26.01.2007 · Revolutionen sind im Internet nichts Neues. Wenn jetzt wieder eine ausgerufen wird, hat das nur einen Grund: Nie war es so einfach, überall mitzureden. Macht uns das klüger.
Von Ulf von RauchhauptInformation und Kommunikation ist längst nicht mehr alles im Web 2.0. Es geht auch um ganz reale Geschäfte, also um die Frage, wie man mit E-Commerce Geld verdienen kann. Das ist schon recht weit gediehen. Das Internet ersetzt vielen heute das Einkaufszentrum, den Flohmarkt und den Plattenladen. Auch einen realen Bankschalter hat so mancher schon seit Jahren nicht mehr betreten.
Was den Banken zunächst nur Personalkosten einsparen hilft, verspricht mittelfristig ganze Wirtschaftszweige umzukrempeln. Wer vom Verkauf von Babykleidung lebt, dem kann es auf die Dauer nicht egal sein, wenn Mütter und Väter den Bedarf an Mützchen und Jäckchen dadurch senken, daß sie die jeweils nur kurz benötigte Ware bloß noch gebraucht über Ebay beziehen und verhökern. Plattenfirmen müssen längst umdenken, wenn sich niemand mehr eine neue CD für 16 Euro kauft, wenn der einzige Hit darauf auch für 99 Cent im iTune-Store zu haben ist.
Wie zuverlässig sind die Quellen
Nicht zuletzt verunsichert das Web 2.0 die Medienbranche. Journalisten stehen vor der Frage, ob und wie sich ihr Metier ändert, wenn so genannte Leserreporter an Orte gelangen, die selbst einem hoch dotierten professionellen Rechercheteam nicht so ohne weiteres zugänglich sind. Kürzlich machte das Wort von der „Seuche Internet“ die Runde, so als wären die Bilder des hingerichteten Herrscherpaares Cheaucescu, die 1989 auch über öffentlich rechtliche Kanäle flimmerten, etwas fundamental anderes gewesen als die jüngst mit dem Handy geschossenen Fotos des gehenkten Saddam Hussein.
Ein anderer, möglicherweise ernsterer Einwand betrifft die alte Frage nach der Zuverlässigkeit der Quellen. Was kann ein Medium schon taugen, zu dem jeder Krethi und Plethi beiträgt?
In den ersten Jahren des Internets war das kein Thema. Wer Anfang der neunziger Jahre seinen ersten Email-Account bekam und wenig später mit einem Browser namens „Mosaik“ zu surfen begann, stieß überwiegende auf Websites von Angehörigen respektabler, öffentlich finanzierter, meist naturwissenschaftlicher Forschungseinrichtungen. Diese Leute verbanden mit ihrer Webpräsenz weder kommerzielle Interessen noch hatten sie Zeit zum Chatten oder Bloggen. Es ging ihnen eigentlich nur darum, ihre Arbeit innerhalb des sozialen Systems Wissenschaft bekannt zu machen.
Monumentale Internet-Projekte in den Wissenschaften
Diese Forscher gibt es immer noch, sie sind sogar viel mehr geworden und haben sich organisiert. Selbst in den Geisteswissenschaften gibt es monumentale Internet-Projekte wie das „Perseus Project“, in dem Altphilologen und Wissenschaftshistoriker lateinische und griechische Texte der Antike für jedermann verfügbar machen. Weil das Sammeln, Ordnen und Vergleichen eine Grundaktivität des Erkenntnisgewinns ist, ohne die weder Darwin noch Kepler jemals auf einen grünen Zweig gekommen wären, wird Wissen in solchen gelehrten Internet-Datenbanken nicht nur erschlossen, sondern auch geschaffen.
Unter dem Aspekt der Wissensversorgung gehören die durch die öffentlich finanzierte Wissenschaft produzierten Inhalte zweifellos zu den Perlen des Internet - ein Umstand übrigens, der sich die öffentlich bezahlten Verwalter von öffentlich unterhaltenen Kulturgütern wie Museen und Sammlungen hinter die Ohren schreiben sollten, wenn sie glauben, sie könnten als Content Provider mal eben die Hand aufhalten. Von „Nature“, „Science“ und einigen anderen Erbhöfen aus dem Papierzeitalter abgesehen hat auf dem Feld der Wissenschaft kein Inhalt eine Chance, der nicht frei und kostenlos zugänglich ist. Was im Internet nicht als Open Source auftritt, braucht erst gar nicht online zu gehen.
Kann Web 2.0 überhaupt relevante Inhalte erzeugen?
