30.07.2007 · Die Tour de France, umrankt von Geschichten und Gesichtern, muss sich wandeln. Eine Botschaft aus der Steinzeit des Sports, gerade im Fußball wieder aufgetaucht, könnte ihr dabei helfen. Ein Kommentar von Hans-Joachim Leyenberg.
Von Hans-Joachim LeyenbergDrei Kreuze sind fällig. Nun, da die Tour de France endlich vorbei ist. Irgendwann, so ungefähr auf halber Strecke, fing sie an, dem Schiffe-versenken-Spiel zu gleichen. Wieder ein Treffer, wieder einer weniger im Geschwader der Flotte. Doch die Tour de France ist eben anders als „Schiffe versenken“ kein auf Zufall aufgebautes Spielchen, sondern bitterer Ernst mit Figuren aus Fleisch und Blut. Ein Mythos, umrankt von Geschichten und Gesichtern, von dem man sich in seinem zweiten Jahrhundert nicht so einfach verabschiedet, auch wenn einem im Moment danach ist (Siehe auch: Das Ende der Tour: Nichts als Verlierer).
Ist unter dem Eindruck der Selbstattentäter auf Rädern etwas von der vagen Hoffnung auf Einsicht und Besserung zu retten? Michael Rasmussen sagt anklagend, dass man ihm den Tour-Sieg gestohlen habe. Es gibt nicht wenige, die zu dem Schluss kommen, dass die Tour ihnen so, wie sich der Jahrgang 2007 gezeigt hat, gestohlen bleiben kann. Ist die Magie der Rundfahrt immer noch größer als der Einfluss jener getriebenen, vergifteten Geister, die sie in Misskredit bringen? (Siehe auch: Ein Rückblick: Hurra! Die Tour ist vorbei)
Optimismus muss sein
Die Tour, so viel ist gewiss, häutet sich, nachdem sie so qualvoll unter die Haut gegangen ist. Sie muss sich bei ihrer Fortsetzung, da darf man die Veranstalter beim Wort nehmen, wandeln. Von welchem Menschenbild also gehen wir aus, mit Blick auf den Tour-Sommer 2008? Dem, dass wenn schon nicht alles gut, so doch zumindest alles besser wird - oder dem, wonach nichts mehr zu retten ist? Das hieße Resignation statt Revolution. Die historische Chance der Abrüstung war nie größer als im Augenblick. Mit Hilfe der Ächtung eines Publikums, das Doping mehrheitlich nicht mehr länger als eine Modedroge im Fahrerlager zu tolerieren bereit ist.
Blauäugig? So viel Optimismus muss sein. Wer ihn nicht teilen mag, halte sich an ein kommendes markantes Datum im Terminkalender des Sports. Die neue Saison der Fußball-Bundesliga steht an. Vor Jahrzehnten war auch sie schon mal von einem hausgemachten Skandal mit zig Tätern gezeichnet, der sie in ihren Grundfesten erschütterte. Der Selbstreinigungsprozess hat gründlich gewirkt. Und wer mag, kann das Wochenende mit einem amüsierten Lächeln über eine verstaubte Blaue Blume des Sports nachwirken lassen.
Verzicht auf die Schale der ritterlichen Hanseaten
Da haben doch tatsächlich zwei Klubs das sogenannte vergessene Endspiel um die deutsche Fußballmeisterschaft von 1894 ausgetragen, FC Hanau 93 und BFC Viktoria Berlin (Siehe auch: Video: Viktoria Berlin bestätigt Meistertitel von 1894). Es war selbst beim zweiten Blick mehr als ein nettes Sommerloch-Füllsel. Vor 113 Jahren waren die Hessen nicht in der Lage, die immens hohen Fahrtkosten für eine Eisenbahnreise zum Endspielort in der Hauptstadt aufzubringen. Berlin wurde deshalb seinerzeit kampflos zum Meister erklärt. Darum jetzt, mit reichlich Verspätung, die ganze Chose mit Hin- und Rückspiel. Mit der Viktoria wurde nach dem formalen Sieger auch der moralische Sieger gekürt.
Die hehre Sache mit der Moral ließe sich fortspinnen. Anno 1922 ist der Deutsche Fußball-Bund seine Meisterschale nicht losgeworden. „Kein Meister“, lautet die Eintragung in den Annalen. Dabei hatten sich der 1. FC Nürnberg und der Hamburger SV redlich bemüht, einen Gewinner zu ermitteln. Doch zweimal trennte man sich unentschieden. Nach langem Hin und Her erklärte der Verband den HSV zum Sieger. Aber was taten die ritterlichen Hanseaten? Sie verzichteten, mit dem Hinweis darauf, nicht auf diese Art und Weise Erster werden zu wollen, auf das Schmuckstück Meisterschale.
Nicht um jeden Preis und nicht auf Kosten anderer zu triumphieren, so lautet die Botschaft der Fußball-Beispiele. Gewiss, es ist eine von gestern, aus der Steinzeit des Sports, aber für das Heute und das Morgen brandaktuell.
Der Olympische Gedanke zählt!
Andreas Bächtle (Andreas_B.)
- 30.07.2007, 15:19 Uhr