13.09.2007 · Bis vor kurzem konnte man fast jedem Auto ansehen, ob es bei Sonnenschein auch ohne Dach fahren kann. Das Verdeck war nämlich meist textil. Seit einigen Jahren gibt es immer mehr Coupés mit hartem Dach. Glaubensfrage und Ansichtssache: Muss ein Cabriolet ein Stoffdach haben?
Bis vor kurzem konnte man fast jedem Auto ansehen, ob es bei Sonnenschein auch ohne Dach fahren kann. Das Verdeck war nämlich meist textil - ein so genanntes Softtop -, weil es sich leicht falten lässt. Seit einigen Jahren gibt es immer mehr Coupés mit hartem Dach, die sich auf Knopfdruck in ein Cabrio verwandeln. Beispielsweise der VW Eos oder der neue 3er-BMW, die auf den ersten Blick kaum als Cabriolets wahrgenommen werden - zumindest, wenn ihr Dach geschlossen ist. Nur wer genau hinsieht, dem fallen zwei Dachfugen auf, die nötig sind, damit die Blechhaube auf Knopfdruck in den Kofferraum geklappt werden kann. Nach gut 20 Sekunden mehr oder minder wilder Bewegungen von Karosserieteilen ist der Wagen offen.
So ein im Fachjargon Retractable (einfahrbar) genanntes Dach ist ein hochkompliziertes, in Wagenfarbe lackiertes Bauteil, das neben der ohnehin schon ziemlich diffizilen Schließmechanik noch eine heizbare Heckscheibe enthält; der VW Eos hat darüber hinaus noch ein elektrisches Schiebedach. Dieses wohl kniffligste aller Dächer fertigt Webasto in seinem portugiesischen Werk Setúbal - unweit von Lissabon - direkt neben der VW-Produktion des Eos. „Dachsysteme sind unsere Zukunft“, glaubt Franz-Josef Kortüm, Vorstandsvorsitzender des Autozulieferers Webasto, der seit vielen Jahrzehnten Schiebedächer für die Autoindustrie fertigt, die aber immer weniger nachgefragt werden. „Seit Klimaanlagen zum Preis von Schiebedächern angeboten werden, mussten wir uns etwas einfallen lassen.“
„Brummt wie verrückt“
Die Autofahrer nehmen die neuen Faltdächer gern an. Der Mittelklasse-Eos - eine hübsche Kreuzung von Golf und Passat - ist seit Mai 2006 am Markt und hat bereits viele Freunde gefunden. Auch die Nachfrage nach dem BMW 3er-Cabrio „brummt wie verrückt“, sagt BMW-Pressesprecher Michael Rebstock, nicht zuletzt wegen des vom Webasto-Wettbewerber Edscha gefertigten Dachsystems. Aber nicht nur BMW und VW sind erfolgreich: Der bis 2004 in einer Sonderserie gebaute Ferrari Superamerica gefiel sich mit seinem Dachdeckel von Webasto; der neue Porsche Targa ist beliebt, obwohl sein hartes Verdeck auch mit einem etwas größeren Schiebedach verwechselt werden kann. Die Zweisitzer Mercedes-Benz SL und SLK sind mit ihrem Hardtop recht beliebt, wovon auch der Cadillac SLR profitieren will (alle vier Dächer werden von CTS gefertigt).
Doch die neuen Hauben bereichern nicht nur die Oberklasse. Mit dem Daihatsu Copen, dem Mitsubishi Colt CC (beide Dächer von Webasto) oder dem Nissan Micra CC (Karmann) erhalten sogar preisgünstige Kleinwagen ein variables Dach. Vertretern der automobilen Mittelklasse wie dem Renault Mégane CC (Karmann), dem Peugeot 308 CC (CTS), dem Opel Astra (CTS) sowie dem Ford Focus CC und dem Volvo C70 (beide Webasto) soll es zu mehr Freunden verhelfen. Sogar der Evergreen unter dem Roadstern, der Mazda MX5, darf jetzt sogar mit starrem Faltdach von Webasto weiterleben - und natürlich weiterhin mit Stoffdach.
