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T-Mobile-Profi Marcus Burghardt „Wir haben eine riesige Verantwortung“

29.07.2007 ·  Für Marcus Burghardt ist es die erste Tour de France. Sein Debüt hatte sich der T-Mobile-Fahrer anders vorgestellt. Im Interview spricht der Radprofi über Kindheitsträume, Patrik Sinkewitz und die Zukunft seines Sports.

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Für Marcus Burghardt ist es die erste Tour de France. Sein Debüt, das an diesem Sonntag in Paris enden wird, hatte sich der T-Mobile-Fahrer sicherlich ganz anders vorgestellt. Den ersten Schock musste er mit der schweren Verletzung und anschließend mit der Nachricht der positiven A-Probe seines Freundes Patrik Sinkewitz hinnehmen. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht der 24 Jahre alte Radprofi über Kindheitsträume, das absurde Theater um Michael Rasmussen und die Zukunft des Radsports.

Mit welchen Erwartungen und Gefühlen sind Sie als 24 Jahre alter Neuling vor drei Wochen in London zur Tour de France gestartet?

Ich habe mir erst einmal einen Kindheitstraum erfüllt. Als ich erfahren habe, dass ich von T-Mobile nominiert wurde, war ich natürlich überglücklich und habe mich auf diese Tour gefreut. Die ersten Tage waren auch wunderschön. So viele Zuschauer bei einem Radrennen habe ich noch nie erlebt. Dann kam der Erfolg von Linus Gerdemann hinzu, als er ins Gelbe Trikot gefahren ist. Das war für mich etwas ganz Besonderes, für das Gelbe Trikot zu fahren.

Dann endete die schöne Zeit, nicht nur weil Gerdemann das Gelbe Trikot gleich wieder verlor.

Der erste Rückschlag war der schwere Sturz von Patrik Sinkewitz. Das hat mich sehr getroffen und tief bewegt. Vor allem, weil ich im Gruppetto den Berg hochkam und sah, wie mein Freund blutend auf der Straße liegt. Aber ich musste an ihm vorbeifahren, was total unmenschlich ist, wenn man sich das genau überlegt. Aber ich hatte nur noch ganz wenige Minuten, um in der Karenzzeit zu bleiben. Als ich durchs Ziel war, bin ich sofort umgedreht. Da waren dann schon Ärzte bei Patrik.

War es ein Schock für Sie, als am nächsten Tag die positive Probe von Sinkewitz bekannt wurde?

Ich war tief enttäuscht. Für mich war es ein Zwiespalt. Auf der anderen Seite hatte ich auch Mitleid mit ihm wegen seiner schweren Verletzungen.

Hätten Sie ihm so etwas zugetraut? Sie waren ja auch in der Trainingsgruppe in den Pyrenäen und sind sicherlich auch kontrolliert worden?

Ich hatte überhaupt keine Ahnung, keine Vorstellung, dass Patrik so etwas tun könnte.

Dann kam das absurde Theater um Michael Rasmussen im Gelben Trikot.

Da habe ich gleich gesagt: Das ist nicht in Ordnung, dass er trotz vier „missed tests“ weiterfahren konnte. Auch wenn sie von verschiedenen Institutionen registriert wurden. Die nationalen Verbände und der Internationale Radsport-Verband UCI müssen für die Zukunft eine einheitliche Linie finden. Es muss ein Maß für alle geben, in der Dopingbekämpfung, in der Dopingkontrolle und in der Bestrafung. Wenn ich in Deutschland einen „missed test“ habe, steht das sofort in der Zeitung. Beim zweiten werde ich für drei Monate gesperrt.

Ging da ein Stück Ihrer Illusion verloren?

Ich war enttäuscht, dass die Organisatoren und der Weltverband nicht reagiert haben. Ich hätte es mir gewünscht, dass er sofort ausgeschlossen wird. Was ich dann gut fand, war, dass Rasmussen von seinem Team rausgenommen wurde. Darin sehe ich ein gutes Zeichen für die Zukunft. Ein Signal, dass auch Rabobank als Sponsor wie T-Mobile für einen sauberen Sport kämpft.

Was geht in einem jungen Rennfahrer vor, wenn er als Nächstes erfährt, dass auch Alexander Winokurow positiv getestet wurde?

Ich habe schon im Bett gelegen und habe es im Videotext gelesen und gedacht: Das darf doch nicht wahr sein. Das gibt es nicht. Wino war für mich ein sympathischer Rennfahrer. In meinem ersten Profijahr bin ich noch mit ihm in einem Team gefahren und konnte nie irgendetwas Negatives über ihn sagen. Schon davor hatte ich immer Respekt vor Wino als großem Kämpfer. Damit hat er viele Fans gewonnen. Das alles so aufs Spiel zu setzen, das hätte ich von ihm nie erwartet.

Sinkewitz, Rasmussen, Winokurow. Was geht da einem jungen Rennfahrer durch den Kopf?

Da ist einmal die riesige Enttäuschung, dass immer noch sogar befreundete und renommierte Fahrer nicht ehrlich sind. Auf der anderen Seite ist die Genugtuung, dass die Kontrollmechanismen greifen. Das ist ganz wichtig, dass einzelne Egoisten endlich aufwachen und sehen: Betrügen bringt nichts. Ich wundere mich, dass es immer noch Fahrer gibt wie Kessler vor der Tour oder jetzt Moreni von Cofidis, die dieses Risiko eingehen. Unverständlich für mich.

ARD und ZDF haben ihre Live-Übertragungen nach dem Fall Sinkewitz beendet. Finden Sie diese Entscheidung richtig?

Beide Fernsehanstalten haben es ja angekündigt, dass sie beim nächsten Dopingfall aussteigen. Gut heiße ich die Entscheidung dennoch nicht. Denn gerade für uns junge Fahrer ist das Fernsehen eine wichtige Plattform. Es ist sehr schade, wenn wir uns da nicht präsentieren können. Wir jungen, sauberen Fahrer müssen letztlich dafür büßen.

Mit welchen Gefühlen beenden Sie heute auf den Champs-Elysées Ihre erste Tour?

Für mich ist das Wichtigste, dass ich die Tour sauber überstanden habe, mit fairen Mitteln. Wenn man ehrlich ist, war das Sportliche in der letzten Woche eigentlich Nebensache. Das ist schade. Wir Rennfahrer haben doch eine riesige Verantwortung gegenüber dem Nachwuchs. Dessen müssen wir uns bewusst werden. Wenn ich in meinen Heimatverein RSV 54 Venusberg komme, schaue ich in Kindergesichter, die sich riesig freuen. Wenn irgendwann von mir in der Zeitung stehen würde, ich bin positiv getestet, würde für all diese Kinder und Jugendlichen eine Welt zusammenbrechen ...

Wie sehen Sie die Zukunft das Radsports?

UCI und Tour müssen enger zusammenarbeiten und für eine klare einheitliche Linie sorgen, anstatt Machtkämpfe zu Lasten der Fahrer zu führen. Den Weg, den T-Mobile geht, unterstütze ich und will helfen, ihn weiter voranzutreiben. Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Teams dem anschließen.

Das Gespräch führte Hartmut Scherzer.

Quelle: F.A.Z.
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