Aber Web 2.0 ist das noch nicht. Web 2.0 ist nicht nur die gepflegte Diskussion einer akademisch lizenzierten und alimentierten Elite, sondern die Beteiligung aller, die einen Browser bedienen können. Können dabei überhaupt Inhalte zustande kommen die erstens richtig sind und zweitens in irgendeinem von dem bloggenden und chattenden Individuum ablösbarem Sinne relevant?
Wer hier ein Fragezeichen setzt, muss sich gar nicht endlos in Blogs und auf Foren umgetan haben, um Beliebigkeit, Idiosynkrasie, Redundanz und vor allem Fragwürdigkeit hinter den dort feilgebotenen Informationen zu wittern. Wenn das Web 2.0 allein aus sich heraus mehr Weisheit zutage fördern soll, dann müßte es dort Mechanismen geben, vermöge derer die schiere Menge der Beitragenden für Ordnung, Relevanz und Richtigkeit dessen sorgt, was aus der Summe der Beiträge entsteht. Gibt es solche Mechanismen?
Es gibt sie, und es lassen sich dabei grob zwei Arten unterscheiden. Das eine ist das „Modell Ebay“. Das Versteigerungsportal lässt sich nämlich nicht nur zum Erwerb oder zur Veräußerung beweglicher Güter nutzen - es ist auch eine Wissensquelle. Nehmen wir an, man zieht in eine Mietwohnung und der Vormieter bietet einem den dort hängenden Kronleuchter für 400 Euro zur Übernahme an. Wenn der Leuchter gefällt, dann lässt sich mittels Ebay schnell herausfinden, ob man auf den Deal eingehen sollte. Wechseln Leuchter dieser Art dort nämlich nur für 100 Euro den Besitzer, hat man mehr als eine Information gewonnen, sondern Wissen im oben genannten Sinne: Man weiß nicht nur, dass, sondern auch,warum die 400 Euro zuviel sind.
Diese Art der Wissensproduktion durch massenhafte Integration von, im Einzelfall vielleicht komplett irreführenden Daten (es mag Leute geben, die 400 Euro bieten, vielleicht weil sie Kronleuchter sammeln und genau der angebotene ihnen noch in der Sammlung fehlt), ist keine Zauberei. Denn das gesuchte Wissen betrifft den Wert einer Sache, und der definiert sich im marktwirtschaftlichen Kontext genau so: als eine Mitteilung über Angebot und Nachfrage, also einen statistischer Prozess, der die Realität aller potentiellen Anbieter und Interessenten um so korrekter abbildet, je mehr er davon erfasst.
Weisheit aus schierer Masse?
Wie ist es aber bei andern Gegenständen des Wissens, jenen, die es auch ohne irgendwelche Akteure gibt? Hier wird meist das „Modell Wikipedia“ angeführt. Der Mechanismus besteht in diesem Falle darin, das jeder die dort angebotenen Informationen mit Ergänzungen und Korrekturen versehen darf. Die schiere Masse der Beitragenden wirkt sich hier deswegen absichernd aus, weil es auf die meisten gängigen Sachfragen - Wie heißt die Hauptstadt von Malawi? Wann starb Albert Einstein? - unendlich viele falsche, aber nur eine einzige richtige Antwort gibt. Die Irrenden sind daher aus rein statistischen Gründen immer in der Minderheit. Die Wissensschöpfung aus dem Bewerten von Websites oder Blogs durch Zählen der auf sie verweisenden Links - die Suchmaschinen wie Google anwenden - lässt sich damit als ein Wikipedia-Modell höherer Ordnung betrachten: Irrtümer werden dadurch unterdrückt, dass sie im statistischen Mittel weniger häufig weiterverlinkt werden als relevante Inhalte.
Zwischen den Modellen „Ebay“ und „Wikipedia“ gibt es noch eine Mischform, die man etwa auf medizinischen Foren antrifft. Da tauschen beispielsweise Menschen, die von Nierenkrebs betroffen sind, ihre Erfahrungen aus. Gerade schwere Krankheiten verlaufen bei keinen zwei Menschen völlig gleich. Medizinlehrbücher bilden aber immer nur einen oder wenige typische Verläufe ab, um die herum die tatsächlichen Krankheitsgeschichten weit streuen können. Patientenforen mit reger Beteiligung können daher einen Überblick über dieses Spektrum der Verlaufsformen geben, in dem der einzelne Nutzer seinen Fall einordnen kann. Mit dem Ebay-Modell hat diese Form gemein, dass jeder Beitrag ein positives Informationspartikel darstellen kann, dessen Gewichtung sich aus der Zusammenschau aller Beiträge ergibt. Andererseits bewegt sich medizinisches Wissen immer stets der Grenzen der Humanbiologie. Wie bei Wikipedia sind daher Irrtümer möglich, die der Korrektur bedürfen.