Kein vorübergehendes Phänomen
Dass der Erfolg der festen Klappdächer kein vorübergehendes Phänomen ist, verheißen die Prognosen von Polk Marketing Systems. Demnach soll bis zum Jahr 2015 von den gut eine Million offenen Fahrzeugen jährlich jedes zweite so ein Verdeck haben. Helmut Leube, für Dachsysteme zuständiger Webasto-Vorstand, träumt von wesentlich höheren Stückzahlen jenseits des Atlantiks, wenn einmal die Fahrer amerikanischer Autos so richtig auf den Geschmack gekommen sein sollen. Bis jetzt haben Amerikaner wie der Chrysler Sebring - er steht jetzt erstmals öffentlich am Chrysler-Stand -, der Pontiac G6 (beide Karmann) und der Cadillac XLR solche Verdecke. Ein riesiger Bedarf winkt den Deutschen, denn CTS, Edscha, Karmann und Webasto bedienen zusammen genommen etwa 90 Prozent dieses neuen Marktes; mit einem Marktanteil von rund 32 Prozent dürfte Webasto Marktführer sein. Das übrige Drittel teilen sich Anbieter wie Toyo Seat, Besttop, Heulietz oder Inalfa.
Die Beliebtheit ist regional unterschiedlich. In Europa und in Japan werden Klappdächer aus Stahl mittlerweile gerne gekauft, und diese Mode könnte auch einmal über den Atlantik schwappen - besonders in die amerikanischen Staaten des Sonnengürtels von Kalifornien bis Florida. Denn wenn es ganz heiß ist, dichtet einen das Dach hermetisch von der Außenwelt ab, und drinnen arbeitet sowieso die Klimaanlage. In anderen herausragenden Wachstumsmärkten wie China, Indien und Russland sind solche Selbstfahrer-Autos noch kein Thema, weil dort gerne das Volant einem Chauffeur überlassen wird.
Ein Dach aus 460 Einzelteilen
Wer aber die Konstruktion genau betrachtet, erschrickt ob ihrer hohen Komplexität - das Dach des Eos besteht aus 460 Einzelteilen. Er könnte sehr schnell zu kostspieligem Ballast werden, wenn die schwer zu durchschauende Wirrnis von Zügen, Federn und Streben unterm Blech einmal nicht mehr millimetergenau zusammenpasst; im Gegensatz zu einem Stoffdach gestattet es kaum Toleranzen. Da kann ein harmloser Parkschaden, wie er immer wieder einmal vorkommt, auf einmal das ganze System blockieren.
Kürzlich ist bei einem Renault Mégane CC nach dem routinemäßigem Schließen ohne erkennbaren Grund eine handtellergroße Kunststoffplatte aus dem System gebrochen, die Wiederherstellung kostete fast 1000 Euro; weil der Wagen zweieinhalb Jahre alt war, gab es keine Gewährleistung mehr, zu einer Reparatur auf Kulanz ließ sich Renault leider nicht bewegen. Als ein Fahrer in einem Peugeot 307 CC jemanden zum Bahnhof bringen wollte, wurde der Wagen vor dem Bahnhof von hinten gerammt. Es sah nicht schlimm aus, doch der Kofferraumdeckel ließ sich nicht mehr öffnen. Die Heimreise wurde ohne Gepäck angetreten. Später brauchte die Werkstatt eine ganze Weile, um an die Koffer und Taschen zu kommen.
Kein allgemeingültiger Trend
Weil Retractables nun mal viel aufwändiger zu konstruieren sind als Schiebe- und Stoffdächer, bedeuten sie für die Hersteller anfangs ein hohes Risiko; ihre Entwicklungskosten sind nicht nur hoch, sondern schwerer zu kalkulieren. Selbst der erfahrene Dachentwickler Webasto musste anfangs Federn lassen: Er hatte beim VW Eos damit zu kämpfen, dass VW die Produktion des übrigen Wagens erst mit monatelanger Verspätung beginnen konnte. Parallel dazu hatte der Hersteller sieben Produktionsanläufe zu verkraften. Zumindest hat Webasto die Dächer des Ford Focus, des Volvo C70 und des Eos wieder im Plus, heißt es. Im letzten Jahr sah es deswegen noch ziemlich düster aus: Erstmals in der gut 100 Jahre langen Unternehmensgeschichte musste der bayerische Zulieferer 2006 einen Verlust ausweisen, „einen zweistelligen Millionenbetrag“ (Kortüm), und in direkter Folge 450 Mitarbeiter abbauen.
