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Automobil-Ausstellung Hybride küsst man nicht

15.09.2007 ·  Noch vor zwei Jahren standen Hybrid- oder Biogasfahrzeuge brav in ihren Alibi-Ecken herum. Heute wimmelt es geradezu vor sauberen Fahrzeugen. Die IAA fährt auf die Umwelt ab. Ein Rundgang mit Hannes Hintermeier.

Von Hannes Hintermeier
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Die Trendfarbe der Saison ist Weiß, aber der grüne Anstrich ist das Gebot der Stunde. In der vierten Ausgabe des einundzwanzigsten Jahrhunderts dreht sich bei der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt auffallend vieles um den CO2-Ausstoß unserer liebsten Spielzeuge. Noch vor zwei Jahren standen die Hybrid-, Elektro- und Biogasfahrzeuge brav in ihren Alibi-Ecken herum. Heute wimmelt es geradezu vor sauberen Fahrzeugen, schon 2010 will Mercedes ein emissionsfreies Auto bauen. Zeh-oh!-zwei: Das bleibt nicht folgenlos, denn der Besucher kann nun nicht mehr anders, als nach diesem Wert Ausschau zu halten.

Natürlich ist es perfide, wenn Nörgler wie die Bundeskanzlerin darauf beharren, die deutsche Industrie habe den Trend verschlafen - dabei hat sie vermutlich nur das getan, worin sie schon Übung hat: ihn nämlich so lange auszusitzen, bis es einfach nicht mehr länger geht. Und jetzt hat sie auf einen Schlag alles ökologisch Hoffnungsvolle aus den Labors und Werkstätten geholt. Bleibt die bange Frage, ob das geneigte Publikum mit der Klimarettung freiwillig in der eigenen Garage beginnen wird? Das nachgerade wollüstige Stöhnen, das einem Besucher beim Anblick des sich langsam auf ihn zudrehenden Heckbürzels des Ferrari 430 Scuderia entfährt, lässt daran Zweifel aufkommen. Noch ist Hybridantrieb nicht sexy.

Die R-Klasse - „Die neue Form, Größe zu zeigen“

Im Wecken von überflüssigen Begehrlichkeiten sind die deutschen Hersteller Weltspitze. Aber keiner hat die große Geste offenbar so nötig wie der Daimler, der jetzt nicht mehr Chrysler heißt, sondern Mercedes. Im Vergleich zum Toyota-Auftritt - größter Hersteller der Welt, Hybrid-Triumphator und Qualitätsweltmeister - prunken die Stuttgarter mit ungebremstem inszenatorischem Furor. Wo zuletzt noch Supersportwagen wie der McLaren zur Anbetung aufgestellt waren, hat man nun vor lauter Umweltbegeisterung aufs leuchtende Laufband nur noch Modelle gestellt, die in eine saubere Zukunft fahren sollen.

Die Musik aus der Kuppel klingt, als würde jede Augenblick ein Raumschiff landen und die rettende Brennstoffzelle ausladen. Doch noch wachsen die Dimensionen der Fahrzeuge weiter; sie sollen etwa im Fall der wuchtigen R-Klasse dem Käufer „die neue Form, Größe zu zeigen“, vermitteln. Den Smart hat man deswegen als schwarzgelben Boutiquenwürfel in die Ecke gestellt; den Maybach hat man diskret weggesperrt in ein Kabuff - auch er als weißer Ritter Relikt einer automobilen Großmachtphantasie.

Ein Automobil ähnlicher dem Fahrrad als der Kutsche

Die ganz tollen Spritfresser stehen im ersten Stock, ein CL 65 AMG mit 612 PS für 240 000 Euro und einem CO2-Wert von 355 Gramm. Eine „Ich als Journalistin“-Moderatorin stellt den F 700 vor, einen Reisewagen, der direkt aus einem Batman-Film kommt. Mit „DiesOtto“-Antrieb soll das Mischwesen sämtliche Annehmlichkeiten und Sicherheiten bieten: Ein Laser tastet die Fahrbahn nach Unebenheiten ab, das Fahrwerk schluckt, frühzeitig informiert, beschwerliche Buckel einfach weg.

Das Automobil verdankt dem Fahrrad entwicklungsgeschichtlich mehr als der Kutsche. Als fernes Echo dieser Stammesgeschichte haben Premiumanbieter auch Räder im Programm - auch wenn sie davon erkennbar nichts mehr verstehen: Das Mercedes Fitness Bike ist mit güldener Klingel, unterdurchschnittlicher Schaltung und dicken Walzen kein Ruhmesblatt - ausgerechnet die beim Fahrrad existentielle Gewichtsangabe fehlt.

