16.07.2007 · Für Patrik Sinkewitz vom T-Mobile-Team ist die Tour de France beendet. Er erlitt bei seinem Zusammenstoß mit einem Zuschauer eine Mittelgesichtsfraktur sowie ein Schädel-Hirn-Trauma. Die Sicherheit ist seit jeher ein großes Problem des berühmtesten Radrennens. Von Rainer Seele.
Von Rainer Seele, Val D'IsèrePatrik Sinkewitz hat keine Erinnerung an den Unfall. Er weiß nicht, wie er zustandekam. Er kannte danach - vorübergehend jedenfalls - nicht einmal mehr seinen eigenen Namen. Als ihm seine Lage bewusst geworden war, als er zumindest teilweise begriffen hatte, was geschehen war, bat er sein Team, seine Mutter zu informieren. Sie reiste sofort nach Frankreich, nach Albertville.
Sinkewitz war am Sonntagabend in das dortige Krankenhaus gebracht worden. Er soll so bald wie möglich, zur weiteren Behandlung, in die Heimat transportiert werden. Sinkewitz, 26 Jahre alter Radprofi von T-Mobile, ist schwer verletzt worden bei der Tour de France. Er erlitt eine Mittelgesichtsfraktur, ein Schädel-Hirn-Trauma, er ist an der Unterlippe lädiert, an der Schulter und am Knie. Zum Glück trug er einen Helm, als er nach der achten Etappe der Tour in Tignes mit einem Zuschauer zusammenstieß.
Der Mann, ein Luxemburger, liegt, wie es hieß, im künstlichen Koma. Er soll gravierende Kopfverletzungen davongetragen haben, aber nach Informationen des T-Mobile-Teams von Montagabend inzwischen außer Lebensgefahr sein. Bei Sinkewitz verhinderte der Kopfschutz Schlimmeres. Trotzdem löste dieser Fall wieder Diskussionen über die allgegenwärtigen Gefahren bei der Tour aus - und mögliche Maßnahmen, um sie einzudämmen.
Wenigstens wieder ansprechbar
Sinkewitz, der aus Künzell bei Fulda stammt, ist wenigstens wieder ansprechbar. Er erkundigte sich auch schon wieder nach der Tour, nach seinen Kollegen. Bob Stapleton, amerikanischer Teamchef von T-Mobile, sprach am Montagmittag in Val d'Isère von sehr guten Nachrichten. Und er versuchte, grundsätzlich, Optimismus zu verbreiten. Obwohl der Sonntag ein Tag voller Rückschläge war für den Bonner Rennstall, der jetzt nur noch mit sechs Profis bei der Tour vertreten ist. Der Brite Mark Cavendish hatte aufgegeben, weil er am Ende seiner Kräfte war. Kapitän Michael Rogers verließ nach einem Sturz die Tour; der Australier hatte sich eine Schultereckgelenksprengung zugezogen (Siehe auch: Tour de France: Schwarzer Tag für T-Mobile). All das wurde aber überlagert durch den Fall Sinkewitz.
Kaum hatte der Hesse das Ziel in Tignes erreicht, machte er auf dem Rad kehrt und fuhr talwärts. Angeblich mit hoher Geschwindigkeit, schließlich ging es steil bergab. So etwas ist gang und gäbe bei Radrennen, die Fahrer wollen damit - sofern ihr Hotel sich am Fuße eines Gipfels befindet - auf kürzestem Weg das Quartier erreichen. Oder den im Tal parkenden Mannschaftsbus. Auch bei Sinkewitz war das so.
Am Sonntag jedoch kam ihm der Besucher aus Luxemburg, angeblich 78 Jahre alt, in die Quere. Er blickte offenbar, als er die Strecke überqueren wollte, nicht nach oben - sondern nur nach unten, woher immer noch Nachzügler kamen. Der Luxemburger also sah Sinkewitz nicht - und Sinkewitz konnte ihm nicht mehr ausweichen. Er raste in diesen Mann.