Der Trend hin zum blechernen Klappdach dürfte trotz aller Markterfolge derzeit nicht unbedingt allgemein gültig sein. Nicht nur, weil beispielsweise VW-Chef Martin Winterkorn von einer solchen Variante nicht besonders viel hält und - zumindest als vormaliger Chef von Audi - stets der traditionellen Stoffmütze im Audi Cabrio den Vorzug gab. Auch bei BMW ist um das Blechkonzept des 3er heftig gerungen worden, ob dieses traditionelle Cabrio wirklich ein Blechdach haben solle. Ausschlaggebend sei das Argument gewesen, dass die meisten Fahrer eines 3er nicht mehr als dieses Mittelklasseauto hätten und damit ganzjährig unterwegs sein wollten, so dass ihnen ein aufklappbares Coupé mehr Alltagstauglichkeit verheiße.
„Gefühlte Alltagstauglichkeit“
Es geht mehr um die „gefühlte Alltagstauglichkeit“, sagt ein BMW-Sprecher, denn er weiß, dass ein Stoffdach tatsächlich nicht viel weniger alltagstauglich ist als eines aus Blech. Es scheint eine Geschmacksfrage zu sein, ob man so eine Stoffhaube einfach nur cooler findet. Jedenfalls dämmt mittlerweile das Verdeck eines Audi Cabrio genauso gut Geräusche und schlechtes Wetter wie ein Hardtop; allenfalls gegen Vandalen ist es noch nicht stichfest genug. Stoff zeigt sich in seiner Anmutung vielleicht etwas luxuriöser, unterstützt die Botschaft, dass man sich „auch“ ein Cabrio leisten kann und nicht, wie manchmal bei Dienstwagen von mittleren Angestellten, auf politische Korrektheit achten muss.
Das dürfte auch der Grund sein, warum sowohl Mercedes-Benz bei seinen offenen CLK als auch BMW beim Oberklassen-Cabriolet 6er allein dem traditionellen Softtop die Treue halten. Wer einen 6er fahre, wird bei BMW argumentiert, hätte meist mehrere Fahrzeuge zur Auswahl, so dass im Winter oder bei schlechtem Wetter eine geschlossene Variante verfügbar sei. Angeblich soll man bei Daimler in eine ähnliche Richtung diskutieren, ob der künftige SL wieder ein hartes Klappdach haben soll; die Rückkehr zur textilen Abdeckung sei durchaus möglich, zumal Daimler für den SL früher für den Winter stets ein optionales Hardtop im Angebot hatte.
Wiederholt sich die Mode aus den Siebzigern?
Citroën hat auf seinem IAA-Stand wohl eines der interessantesten Fahrzeuge unter den in Frankfurt präsentierten Retractables: die Studie C5 Airscape (Foto). Es ist ein großes, elegantes und viersitziges Cabriolet, dem Heulietz ein tiefdunkles Faltdach (aus Carbon) aufgesetzt hat, das auffallend die Optik eines Stoffdachs ziert. Das Ziel: Obwohl tatsächlich ein Retractable, will es offenbar etwas vom Prestige und der Ästhetik eines Softtop. Auch der umgekehrte Fall ist zu besichtigen: Karmann zeigt - ebenfalls als Studie - ein VW Polo mit Softtop. Will man in Osnabrück an die guten Zeiten des lange dort gebauten offenen VW Käfer oder VW Golf mit traditionellem textilen Verdeck erinnern? Dabei könnte man sich eher vorstellen, dass bei VW irgendwann einmal der kleine Polo oder der mittelgroße Golf mit einem Hardtop, der prächtige Eos aber - vielleicht zusätzlich - mit einer Stoffmütze kommen könnte.
Es sieht in mancherlei Hinsicht danach aus, als könnte sich die Mode aus den Siebzigern wiederholen: Was damals nur ein schickes, dunkles Vinyl-Dach war, lässt sich jetzt tatsächlich öffnen.