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Chinesische Autos Der lange Marsch

14.09.2007 ·  Chinas Automobilhersteller machen Ernst: Den billigen Kopien sollen eigenständige Fahrzeuge folgen. Damit könnten sie großen Erfolg haben, denn jeder vierte Deutsche wählt seinen fahrbaren Untersatz nach dem Preis aus.

Von Henning Peitsmeier
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Eine Exportnation kämpft in diesen Tagen um ihr Image: Millionen chinesischer Produkte, von Lebensmitteln bis Kinderspielzeug, sind in Europa und Amerika zurückgerufen worden, weil sie die Gesundheit gefährden. Auch chinesische Autos sind schon mit erheblichen Mängeln aufgefallen. Jetzt will Peking schlampige Hersteller strenger kontrollieren, denn die Exportmacht drängt mit Vehemenz auf die großen Märkte der Alten Welt.

Die IAA liefert einen Vorgeschmack. Zum Beispiel in Halle 8: Hier stellt der chinesische Automobilhersteller Brilliance JinBei seine neue Kompaktlimousine BS 2 vor. Es ist ein metallgewordenes Symbol der Globalisierung: Brilliance, ursprünglich ein Hersteller von Kleinbussen, verdankt seine Autokarriere dem deutschen Partner BMW und hat sich Knowhow von westeuropäischen Zulieferern geholt, um den BS 2 auf die Räder zu stellen; der 1,8-Liter-Vierzylindermotor stammt von Mitsubishi, die Karosserieform wiederum trägt Züge von Kia und Hyundai. Und gegen die Koreaner buhlt er um die Gunst westlicher Autofahrer.

Deutsche sind gutwillig

Vergessen ist der Skandal um die Billig-Limousine BS 6, die im Sommer einen katastrophalen Crashtest absolviert hatte. Nur acht Wochen später verspricht Guohua He, der Vice Chairman von Brilliance JinBei, erhebliche sicherheitstechnische Verbesserungen am Auto vorgenommen zu haben. Die Kunden sind gutwillig.

Trotz aller Skandale um „made in China“ kann sich nämlich jeder vierte Deutsche vorstellen, ein Auto eines chinesischen Herstellers zu kaufen. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Beratungsunternehmens Accenture hervor. 28 Prozent der befragten Führerscheinbesitzer glauben, dass chinesische Automobilproduzenten innerhalb der kommenden fünf Jahre hierzulande so erfolgreich sein werden wie zuletzt die koreanischen Wettbewerber Hyundai und Kia.

Der Preis ist ausschlaggebend

Der Grund: Ein unschlagbar niedriger Preis. Der BS 6, eine Limousine so groß wie ein VW Passat, kostet so viel wie ein gut ausgestatteter Polo. Zugegeben, die Spalten zwischen Holm und Türverkleidung sind groß, das Plastik der Armaturentafel wirkt nicht nur billig, es ist auch billig, und der Geruch im Innenraum ist atemraubend. Aber wenn für beinahe jeden zweiten Autofahrer der Preis beim Autokauf ausschlaggebend ist, wie die Accenture-Befragung suggeriert, ist der Marsch für Brilliance & Co. gen Westen nur folgerichtig.

„Ab 2009 werden chinesische Hersteller versuchen, neue Modelle auf den deutschen Markt zu bringen“, sagt Andreas Baier, Geschäftsführer Automotive bei Accenture. „Bis dahin haben sie auch ihre Hausaufgaben in Sachen Sicherheit gemacht und könnten besonders im unteren bis mittleren Preissegment zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz werden.“

Glänzende Wachstumsaussichten

Jahrzehntelang war China nur ein Produktionsstandort für westliche Unternehmen. Volkswagen hat den Markt lange beherrscht, nun weiten die Japaner ihr Engagement erheblich aus. Die amerikanischen Massenhersteller General Motors und Ford wollen wiederum ihre Beschaffungsmenge aus China bis 2008 um bis zu 70 Prozent erhöhen. „Und die Premiumhersteller werden ihr Einkaufsvolumen verdrei- bis verachtfachen“, sagt Lars Stolz, Partner der Beratungsgesellschaft Oliver Wyman. Vom Exportboom profitieren laut einer Oliver-Wyman-Studie vor allem westliche Zulieferkonzerne wie Bosch, Delphi, Denso oder Johnson Controls.

