19.09.2007 · Auch Top-Adressen der Autoindustrie wie Porsche bekümmert der Mangel an Ingenieuren. Sorge bereiten dabei vor allem die zunehmend unter Expertennot leidenden Zulieferbetriebe, ohne die auch die Premiumhersteller kein Auto mehr auf die Räder stellen können.
Von Jochen RemmertAm Porsche-Stand auf der weltgrößten Autoschau ist der Andrang immer etwas größer als anderswo. Das ist auch dieser Tage so. Der Grund sind vor allem die schnellen Autos, aber auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt geht es nicht nur darum, mit Pomp, Musik und schönen Frauen zu präsentieren, was sich Designer und Ingenieure kürzlich ausgedacht haben. Es geht auch darum, ebensolche Experten zu rekrutieren.
Das gilt auch für Porsche. Allerdings haben die Zuffenhausener im Vergleich zu anderen Herstellern den Vorteil, als besonders attraktive Arbeitgeber zu gelten. Ein Beleg dafür mag sein, dass sich am Tresen der Personalrekrutierung in der Messehalle 5 immer mal wieder eine Schlange bildet. Nach wie vor könne sein Haus unter den besten Absolventen von Schulen und Universitäten auswählen, berichtete Wendelin Wiedeking, Vorstandsvorsitzender der Porsche AG, denn auch jüngst.
Bei Experten mit Berufserfahrung wirkt dieser Ruf nach Auskunft eines Unternehmenssprechers nicht weniger. Trotzdem spüren auch die süddeutschen Autobauer, dass geeignete Ingenieure knapp werden - nicht im eigenen Haus, aber auf dem Umweg über die Zulieferer, auf die auch Porsche angewiesen ist. Und bei vielen dieser Unternehmen mit großer Expertise, aber ohne bekannten Namen ist der Mangel eben längst Wirklichkeit. Sie finden kaum noch geeignete Ingenieure der Fachrichtungen Maschinenbau, Elektrotechnik und ähnlicher Sparten.
„Wir nutzen alle Medien und suchen bundesweit“
Bei der Peiker Acustic GmbH und Co. KG, einem Zulieferer aus Friedrichsdorf, der auf der IAA vertreten ist, hat man sich längst auf einen härteren Wettbewerb um Ingenieure eingestellt. „Wir nutzen alle Medien und suchen bundesweit“, äußerte die Sprecherin des Unternehmens, das beispielsweise Freisprechanlagen als Erstausrüstung an Autobauer liefert. Besonders deutlich zu spüren bekommt den Mangel die Wiesbadener Rücker AG, ein Ingenieurdienstleister, der für die Luftfahrt-, vor allem aber für die Autoindustrie arbeitet.
Dessen Wachstum wird nach eigenem Bekunden dadurch gebremst, dass er vakante Stellen nicht oder nur nach langer Suche besetzen kann: „Wir suchen zurzeit rund 200 Ingenieure, aber es wird immer schwieriger, neue Mitarbeiter zu finden“, klagte gestern eine Sprecherin des Unternehmens, das rund 2400 Ingenieure beschäftigt und neuerdings auch für den international tätigen Autozulieferer und Fahrzeugentwickler Magna Steyr arbeitet.
Engpässe in bestimmten Sparten des Ingenieurberufs
Nach Ansicht der Forscher vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg gibt es zurzeit zwar keinen flächendeckenden Mangel an Ingenieuren. Für bestimmte Sparten des Ingenieurberufs bestätigen aber auch sie, was derzeit die Branchenvertreter auf der IAA berichten, nämlich zunehmende Engpässe bei Maschinenbau-, Elektro- und Wirtschaftsingenieuren. Dabei gibt es in Deutschland durchaus arbeitslose Ingenieure - 24.000 werden zurzeit gezählt.
In Hessen sind es rund 2600. Darunter sind allerdings auch viele Bauingenieure und solche aus der Chemiebranche, die es schwerer haben als beispielsweise Maschinenbauer, einen neuen Job zu finden. Das Risiko, arbeitslos zu bleiben, steige außerdem mit dem Lebensalter und mit der Länge der Erwerbslosigkeit, berichten die Forscher weiter.
Wände freier Stellen auf der Messe
Mancher, der zurzeit die Personalberater der Unternehmen auf der IAA anspricht, fasst diesen Entschluss spontan, ist nicht extra deshalb auf der Messe. Immer öfter kommen Jobsuchende aber im Anzug mit vollständigen Bewerbungsmappen unter dem Arm - und haben präzise Fragen, wie eine Mitarbeiterin am Rekrutierungsstand von Opel sagt. Ähnliches berichtet ihre Kollegin von Volkswagen. Vor allem junge Leute nutzten die Gelegenheit. Eine Altersgrenze gebe es aber bei Volkswagen im Prinzip nicht, es müsse eben die Qualifikation stimmen, meint sie und gibt dabei die gleiche Antwort wie ihre Kollegen in den anderen Messehallen.
Am Stand von Mercedes gibt es nicht nur Informationsmaterial, sondern gleich eine ganze Wand, an der offene Stellen für Einsteiger, aber auch für berufserfahrene Männer und Frauen aushängen. Ein junges Paar aus Mannheim steht davor und studiert die Zettel genau - vergeblich, für Werbefachleute ist gerade nichts dabei. Gesucht werden auch hier vor allem Entwicklungs- und Maschinenbauingenieure. Dass Stellen auf der IAA angeboten werden, finden die beiden trotzdem gut.
Nicht abwarten bis Engpässe kommen
Beim Automobilzulieferer Continental, der alleine in Hessen fast 7800 Menschen beschäftigt, ist die gesamte Rückwand des Messestands mit einer langen Reihe von Aushängen versehen, auf denen zu besetzende Posten notiert sind - wiederum vor allem Ingenieurstellen. Das Aushängen von Vakanzen reicht dem Zulieferer aber nicht, wie Manager Holger Pfaff sagt.
Er betreut ein europaweites Personalprojekt, mit dem sich Continental auf den demographischen Wandel einzustellen versucht. Einen bedrohlichen Mangel an geeigneten Ingenieuren verzeichnet Pfaff im eigenen Haus nicht. Die Unternehmensleitung wolle aber auch nicht erst abwarten, bis sich ein Engpass tatsächlich in dem Unternehmen bemerkbar mache.