07.07.2004 · Mehrere hundert Millionen Menschen sind vor 1981 offenbar Opfer verseuchter Ampullen mit Polio-Impfstoff geworden. Statt der Kinderlähmung droht ihnen nun Krebs.
Die Sowjetunion hat nach Erkenntnissen eines amerikanischen Wissenschaftlers bis 1981 mehrere Millionen Ampullen verseuchten Impfstoffs gegen Kinderlähmung ausgeliefert und damit die Patienten einer Krebsgefahr ausgesetzt. Die Polio-Impfungen enthielten den bei Rhesus-Affen verbreiteten Simian-Virus (SV 40), der nach neuesten Erkenntnissen Krebs hervorrufen könne, heißt es in der jüngsten Ausgabe des britischen Wissenschaftsmagazins „New
Scientist“.
Wegen der mangelhaften Hygiene-Standards sei dieser Virus nur in 95 Prozent der Impf-Dosen der Sowjetunion eliminiert worden. Zwischen 1963 und 1981 seien damit mehrere hundert Millionen Menschen, vor allem im damaligen Ostblock, aber auch in China, Japan und mehreren afrikanischen Staaten der Gefahr einer Verseuchung durch Polio-Impfungen ausgesetzt worden.
Impfung nicht nach WHO-Standard
Nach der Entdeckung des Impfstoffs gegen Kinderlähmung im Jahr 1955 wurden in der Pharma-Industrie Rhesus-Affen genutzt, um diesen Stoff in großen Mengen herzustellen. 1960 wurde bei den Affen der Simian-Virus festgestellt. Umgehend setzten Bemühungen ein, die Polio-Impfungen davon freizuhalten. Der Virus-Spezialist Michele Carbone vom Medizinischen Zentrum der Loyola-Universität in Chicago
stellte jedoch fest, dass dieser Virus auch in den folgenden Jahrzehnten in zwei von drei Polio-Impfungen aus der Sowjetunion enthalten war. Daraufhin überprüfte Carbone die in der Sowjetunion übliche Methode, den SV40-Virus mit Hilfe von Magnesiumchlorid unschädlich zu machen. Er stellte fest, daß dieses Vorgehen nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent wirksam war. Erst seit 1981 nutzte die Sowjetunion Polio-Impfungen, die den Standards der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entsprachen.
Die Ansichten über die Gefahren des SV40-Virus gehen auseinander. Das amerikanische Zentrum für die Kontrolle von Krankheiten (CDC) stellte fest, daß dieser Virus mit bestimmten Krebsformen zusammen
auftritt. Allerdings sei kein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bewiesen. Carbone vertritt jedoch schon seit zehn Jahren die
Auffassung, SV40 löse eine tödliche Form von Lungenkrebs aus. Die
amerikanische Gesundheitsbehörde FDA unterstützt in verschiedenen anhängigen Prozessen die Ansicht, US-Bürger seien durch Impfstoffe mit SV40-Viren an Krebs erkrankt.