Zwischen Sachkenntnis und Spekulation
Doch die Gewinnung von „Weisheit aus der Masse“, wie sie das Wikipedia-Modell anbietet, stößt irgendwann an ihre natürlichen Grenzen. Das fängt damit an, dass das Modell voraussetzt, dass die Beiträge zu einem Thema mehrheitlich von Sachkundigen kommen. Bei vielen Themen ist es aber mehr als fraglich, ob unter den Beitragenden nicht vielleicht Ufologen, Trotzkisten oder Veganer in der Mehrheit bilden, oder andere ideologisch motivierte Gruppen, die sich schwer tun, die Faktenlage auch dort von Wunschvorstellungen und weltanschaulichen Grundentscheidungen zu trennen, wo das möglich wäre. Hinzu kommt, dass es auf viele Fragen gar keine definitive Antwort gibt, welche die Irrenden in die Minderheit setzen könnte. Streng genommen gilt das sogar für das gesamte wissenschaftliche Wissen, abgesehen vielleicht von mathematischen Sätzen.
Gewiss, bei vielen Fragen ist unter der Vielfalt aller möglichen Antworten eine dadurch ausgezeichnet, dass die empirische Evidenz für sie spricht. Und in glücklicherweise sehr vielen Fällen konnte die Forschung die Grenzen, die empirische Evidenz immer auch hat, so weit hinausschieben, dass vernünftige Zweifel eben nicht mehr möglich sind. Aber in vielen Fällen eben auch nicht. Für eine Antwort auf die Frage: „Gibt es außerirdisches Leben?“ reicht unsere Evidenz bisher nicht aus. Bei der Frage „Wer steckt hinter der Ermordung John F. Kennedys?“ ist umstritten, ob die Evidenz nun ausreicht oder nicht. Und wenn man unbedingt will, kann man (wie bei: „Was ist die Ursache für Aids?“) so manche wissenschaftliche Evidenz auch wieder in Frage stellen.
Manchmal ist empiriefreies Spekulieren in solchen Fällen heuristisch sinnvoll - woran wir beispielsweise Leben im All erkennen könnten, darüber wissen wir durchaus mehr, wenn wir in Gedanken alle Möglichkeiten dafür durchspielen. Manchmal hat es nur einen gewissen Unterhaltungswert - die Mafia? die CIA? Castro? Aliens? Manchmal ist es sogar gefährlich. Es ist aber unstrittig, dass sinnvolles Spekulieren ähnlich hohen Sachverstand voraussetzt, den man von den Einträgen in eine Enzyklopädie erwartet.
Web 2.0 ohne Wissenschaftssystem nicht sinnvoll
Woraus in aller Welt soll dieser Sachverstand nun schöpfen, wenn nicht aus jenem gesellschaftlichen Sektor, der sein Wissen gerade nicht anonym bezieht, sondern in dem sehr elitäre Mechanismen wie die persönliche Zuschreibung nachweisbarer Leistungen - bei Akademikern signalisiert durch Doktortitel, Professorenposten, Nobelpreise, bei Programmierern durch Anerkennung, Bezahlung, bei Webtechnikern durch Hierarchie oder Renommee - eine überragende Rolle spielen.
Keine Frage, das Web 2.0 ist im Prinzip ein mächtiges Instrument, um Wissen allgemein verfügbar zu machen. Aber es funktioniert zuverlässig nur in einem eingeschränkten Themenfeld und setzt zudem notwendig die Existenz eines traditionellen elitären und - sprechen wir es ruhig aus - öffentlich zu ihrem reinen Selbstzweck finanzierten Wissenschaftssystems voraus.
„Partizipativer Journalismus“ oder „Citizen Journalism“ ist der Versuch, die Leser in die Produktion von Texten einzubinden. Dies ist der dritte Versuch von FAZ.NET, Online- und Printproduktion miteinander zu verbinden. Dieser Beitrag ist in der Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 28. Januar 2007, ergänzt um die hier angeführten Leser-Kommentare, erschienen.
FAZ.NET-Debatte in dieser Form nur Kokolores
Thomas Mrazek (thomasmrazek)
- 26.01.2007, 19:11 Uhr
Diese Information ist richtig...
Frank Bach (Spindel)
- 27.01.2007, 06:42 Uhr
Internet als Informationsquelle
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 27.01.2007, 13:33 Uhr
Die Segnungen des Internet
Peter Schönau (PeterSchoenau)
- 27.01.2007, 14:41 Uhr
Web 2.0: Eine Frage der Bandbreite
Andreas Leonhardt (aleonhar)
- 27.01.2007, 16:22 Uhr
Ulf von Rauchhaupt Jahrgang 1964, verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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