Die Klimakanzlerin lässt sich nur den Motor erklären

„Ist es nicht Freude, die uns bewegt?“, fragt BMW - nicht nur, möchte man einwenden. Häufig genug ist es die schlichte Notwendigkeit, und dafür sind dann die als weiße Unschuldslämmer präsentierten Gefährte entschieden zu aufwendig. Aber Ideen haben die! Weil im Kofferraum für Gepäck kaum Platz ist, hat man beim 3er- Cabrio zwei Textilkoffer auf die Rückbank montiert. So wird der Viersitzer zwar ein Zweisitzer, aber wenigstens kann man den Urlaubsort mehr wechseln als die Unterwäsche. Der M 6 ( „Der stärkste Buchstabe der Welt“) bietet für 134 920 Euro 507 PS und einen CO2-Wert von 366 Gramm, aber die „EfficientDynamics“-Modelle stehen schon bereit, und wenn erst das X 6 Sports Activity Coupé in der „Active Hybrid“-Version vorfährt, wird alles gut.

Nein, unsere Schicksalsbranche hat sich erkennbar aufgemacht zu Rettung des Planeten. Da fügt es sich, dass am ersten Messetag um die Mittagsstunde ein Stau gemeldet wird: Achtung Messegänger in der Halle 5, zwischen Rolls-Royce und Mitsubishi kommt Ihnen die Kanzlerin entgegen! Angela Merkel lässt sich bei Porsche jedoch nur die Vorzüge eines Motors erläutern, in einen Sportwagen steigt sie nicht - Klimakanzlerin, die sie ist. Ihre Entourage steht schulbubenhaft in gebührendem Abstand daneben, darunter die Frankfurter Oberbürgermeisterin und der bayerische Noch-Umweltminister Werner („Task Force“) Schnappauf. Er übt schon für seine neue Aufgabe beim Bund der Deutschen Industrie. Wie man sich auf diesem Terrain bewegt, wenn man ganz oben ist, konnte man - Achtung! - studieren, als Generalissimo Ferdinand Piëch den Stand betrat.

Skoda: „Ein Gleichgewicht ist unser oberstes Ziel“

Festzuhalten ist: Die Europäer bauen die schönsten Autos der Welt. Es liegt eine Schönheitsidee, eine Atmosphäre von Geschmack über diesem Erdteil mit seiner von Aristokraten dominierten Geschichte. Dabei kommt es eben nicht nur auf den Vorsprung durch Technik an, den Audi nun mit dem Zusatz „gestern.heute.morgen“ absichert, sondern auf das Schneidern eines bezwingendsten Blechkleides - was den Ingolstädtern prächtig gelingt, auch wenn sie hier und da zu viel des Guten tun: Der Deckel des rückwärtigen Aschenbechers im RS 4 Cabrio ist aus Carbon. Als wenn jemand bei diesen Preisen noch rauchen würde.

Bei der Konzerntochter Skoda endet die Preisliste dort, wo sie bei Audi beginnt. Aber auch dort will die Geschäftsführung nur eins: „Ein Gleichgewicht von Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt ist unser oberstes Ziel.“ Ernüchtert und ein wenig traurig blicken die Fabias und Octavias auf die Verwandten - den Passat R 36 (300 PS, CO2-Wert 249) und den Lamborghini Reventón (659 PS, kein CO2-Wert ). Das ist die weite Welt von Volkswagen. Dabei will das Volk vor allem eines: mittelgroße SUVs, Pseudogeländewagen.

Volvo treibt den Fürsorgestaat auf die Spitze

Ob es deshalb den Winzflitzer „Up!“ haben werden will, ist ungewiss. Der kleine schneeweiße Kerl schaut ziemlich grantig aus seinem Kleid, hat stämmige Beinchen, weiße Hartwindelsitze und Platz für drei Kisten Wasser. Dass man in Volkswagens Nobelboutique Individual, wo man sich seinen Phaeton leibschneidern lassen kann, ausgerechnet den Stamm einer toten Rosskastanie (Aesculus glabra) aufgestellt hat, ist gewiss ohne Vordergedanken geschehen.

Je weniger man von einem Auto sieht, desto eher hat es den Zeitgeist getroffen. Menschentrauben beim Ford Mondeo, beim T-Modell der C-Klasse, beim Fiat 500. Wo dunkles Tuch sich ballt, ist der Zutritt reglementiert, Jaguar hat nun auch abgeriegelt - na bitte. Dann eben nebenan zum wiederaufladbaren Volvo C 30 mit Elektrostöpsel. Volvo treibt den Fürsorgestaat auf die Spitze: Vor Fahrtantritt soll der Pilot einen Alkoholtest machen - wenn der Wagen den Hauch eines Verdachts meldet, springt der Motor nicht mehr an. Das wird in Schweden das Verkehrsaufkommen sehr reduzieren. Ein hochwillkommener Effekt, der große Zukunft hat.

Quelle: F.A.Z., 15.09.2007, Nr. 215 / Seite 33
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