Tragischer Zwischenfall
Die Straße war abgesperrt. Der Luxemburger war aber, so wurde berichtet, über eine kleine Steinmauer gestiegen. Niemand stoppte ihn, auch nicht die Polizei, die entlang der Route Posten aufgestellt hatte. Ein tragischer Zwischenfall, der immer wieder vorkommen kann bei der Tour? Sie ist eine Massenbewegung, Tag für Tag. Mit einem Peloton von fast zweihundert Fahrern, mit Teamautos, mit einem enormen Begleittross - und mit einem Publikum, das den Profis sehr nahe kommen, das sie sogar während des Rennens berühren kann. „Da passieren solche Sachen, leider“, sagte am Montag Rolf Aldag, der Sportdirektor von T-Mobile. Er sagte auch: „Man wird das analysieren müssen.“ Nach der Tour natürlich. Ob es Änderungen geben wird, ist fraglich. Die Teams scheinen ihren Profis jetzt nur zu größerer Wachsamkeit raten zu können.
Hans-Michael Holczer, Kopf des Teams Gerolsteiner, hatte seinen Fahrern unmittelbar nach dem Malheur von Sinkewitz zugerufen, bei der Abfahrt nach der Etappe auf alle Fälle ihre Helme aufzusetzen. Auch die Profis von Gerolsteiner wohnten nicht in der Nähe des Zieles, auch sie fuhren mit dem Rad den Berg hinunter. Wenn die Tour das nun verbieten würde, „wäre das Gemeckere groß“, behauptete Holczer. „Die Fahrer machen das gerne“, betonte Christian Frommert, der bei T-Mobile für die Kommunikation zuständig ist. Sie wollen nicht, wie die Bonner es in Le Grand-Bornand erlebt haben, nach einem anstrengenden Renntag auf dem Weg ins Hotel stundenlang in einem Bus ausharren müssen.
Die Tour sucht die Nähe zu den Massen
Debatten, wie die Tour sich und ihre Protagonisten und auch ihre Kundschaft schützen kann, gibt es seit jeher. Sie wurden besonders intensiv geführt nach dem Tod des Italieners Fabio Casartelli, der 1995 starb, nachdem er gegen einen Betonpfeiler gerast war. Oder nach dem Tod eines Kindes, das von einem Auto der Werbekarawane erfasst worden war. „Die Sicherheit“, sagte Holczer am Montag, „ist das größte Problem der Tour.“ Er glaubt zu wissen, dass die Organisatoren dieses Spektakels mit Hochdruck daran arbeiteten, Lösungen zu finden - ihm schwant aber auch, dass es schwierig sein dürfte, die Risiken einer offenen Veranstaltung wie der Tour de France wesentlich zu minimieren.
Die Tour sucht die Nähe zu den Massen, sie schickt das Peloton durch kleine Städte mit schmalen Straßen. Sie nimmt es auch hin, dass enthusiastische Fans sich direkt vor den heranfahrenden Profis aufbauen - und erst im letzten Moment wieder zur Seite springen. Dies sind Bestandteile solcher Rundfahrten, sie stellen ihre besonderen Reize dar - und gleichzeitig ihre großen Tücken.
Manchen wundert es, dass es die Tour in all den Jahren nicht noch viel schlimmer getroffen hat. „Dass so wenig passiert, ist sowieso Wahnsinn“, sagte der Österreicher Bernhard Kohl, Kletterspezialist vom Team Gerolsteiner. Für Patrik Sinkewitz jedoch, der am Sonntag schwer gezeichnet Abschied von der Tour nehmen musste, ist dies kein Trost.
unverständlich bleibt...
St. Koch (Pensacola)
- 17.07.2007, 09:44 Uhr
Keine Einbahnstraße?
Ralf Becker (mfoe)
- 17.07.2007, 13:59 Uhr