01.11.2007 · Die tote Schale der Islandmuschel wird schon mal Millionen Jahre alt. Jetzt wurde vor Island ein - lebendes - Exemplar mit neuem Rekordalter gefunden: Über 400 Jahre. Doch es gibt Lebewesen, die stellen diese Zahlen mühelos in den Schatten.
Von Reinhard WandtnerDie Islandmuschel ist dafür bekannt, mühelos ein biblisches Alter zu erreichen. Millionen Jahre wird allerdings nur ihre Schale alt. Tote Muscheln leben eben besonders lange. Bei lebenden kann es aber immerhin auch mehr als 400 Jahre dauern, bis sie das Ende ereilt. Bezeugt wird das durch „Ming“. So haben Forscher der Universität Bangor in Wales eine Islandmuschel (Arctica islandica) benannt, auf die sie vor der Nordküste Islands in achtzig Metern Tiefe gestoßen sind.
Bei Tageslicht betrachtet offenbarte das hartschalige Weichtier sein hohes Alter. Aus den Ringen in der Schale lasen die Forscher ab, dass Ming vier volle Jahrhunderte plus fünf oder zehn Jahre im Meer verbracht hat. Bislang galt eine amerikanische Islandmuschel mit 220 Jahren als Rekordhalter. Ob ein schon früher ebenfalls vor Island eingesammeltes Exemplar tatsächlich 374 Jahre auf dem Buckel - der hier Schale heißt - hat, ist unter Sklerochronologen - wie die Muschelschalenringezähler heißen - umstritten.
Das Atmen nutzt sie gleich zum Fressen
Was kann der Mensch von der Islandmuschel lernen, wenn er auch einige hundert Jahre Lebensdauer anstrebt? Wenig. Arctica islandica ist ein Mitglied der Eulamellibranchiata, der Blatt- oder Lamellenkiemer. Da bleibt der Mensch außen vor. Bei der Ernährung bestehen ebenfalls gravierende Unterschiede. Ming und ihre Verwandten nutzen das Atmen gleich zum Fressen, indem sie aus dem durch die Kiemen strömenden, dem Gasaustausch dienenden Wasser allerlei Nahrungspartikeln herausfiltern.
Manchmal graben sich Islandmuscheln tagelang in das Sediment ein, wobei die Frequenz ihres Herzschlags auf ein Zehntel sinkt - ein Phänomen, das in der medizinischen Grundlagenforschung auf Interesse stößt. Mit ihrem Fuß verankert sich Arctica islandica gern im Meeresboden und harrt dort geduldig der Dinge, die in den folgenden Jahrzehnten bis Jahrhunderten auf sie zukommen mögen. Und geruhsames Leben zieht sich eben oft stark in die Länge.
Als ältestes Landtier galt lange eine Galapagos-Schildkröte namens Harriet, die in einem australischen Zoo gehalten wurde. Sie verendete im Sommer 2006 mit 176 Jahren. Eine Aldabra-Schildkröte in Indien soll aber sogar 255 Jahre alt geworden sein. Alles aber Jungvolk gemessen an einem Meeresschwamm, den Bremer Biologen in der Antarktis aufgespürt haben: 10.000 Jahre wurden ihm bescheinigt. Weit in den Schatten gestellt wird er aber durch Bakterien aus einem Fuldaer Steinsalzlager. Sie haben dort 250 Millionen Jahre lang geruht, ehe Forscher sie aus dem Tiefschlaf geholt haben. Aber was ist das für ein Leben?