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Vor sechs Monaten: Der Tsunami Urbane Wüste bis zum Horizont

25.06.2005 ·  Die Provinz Aceh im Norden Sumatras wurde zum Symbol der Tsunami-Katastrophe. Doch erst Mitte April hat die indonesische Regierung hier eine Wiederaufbaubehörde ins Leben gerufen. Die Normalität ist noch weit entfernt.

Von Alexander Marguier
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Erfolgsmeldungen werden erwartet. Geht es voran mit dem Wiederaufbau? Wird das Geld auch anständig verteilt? Klappt die Kooperation mit den örtlichen Behörden? Sechs Monate nach der verheerenden Flutkatastrophe vom 26. Dezember blickt die Welt wieder auf die Provinz Aceh im Norden Sumatras. (Sonderseite: Die Flutkatastrophe)

Dieser Zipfel der Erde war zu einem Symbol für die verheerendsten Zerstörungen geworden, die der Tsunami am zweiten Weihnachtsfeiertag angerichtet hatte. Ganze Städte wurden ausgelöscht, 130.000 Menschen kamen ums Leben, weitere 90.000 werden bis heute vermißt. Und jetzt sollen die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen schnell Bilanz ziehen: Die Leute wollen schließlich wissen, was mit ihren großzügigen Spenden passiert.

„Das kann man so pauschal nicht beantworten“, sagt Ulrich Schulze, der für das Deutsche Rote Kreuz die Hilfsprogramme in der Provinzhauptstadt Banda Aceh leitet. „Wir leisten einerseits immer noch Nothilfe, kümmern uns gleichzeitig aber auch um den Wiederaufbau.“ Die Situation ist noch immer unübersichtlich und rechtfertigt weder übertriebene Zuversicht noch nörglerischen Pessimismus.

Schon eine Autofahrt durch Banda Aceh macht das deutlich: Während in manchen Straßenzügen das Leben pulsiert und die Händler ihren Geschäften nachgehen, als wäre nie etwas gewesen, steht man ein paar Meter weiter inmitten von Häuserruinen. Dazwischen sammelt sich das Regenwasser und verwandelt den Boden in einen einzigen Morast.

Erstaunliche Selbstkritik

Die Gegend um den Hafen, wo die Welle damals mit voller Wucht zuschlug, ist weiterhin Niemandsland. Hier ist so gut wie nichts stehengeblieben, außer ein paar Fundamenten und vereinzelten Stahlstreben: urbane Wüste bis zum Horizont. Anfang Januar konnte man sich an dieser Stelle nicht vorstellen, daß jemand die Kraft aufbringen würde, überhaupt noch mal einen Neubeginn zu wagen. Heute hört man das Geräusch von Sägen und Baugeräten. Die meterhohe Schicht aus Schlamm, Schutt und Leichen ist abgetragen. Es tut sich etwas. Aber tut sich auch genug?

Es hatte lange gedauert, bis die indonesische Regierung endlich ihre „Wiederaufbaubehörde für Aceh und die Insel Nias“ (BRR) ins Leben rief. Seit Mitte April sorgt diese Einrichtung nun dafür, daß die vielen Hilfsprogramme aus aller Welt koordiniert, Rahmenpläne für den Wiederaufbau in Zusammenarbeit mit den betroffenen Gemeinden erstellt und vor allem auch eingehalten werden. Mit Kuntoro wurde die Leitung der Behörde einem versierten Bürokraten und ehemaligen Minister anvertraut, der sich vor wenigen Tagen mit erstaunlicher Selbstkritik über den Stand der Dinge äußerte.

Vielerorts sei längst nicht so viel angepackt worden, wie möglich sei, und daran sei nicht zuletzt die zögerliche Haltung der indonesischen Regierung schuld. Das habe zu großer Unzufriedenheit bei den Menschen in den Camps mit den provisorischen Notunterkünften geführt, sagt Kuntoro Mangkusubroto. Mit diesem Eingeständnis will er offenbar eine Atmosphäre verbreiten, in der die Ärmel hochgekrempelt werden.

