Sie ist nur Geld-orientiert.“ Die Aso möchte auf alle Fälle nun eigene Wege gehen, ohne die UCI. Es geht um eine Erneuerung der Tour, vielleicht sogar des gesamten Radsports, um zukunftsweisende, gar revolutionäre Modelle. So plant die Tour, um Doping möglichst einzudämmen, die Einführung eines „ethischen Passes“ für Radprofis. Darin sollen alle relevanten Gesundheitsdaten enthalten sein. Das Dokument will die Aso für alle Rennen fordern, für die sie verantwortlich ist. Die Tour will überdies bei dem Versuch, effektiver gegen Doping vorzugehen, eng mit der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und der französischen Anti-Doping-Agentur kooperieren. Just in diesen Tagen kritisierte Wada-Chef Richard Pound, dass sich seit dem Festina-Skandal 1998 bei der Tour de France nichts geändert habe im Radsport.

Die Tour, die wie der Radsport generell um Glaubwürdigkeit ringt, soll auf alle Fälle ein frisches Gesicht erhalten. Dabei kamen nun sogar Spekulationen auf, dass bei der „Großen Schleife“ bald wieder Nationalmannschaften am Start sein könnten, die ihren Landesverbänden unterstehen. Sponsoren würden, hieß es, auf Trikots und Hosen präsent sein können – wie bei der Weltmeisterschaft.

In der Branche herrscht das große Rumoren. Die Tour 2007 und der Spanier Contador, ihre beherrschende sportliche Figur in den vergangenen Tagen, haben einen beträchtlichen Teil dazu beigetragen. „Es brodelt mit einem solchen Druck unter der Oberfläche, dass es vielleicht bald eine Explosion gibt“, sagte Hans-Michael Holczer, der Kopf des Teams Gerolsteiner. Der Radsport erlebt jetzt schon schwere Erschütterungen – und er wankt erheblich.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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