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Open Access Freies Wissen für jedermann

 ·  Die Verlage wissenschaftlicher Zeitschriften geraten unter Druck/Von Manfred Lindinger

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Immer mehr Forscher, Bibliothekare, Autoren und Wissenschaftsmanager gehen auf die Barrikaden. Sie beklagen die ihrer Ansicht nach zu hohen Kosten wissenschaftlicher Zeitschriften sowie die Monopolstellung der Fachverlage bei der Verbreitung von Forschungsergebnissen. In einigen Jahren, so ihre Vision, soll ein Großteil der Fachliteratur für jedermann kostenlos und frei über das Internet zugänglich sein, begutachtet, aufbereitet und archiviert von den Wissenschaftlern selbst. Finanziert werden sollen die rein elektronischen Zeitschriften künftig durch die Autoren statt durch Bibliotheken oder Abonnenten, wie es bisher bei Journalen üblich ist.

„Open Access“ heißt das Schlagwort, das durch die Berliner Erklärung großer europäischer Forschungsorganisationen vor einem Jahr starke Unterstützung erfahren hat, aber für viele Verlage mittlerweile zum Reizthema geworden ist. Denn es stellt das bisherige wissenschaftliche Publikationswesen in Frage und beschert zudem unliebsame Konkurrenz. Und je mehr Zeitschriften und Artikel im Internet kostenlos zugänglich sind, desto weniger verdienen die Verlage an ihren Produkten. Viele, vor allem amerikanische Verleger haben inzwischen reagiert und bieten ihre Zeitschriften sechs Monate nach dem Erscheinen kostenlos im Internet an. Andere Verlage wie Springer haben ihr eigenes Publikationsmodell entwickelt, mit dem sie den Forderungen der Open-Access-Bewegung entgegenkommen.

Immer mehr Open-Access-Magazine

Monat für Monat wächst die Zahl der kostenlosen elektronischen Zeitschriften rasant an. Waren es Anfang des Jahres noch etwa 120, so verzeichnet das "Directory of Open Access Journals" von der Universität Lund derzeit mehr als zehnmal so viele (www.doaj.org). Allen ist gemeinsam, daß ihre Herausgeber keine Rendite erwirtschaften wollen. Zudem belassen sie den Autoren das vollständige Copyright.

In diesen Tagen ist die zweite elektronische Zeitschrift der "Public Library of Science" erschienen, eine vom Medizin-Nobelpreisträger Harold Varmus gegründete Open-Access-Initiative. Mit PLoS-Medicine hofft man auf ähnlich große Resonanz zu stoßen wie bereits mit PLoS-Biology, das im Vorjahr gestartet wurde. 1500 Dollar müssen die Autoren für einen Beitrag in den monatlich erscheinenden Zeitschriften zahlen. Wer das Geld nicht aufbringen kann, erhält Rabatt. Noch bedarf es der finanziellen Unterstützung durch eine Stiftung. Wesentlich günstiger ist das jetzt herausgegebene Journal "Genome Research" von "Cold Spring Harbor Laboratory Press" in Long Island (New York). Die Gebühr pro Artikel beträgt 1000 Dollar. Autoren, die sich das nicht leisten können, etwa weil sie aus Entwicklungsländern kommen, müssen gar nichts zahlen.

Bibliotheken hoffen auf geringere Kosten

Vielen Universitäten und Instituten scheint Open Access gerade recht zu kommen. Ihre Bibliotheken klagen über die in den vergangenen Jahren gestiegenen Kosten der Zeitschriftenabonnements. Wegen stagnierender oder sinkender Etats sind sie zum Sparen gezwungen und müssen sich aus diesem Grund von vielen Journalen trennen. Die Bibliothek der Universität Konstanz beispielsweise, die in diesem Jahr rund 1,6 Millionen Euro für Zeitschriften ausgibt, hatte 1990 rund 11.000 Titel bezogen. Heute sind es noch 6500, sagt Adalbert Kirchgäßner, der die Zeitschriftenkrise an der Bibliothek ausführlich dokumentiert hat (www.ub.uni-konstanz.de).

Bei kleineren Bibliotheken wie jener der Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt ist die Situation nicht viel anders. "Wir wenden in diesem Jahr 300.000 Euro unseres 450.000 Euro umfassenden Gesamtetats für Zeitschriften auf", berichtet Ursula Grundinger, die Leiterin der Bibliothek. "1995 hatten wir noch 200 Zeitschriften, heute sind es noch 130 Stück." Zwanzig Zeitschriften stehen ausschließlich online zur Verfügung.