Auch das soziale Gefüge ist weitgehend verloren gegangen

Deswegen kündigte er bei dieser Gelegenheit auch gleich noch an, daß die Fischer von Aceh nicht, wie ursprünglich vorgesehen, zwei bis drei Kilometer von der Küste entfernt wiederangesiedelt würden, sondern zurück ans Meer ziehen dürften: „Wenn es ihr Wunsch ist, sollten wir es ihnen auch erlauben.“ Jetzt müssen also nur noch die Häuser wieder aufgebaut, die zerstörten Schiffe ersetzt werden - und das normale Leben kann sogleich beginnen. Das ist natürlich eine Illusion, jeder weiß es.

Bis in der Region wieder so etwas wie Normalität einkehrt, werden Jahre, wenn nicht Jahrzehnte vergehen. Denn vor einem halben Jahr wurde nicht nur jegliche Infrastruktur weggeschwemmt. Auch das soziale Gefüge ist weitgehend verlorengegangen. So herrscht gerade bei den Fischern seit der Flutkatastrophe ein eklatantes Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen: Unter den Frauen hat es viel mehr Todesopfer gegeben als unter den Männern - sie waren meist nicht zu Hause, als die Welle kam. Ihre daheimgebliebenen Familienmitglieder wurden hingegen unter den zusammenstürzenden Häusern begraben.

Allerdings konnte Kuntoro Mangkusubroto unlängst auch in Jakarta bekanntgeben, daß er mit 172 Hilfsoganisationen Projektvereinbarungen unterzeichnet habe, die 500 Millionen Euro ins Land bringen. Über 1,8 Milliarden Dollar seien Absprachen mit Regierungen und Organisationen wie den UN getroffen worden. Die indonesische Regierung steuert allein in diesem Jahr mehr als 600 Millionen Euro bei. Bis auf einige Übergangslager ist in Aceh noch nicht viel von der Hilfe zu sehen.

Nicht einmal mehr eine Trümmerlandschaft

Wir fahren nach Lampuuk, eine halbe Stunde von Banda Aceh entfernt. An diesem malerisch zwischen bewaldeten Berghängen eingebetteten Küstenstreifen befand sich einst ein Bade- und Fischerort mit 6500 Einwohnern. Davon übriggeblieben ist praktisch nur eine majestätische weiße Moschee, die notdürftig wiederhergerichtet wird. Sämtliche Wohnhäuser wurden von der Flut mitgerissen, nur rund 1.000 Menschen haben die Katastrophe überlebt. Viele von ihnen sind weggegangen, andere leben in Zelten und Baracken auf einem Areal, das nicht einmal mehr den Namen Trümmerlandschaft verdient, weil selbst die Ruinen inzwischen abtransportiert wurden. Über die teilweise schon begraste Ebene fegt der Wind vom türkisblauen Meer her, auf dem sich wie für einen Urlaubskatalog die weiße Gischt kräuselt.

Die deutsche Welthungerhilfe hat in Lampuuk nach dem Tsunami 700 Zelte als Notunterkünfte errichtet. Neben der Moschee ist eine kleine Parzelle ausgewiesen, auf der demnächst das Musterhaus der Hilfsorganisation entsteht. Ein Verfahrenstechniker mit großer Erfahrung im tropischen Wohnungsbau wurde eigens mit der Planung beauftragt. Sein Entwurf eines erdbeben- und hurrikanfesten Häuschens aus alternativem Baumaterial wie Lehm, Bambus und Kokosfaser verdient allen Respekt. Ginge es nach der Welthungerhilfe, würden hier in den nächsten Monaten Hunderte solcher Quartiere gebaut, um den verbleibenden Familien eine neue Heimat zu geben.

„Die Türken haben uns da praktisch rausgekegelt“

Aber auch Wohltäter stehen unter ständigem Konkurrenzdruck, vor allem in der Provinz Aceh, wo ungezählte Hilfsorganisationen ihre Gelder unter die Leute bringen müssen. Entweder waren die Kollegen aus der Türkei schneller oder mit weniger Respekt vor den regierungsamtlichen Bebauungsplänen ausgestattet - jedenfalls haben sie es durchsetzen können, daß in Lampuuk ihr Standardwohnhaus zum Zuge kommt. An diesem Samstag soll das 700 Wohneinheiten umfassende Bauprojekt in Gang gesetzt werden; ursprünglich waren sogar 1.000 Häuser vorgesehen. „Die Türken haben uns da praktisch rausgekegelt“, sagt ein Mitarbeiter der Welthungerhilfe leicht frustriert und hofft, wenigstens die Bewohner aus den umliegenden Orten für das eigene Musterhaus begeistern zu können.