Der chinesische Automobilmarkt gehört zu den dynamischsten der Welt. Noch immer sind die Wachstumsaussichten außerhalb der Traditionsmärkte Europa und Nordamerika glänzend. Der asiatisch-pazifische Raum wird spätestens 2009 der größte Fahrzeugmarkt der Welt sein, geht aus einer Studie von J.D. Power and Associates hervor. Die Analysten schätzen, dass in jenem Jahr im asiatisch-pazifischen Raum 23 Millionen Fahrzeuge verkauft werden, verglichen mit 22,7 Millionen in Europa. „Die steigenden weltweiten Verkaufszahlen für 2007, und danach werden ganz klar durch die starke Nachfrage auf Asiens beiden bedeutenden Entwicklungsmärkten, China und Indien, angetrieben,“ sagt Jeff Schuster, Executive Director bei J.D. Power and Associates. „Stetig steigende Einkommen im asiatisch-pazifischen Raum erlauben dort immer mehr Verbrauchern, ein Auto zu kaufen.“

„China ist ein sinnvoller Markt für Opel“

Auf eine aufstrebende, kaufkräftige Mittelschicht bauen vor allem die deutschen Autohersteller. Fast alle haben in China Fabriken hochgezogen, sind in Joint-ventures engagiert, verkaufen zum Teil in großen Stückzahlen ihre Autos. „Opel ist vom Anspruch her eine europäisch-deutsche Marke, die am oberen Ende der Massenhersteller positioniert werden soll. China ist mit dem wachsenden Wohlstand im Land ein sinnvoller Markt für Opel,“ sagt etwa GM-Europa-Chef Carl-Peter Forster.

Chinas Marsch auf die westlichen Märkte ist auch eine Flucht nach vorn. Das Land wird Deutschland in diesem Jahr von Platz drei der größten Automobilproduzenten der Welt verdrängen. Doch auch in China werden mittlerweile mehr Autos produziert als verkauft. Die Investmentbank Morgan Stanley hat die Überkapazitäten in China auf mehr als 1,2 Millionen Fahrzeuge geschätzt. Damit nicht genug: Die Regierung in Peking hat den Aufbau weiterer Fabriken angeordnet, die Autoproduktion soll bis 2020 auf 20 Millionen Fahrzeuge verdreifacht werden. Autos sind auch in China ein Symbol für die Leistungsfähigkeit einer Industrienation. Und deshalb sollen die Brilliance, Geelys und Saics auf allen Straßen der Welt fahren.

Deutsche Autohersteller wehren sich

In ihren Exportanstrengungen haben die chinesischen Hersteller nicht immer ein glückliches Händchen bewiesen. Auch das belegt die IAA 2007 mehr oder weniger eindrucksvoll: Die chinesische Shuanghuan Auto Company versuchte im Vorfeld, mit gleich drei Ausstellungsstücken auf den Messestand zu gelangen, die den Modellen deutscher Hersteller zum Verwechseln ähnlich sehen. Das Shuanghuan-SUV-Modell mit dem Namen CEO ist dem BMW X5 wie aus dem Gesicht geschnitten, der Kleinstwagen Noble könnte ein Zwilling des Smart ForTwo sein, und der Kompakt-SUV UFO hat Ähnlichkeiten mit dem Toyota RAV 4. Das musste für Aufregung sorgen, und so verwunderte es nicht, dass Daimler und BMW mit rechtlichen Schritten im Falle einer Präsentation während der Frankfurter Messe drohten. Gegen illegale Plagiate aus Asien wollen sich die deutschen Aussteller wehren.

Der Schutz des geistigen Eigentums war zentrales Thema bei den Gesprächen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf ihrer China-Reise vorvergangener Woche. Chinas Regierungschef Wen Jiabao bekräftigte pflichtschuldig, dass das Land „alle möglichen Maßnahmen ergreift“, um gegen Produktpiraten vorzugehen. Nicht mehr lange werden es chinesische Autobauer nötig haben, billige Plagiate auf westlichen Automessen zur Schau zu stellen. Die Chinesen lernen schnell. Und das Knowhow liefern schon heute westliche Zulieferer. Darauf muss sich die Alte Welt vorbereiten.

Quelle: F.A.Z., 13.09.2007, Nr. 213 / Seite A8
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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent in München.

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