Woher kommen die Kosten?

Am stärksten sind die Preise von Zeitschriften aus Naturwissenschaft, Technik und Medizin gestiegen. Die Verlage begründen die gestiegenen Kosten im allgemeinen mit dem Rückgang der Abonnements und den damit gesunkenen Auflagen. Auch führen sie Investitionen in Online-Ausgaben und in den damit verbundenen elektronischen Service an. Weil die Forscher mehr publizierten, müßten auch mehr Manuskripte von den Redaktionen bearbeitet werden. In den etwa 20.000 Zeitschriften werden jedes Jahr rund zwei Millionen Artikel veröffentlicht. "Die Umfänge steigen im Mittel pro Jahr um fünf Prozent", sagt Derk Haank. Der Leiter des Springer-Verlages will die Klagen der Bibliotheken nicht so ohne weiteres gelten lassen. "Durch Lizenzvereinbarungen erhalten fast alle Bibliotheken für das gleiche Budget heutzutage weit mehr, als sie vorher hatten. Wenn sie bei uns für 500 Zeitschriften zahlen, bekommen sie für 1000 Titel den Zugriff im Internet." Vom kommenden Jahr an bietet Springer seinen Kunden alle bisher erschienenen Jahrgänge komplett in elektronischer Form an (www.springerlink.de).

Warum manche Zeitschriften so teuer sind, können viele Forscher und Bibliothekare dennoch nicht verstehen. Schließlich arbeiten die Gutachter in der Regel ehrenamtlich, und die Autoren reichen üblicherweise ihre Beiträge in einem fast druckfähigen Format ein. Zudem werden die Artikel meist per E-Mail weitergeleitet.

Höheres Renommee bei Print-Veröffentlichung

An der gegenwärtigen Diskussion um Open Access stört Haank, daß sie auf populistische Art und Weise geführt wird. Das relevante Publikum habe den Zugriff auf die Zeitschriften ohnehin. Er bezweifelt, daß die gesamte wissenschaftliche Welt nach Open Access verlange. Umfragen hätten ergeben, daß 50 Prozent der Autoren von Springer das Modell gar nicht kennten.

Naturgemäß müssen Verleger die laufende Debatte um Open Access anders sehen und reagieren daher eher gelassen. Springer läßt seinen Autoren ab sofort sogar die Wahl, wie sie publizieren wollen. Außer dem bewährten Subskriptionsmodell bietet der Verlag ein "Open-choice-Modell" an. Bei dem zahlen die Autoren die Kosten für alle verlegerischen Dienste und nicht wie bisher die Nutzer. 3000 Dollar kostet es, wenn ein Artikel parallel zur Printausgabe kostenlos im Internet zugänglich sein soll. "Entscheiden müssen sich die Autoren erst nach der Begutachtung", erklärt Haank und betont, daß bei der qualitativen Beurteilung eines Artikels keinerlei persönliche oder kommerzielle Interessen bestehen. Doch er ist skeptisch: "Ich würde mich sehr wundern, wenn das Open-choice-Modell in fünf Jahren mehr als fünf Prozent des Umsatzes ausmachen würde."

Ob sich Open Access gegenüber dem Abonnentenmodell durchsetzen kann, ist fraglich. Denn nur wenige Forscher werden wahrscheinlich bereit sein, 1000 bis 3000 Dollar für einen einzigen Artikel zu zahlen, zumal wenn sie pro Jahr viele Forschungsergebnisse produzieren. Zwar gibt es keine verläßlichen Angaben über die Kosten, die die Autoren für einen zu publizierenden Beitrag tragen müßten. Nach Angaben der Gesellschaft deutscher Chemiker, die jüngst ein Positionspapier herausgegeben hat, reichen die Schätzungen aber von 500 bis 10.000 Dollar. Eine langfristige Chance wird das Modell wohl nur dann haben, wenn in den Forschungsmitteln künftig auch Geld für die Publikation der Ergebnisse in den Open-Access-Journalen enthalten ist. Zudem muß ein bestimmter Online-Artikel im Internet leicht aufzufinden sein. Ein Kriterium wird darüber hinaus die Qualität der Beiträge in den Journalen sein. Noch führen die elektronischen Zeitschriften ein Schattendasein - nicht zuletzt, weil eine Veröffentlichung in "Nature", "Science" oder den "Physical Review Letters" ein wesentlich höheres Renommee genießt als bei ihren Konkurrenten im Netz.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.04.2004
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