Hasballah Ahba, ein schmächtiger Mitarbeiter des „Lampuuk Recovery Center“, hat derweil neben zwei im Gebet versunkenen Frauen den Masterplan für den Wiederaufbau Lampuuks auf dem Boden der lädierten Moschee ausgebreitet. Der türkische Halbmond in der oberen rechten Ecke läßt keinen Zweifel daran, an welchem Zeichenbrett das Werk entstanden ist. Sogar einen Sportplatz haben die Planer vorgesehen. Und einen bewaldeten Streifen Land, der den Strand vom Wohngebiet trennen soll. Wozu die Bäume? Als Schutz gegen neue Flutwellen? „Nein“, antwortet Ahba, „nur gegen den Wind.“

Ein Zeichen der Normalität, nach der sich hier alle sehnen

Zurück in Banda Aceh. Das „General Hospital“, das größte Krankenhaus der Stadt, gleicht einer riesigen Baustelle. Doch auch viele Patienten gehen die überdachten Passagen zwischen den einzelnen Krankenstationen auf und ab. Am Vorabend der Flut verfügte das Hospital über 400 Betten - dann kam die Welle, und fast alle Patienten starben. Als die Bundeswehr Anfang Januar in Banda Aceh eintraf, um erste Hilfe zu leisten, war das "General Hospital" Haupteinsatzgebiet. Meterhoch stand hier der Schlamm, die Reinigung und Instandsetzung des Gebäudes glich einer Herkulesarbeit. Mittlerweile sind 50 Prozent der ursprünglichen Kapazität wiederhergestellt. Verlorengegangenes medizinisches Gerät wurde fast vollständig ersetzt.

Rus Munandar, der Krankenhausdirektor, empfängt Gäste in seinem wohlklimatisierten Büro. Die Einrichtung ist neu, aus einem versteckten Lautsprecher erklingt „Morning Has Broken“ in einer Instrumentalversion. „Was hier mit Hilfe der Bundeswehr und anderer Organisationen auf die Beine gestellt wurde, ist schon enorm“, sagt der Mediziner. „In den ersten Tagen nach der Flut konnte sich keiner von uns vorstellen, daß wir hier jemals noch mal arbeiten würden.“

Allerdings herrsche noch Ärztemangel. Elf seiner Kollegen seien bei dem Tsunami ums Leben gekommen. Am Eingang zu dem Gebäudetrakt, in dem Munandar residiert, hängt noch ein Blatt Papier, auf das die Fotos einer Mutter mit ihrer siebenjährigen Tochter kopiert wurden: „Vermißt - Aysha und Dhea! Wer hat sie gesehen?“ Damals, im Januar, waren Häuserwände in der ganzen Stadt mit Suchplakaten übersät. Heute sieht man sie kaum noch. Vielleicht ist auch das ein Zeichen einkehrender Normalität, nach der sich hier alle so sehr sehnen.

Rund 220000 Menschen aus mehr als 50 Staaten kamen bei dem Tsunami am Ende des vergangenen Jahres ums Leben oder werden seitdem noch vermißt. Indonesien gibt die Zahl seiner Todesopfer mit knapp 165900 an, Sri Lanka mit 31000 und Indien mit mehr als 12400. Thailand zählt 5399 Tote und 2822 Vermißte, unter ihnen 898 Urlauber. Das Bundeskriminalamt gibt die Zahl der deutschen Opfer mit 557 an. 516 Personen seien identifiziert worden, 41 würden noch vermißt. Es sei jedoch wahrscheinlich, daß auch die Vermißten im Laufe des Jahres noch identifiziert werden könnten. (jul.)

Quelle: F.A.Z., 25.06.2005, Nr. 145 / Seite 9
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