13.09.2007 · Die europäische Automobilindustrie will die Pläne der EU-Kommission zum Klimaschutz nicht allein erfüllen, sondern auch Autofahrer, Länder und die Mineralölindustrie in die Pflicht nehmen.
Von Henning PeitsmeierDie europäische Automobilindustrie will die Pläne der EU-Kommission zum Klimaschutz nicht allein erfüllen. Auch die Mineralölindustrie und die Reifenhersteller sollen einen Beitrag leisten, Autofahrer zum sparsameren Fahren animiert werden und Europas Gesetzgeber mit steuerlichen Mitteln nachhelfen, damit umweltfreundlichere Autos von den Bürgern auch gekauft werden. Nur unter derartigen Voraussetzungen unterstützt Europas Herstellervereinigung Acea das Ziel der EU-Kommission, den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) zu reduzieren. „Was wir brauchen, ist ein integrierter Ansatz“, sagte AEA-Präsident und Fiat-Konzernchef Sergio Marchionne, auf der IAA in Frankfurt.
Dass es die europäische Autoindustrie gleichwohl ernst nimmt mit den EU-Klimazielen, verdeutlichte allein die Tatsache, dass das Acea-Präsidium beinahe „in Bestbesetzung“ auflief: Die Konzernchefs Dieter Zetsche (Daimler-Chrysler), Norbert Reithofer (BMW), Carlos Ghosn (Renault-Nissan), Carl-Peter Forster (General Motors Europe), Lewis Booth (Ford of Europe) und auch Christian Streiff (Peugeot-Citroën) unterstützten Marchionne in dessen Vorhaben, das Klimathema nicht allein am Automobil festzumachen. Lediglich VW-Chef Martin Winterkorn und Porsche-Chef Wendelin Wiedeking fehlten.
Einschneidende Veränderungen
Europas Autoindustrie stehen einschneidende Veränderungen bevor. Die EU-Kommission unter Führung von Umweltkommissar Stavros Dimas plant, den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid bis zum Jahr 2012 im Durchschnitt auf 120 Gramm pro Kilometer zu vermindern. Dimas hatte erst am Wochenende abermals mit Sanktionen gedroht, sollten Hersteller die gesetzlich festgeschriebenen Zielwerte verfehlen. Auf die europäischen Autohersteller kommen Milliardenbeträge zu, die sie zur Verbesserung ihrer Motoren investieren müssen. Studien belegen, dass ein Fahrzeug je nach Größe zwischen 600 und 3000 Euro teurer werden müsste.
Marchionne bekräftigte den festen Willen der Industrie, den CO2-Ausstoß bis auf 130 Gramm pro Kilometer zu reduzieren. „Wir akzeptieren unsere Verantwortung“, sagte der Italiener, um im gleichen Atemzug andere in die Pflicht zu nehmen: Um den Ausstoß um ein Viertel zu senken, müssten die Autofahrer durch sparsame Fahrweise, Mineralölgesellschaften durch effizienteren Sprit oder Verkehrsplaner durch weniger Staus ihren Beitrag leisten. „Die können das schneller und billiger als die Autobranche“, sagte der Acea-Präsident. Als Beispiele nannte Marchionne grüne Wellen an den Ampeln und Straßenbeläge mit geringerem Rollwiderstand. Doch auch für Marchionne ist unumstritten, dass der Großteil der CO2-Einsparungen von den europäischen Autoherstellern kommen müsse.
„Keine Differenzen“ in Europa
In der Streitfrage, ob die Hersteller großer Autos mehr tun müssten als die Produzenten von Kleinwagen, zeichnet sich eine Lösung ab. Marchionne sagte, dass eine Staffelung nach Fahrzeugklassen mit höheren Grenzwerten für größere Autos denkbar sei. So könne das Fahrzeuggewicht in einem „parameterbasierten“ Ansatz eine Rolle spielen. „Es gibt keine Differenzen zwischen Autobauern in Süd- und Nordeuropa“, behauptete Marchionne.
Zuletzt hatten sich die deutschen Premiumhersteller wie Mercedes, BMW oder Porsche gegen pauschale Grenzwerte für den Flottenverbrauch ausgesprochen. Unterstützung erhielten sie von Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD): „Ein Einheitsgrenzwert wäre genauso unsinnig wie die Forderung, ein Einfamilienhaus auf den Energieverbrauch einer Einzimmerwohnung zu bringen.“
Fehlende Planungssicherheit
Wie das Klimaziel erreicht werden soll, darüber wollen Europas Autohersteller Marchionne zufolge mit der Kommission reden. Da die Gesetzgebung möglicherweise erst zum Jahr 2010 vom Europäischen Parlament in Kraft gesetzt werde, fehle den Herstellern die Planungssicherheit. Am Rand der Veranstaltung war zu hören, dass Europas Autohersteller für den Fall einer späteren Gesetzgebung einen längeren Zeitrahmen für die Umsetzung fordern wollen. Dann könnte das Jahr 2015 bevorzugt werden.
Die europäische Autoindustrie hatte ursprünglich eine Selbstverpflichtung abgegeben, zum Jahr 2008 den CO2-Ausstoß im Flottendurchschnitt auf 140 Gramm pro Kilometer zu senken. Obwohl die Industrie erhebliche Fortschritte gemacht hat, liegt der Durchschnittswert bei mehr als 160 Gramm. Schuld daran sei auch der Autofahrer, der zunehmend größere Autos wie Vans und Geländewagen kaufe, heißt es bei der Acea. Umweltschützer argumentieren hingegen, dass die Autoindustrie diese Fahrzeuge bevorzugt anböten, weil mit ihnen mehr Geld zu verdienen sei.
Umweltkommissar Stavros Dimas
Stephan Jansen (StephanJan)
- 13.09.2007, 11:55 Uhr