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Eröffnung des Einstein-Jahrs Ich möchte haben

20.01.2005 ·  „Über diesen Abend wäre Albert Einstein ein wenig amüsiert gewesen“, sagte Aude Einstein. Politiker und Forscher nutzten die offizielle Eröffnung des Einstein-Jahres für ganz eigene Projektionen.

Von Christian Schwägerl
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Albert Einstein ist endgültig zu einer gigantischen Projektionsfläche geworden. Dies wurde am Mittwoch abend ästhetisch schon dadurch angedeutet, daß der ganze Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums in eine einzige Lichtprojektion Einsteinscher Formeln getaucht war, als der Bundeskanzler im Beisein von mehreren hundert Gästen das "Einstein-Jahr" eröffnete. Beim anschließenden Buffet gab es - dies zur Orientierung für Mensen im ganzen Land - Filet von Lachs und Zander auf Blattspinat mit Basmatireis, Entenbrust in Honigbalsamicosauce mit Schupfnudeln und Quiche von Waldpilzen und Rucolaschaum.

War Einstein, der vor hundert Jahren seine Relativitätstheorie vorgelegt hat und vor fünfzig Jahren gestorben ist, bisher für die Politik eher eine dankbare, weil stets allgemeingültige und unwiderlegbare Zitatquelle, so hat er sich nun in ein veritables wissenschaftspolitisches Projekt verwandelt, das der Kanzler mit seiner persönlichen Weltformel, dem "Ich möchte haben", einläutete. Er möchte haben, daß sich "die, die Wissenschaft machen, stärker in gesellschaftliche Auseinandersetzungen einmischen, nicht nur wenn es um die Einforderung von Ressourcen geht, sondern auch wenn es um den Zustand des Gemeinwesens geht".

Schröder vor einem Schwarzen Loch

Schröder steht derzeit vor dem Schwarzen Loch einer scheiternden Gemeinschaftsanstrengung von Bund und Ländern zugunsten von Spitzenuniversitäten und zugunsten stetig steigender Budgets der Wissenschaftsorganisationen. Er sagte unverdrossen und hinreichend vage, Kern der Innovationspolitik sei es, Wissenschaft, Politik und Bildung "als Einheit" zu begreifen und von der Tagesbetreuung von Kindern bis zum Aufbau von Spitzenuniversitäten Vergangenheitssubventionen in Zukunftsinvestitionen umzuwandeln. Viele könnten die deutsche Fußballmannschaft von Bern 1954 benennen, aber kaum jemand elf deutsche Nobelpreisträger. Das müsse sich ändern, weshalb die Medien ihrem "Programmauftrag" folgen und verstärkt Wissenschaft verständlich machen sollten. Eine "neue Kultur der Wissenschaft" solle in Deutschland entstehen, und es gehe darum, sie "zu machen". Gute, engagierte Wissenschaftler "haben" und Wissenschaftskultur "machen" - dabei soll nun die Erinnerung an Einstein helfen.

Die Ermunterung der "zuständigen Kollegin im Kabinett", wie die moderierende ARD-Frau Anne Will Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn eingeführt hat, jeder solle im Einstein-Jahr "doch mal" wie Einstein vor-, neu- oder querdenken, nahm der Gastredner, der Wissenschaftshistoriker Yehuda Elkana, beim Wort. Er deutete Einstein als eine Art Befreiungskämpfer mit Universalanspruch: vom faktengläubigen Positivismus seiner Zeit, vom "bloß Persönlichen" nichtengagierter Wissenschaft, vom "bloß Aktuellen", das den Blick auf wahre Menschenheitstragödien versperrt, vom unreflektierten Denken von Wissenschaftlern, die nicht über die Wissenschaft selbst nachdenken, habe Einstein befreit.

Einstein als Projektionsfläche

Elkana knüpfte an das Motiv der Befreiung an, indem er sagte, als Überlebender des Holocaust fühle er sich in Deutschland frei, seine Meinung zu sagen, wozu gehöre, daß er das von ihm geliebte Israel davor warne, selbst "rassistischen und übernationalistischen Neigungen" nachzugehen - wofür es Applaus aus dem wohl hauptsächlich aus Nicht-Holocaust-Überlebenden zusammengesetzten Publikum gab, dem Bulmahn den Rat gegeben hatte, Einstein nun bitte nicht einzudeutschen. Sodann warnte Elkana Israel davor, den Holocaust zu kultivieren und zu manipulieren, und Deutschland, ihn zu verdrängen. Er sagte zudem, er sei sehr erschrocken, daß "die neokonservativen Kräfte in Amerika" jenen deutschen Sonderweg gingen, bei dem Krieg und Kultur gleichsetzt worden seien.

So projizierte der Kanzler sein forschungspolitisches Programm und der Wissenschaftshistoriker seine persönlichen Überzeugungen auf Einstein. Zwei Formen, die politisch-praktische und die erkenntnistheoretische, eines von der Entdeckung der Relativität der Welt freigesetzten Voluntarismus.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.2005, Nr. 17 / Seite 35
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