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Private Katastrophenhilfe Die Spendenflut

05.01.2005 ·  Auf die Flut folgt die Spendenflut. Die Deutschen stellen Rekorde der finanziellen Hilfsbereitschaft auf. Doch wohin mit all den Spendeneuros? Wie die Hilfsorganisationen der Gelder Herr werden wollen.

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Die „Ärzte ohne Grenzen“ zeigen ihre Grenzen auf. Am Dienstag gaben die „Medecins sans frontieres“ (MSF) bekannt, die Sammlung zweckgebundener Spenden für Asien auszusetzen. MSF-Generaldirektor Salignon rechtfertigt die in Absprache mit den 18 Ländersektionen getroffene Entscheidung damit, daß der Bedarf für die von MSF betreuten Nothilfeprojekte in dem Krisengebiet mit den gesammelten Spenden bereits gedeckt sei.

Das führt zu Kritik und Unverständnis. Spendenwillige Franzosen seien nun verunsichert. „Es wäre besser gewesen, MSF hätte seine Ankündigung mit dem Aufruf verknüpft, für andere Organisationen zu spenden. Während MSF nach drei Monaten in den Flutwellengebieten seine Projekte beendet, werden wir noch über Jahre dort im Einsatz sein“, sagt eine Sprecherin von „Fondation de France“. Als „unverantwortlich“ bezeichnet der Direktor von „Action contre la faim“ (“Aktion gegen den Hunger“), Jean-Christophe Rufin, die MSF-Kommunikationspolitik.

„Es wird Wiederaufbauprojekte geben, die fünf bis zehn Jahre in Anspruch nehmen werden und enorme Finanzmittel verlangen“, sagt die Sprecherin von Care Frankreich. Der französische Regierungssprecher und Haushaltsminister Jean-Francois Cope fordert am Mittwoch schließlich ein „Ende der Polemik“: Die dramatische Situation der Betroffenen in der Krisenregion gebiete es, weiter an die Großzügigkeit aller zu appellieren.

„So etwas haben wir noch nie erlebt“

Der Streit in Frankreich wirft ein Schlaglicht auf eines der größten Probleme nach der Katastrophe: die Hilfe. Auf die Flut folgt die Spendenflut. Mehr als 160 Millionen Euro haben allein die Deutschen bisher für die Opfer der Naturkatastrophe in Südasien gegeben, und das Geld fließt weiter. „So etwas haben wir noch nie erlebt“, berichtet Dietrich Garlichs, Geschäftsführer von Unicef Deutschland.

Professionalität im Umgang mit den Spendengeldern sei selbstverständlich. Manche fragen jetzt aber auch, ob das gespendete Geld in seiner schieren Masse nicht zuviel sei. Sie weisen darauf hin, daß es Landstriche auf der Welt gebe, aus denen zwar weniger Bilder über die Fernsehschirme flirrten, in denen das Leid aber ebenso groß sei wie in Indien, Sri Lanka, Thailand und Indonesien.

„Die Grenzen erkannt“

Burkhard Wilke, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), das seit dem Jahr 1992 ein Gütesiegel an Spendenorganisationen vergibt, die es zuvor auf Seriosität geprüft hat, hält die Entscheidung der „Ärzte ohne Grenzen“ für richtig. Erfahrung mit dem Prüfen von Spendenorganisationen hat das 1893 zur Zeit der brennenden „sozialen Frage“ gegründete Institut seit dem Jahr 1906.

Damals suchten zum ersten Mal Geldgeber um Rat nach, von welchen Hilfseinrichtungen denn die Spenden am effektivsten eingesetzt werden könnten. „,Ärzte ohne Grenzen' hat seine Grenzen erkannt“, sagt Wilke. „Sie sind stark in der Nothilfe unmittelbar nach einer Katastrophe, aber der Wiederaufbau zählt nicht zu ihren Satzungszielen. Die Organisation hat sich zu Recht gesagt: Wenn unsere Ziele und unsere Grenzen erreicht sind, können wir die eingehenden Spenden nicht mehr sinnvoll verwenden.“

„Die größte deutsche Spendenaktion für das Ausland“

Das Institut macht an diesem Donnerstag eine Umfrage unter den 35 mit seinem Siegel versehenen Spendenorganisationen, die sich an der Hilfe für Südasien beteiligen. Am Freitag wird dann bekanntgegeben, wieviel Spendengeld die Organisationen bislang für die Flutopfer in Asien eingenommen haben.

Burkhard Wilke sagt, noch immer wachse die Summe jeden Tag um zweistellige Millionenbeträge. „Es ist schon jetzt die größte deutsche Spendenaktion für das Ausland. Für das Kosovo spendeten die Deutschen 1999 privat 110 Millionen Mark, das war der bislang höchste Betrag.“ Zum Vergleich: Bei der Flut an Elbe und Oder im Jahr 2002 spendeten die Deutschen 350 Millionen Euro.

Staatliche Hilfe ist anderer Natur

Meldungen, in Deutschland sei wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage das Spendenaufkommen insgesamt gesunken, kann Wilke nicht bestätigen. Verläßliche Gesamtzahlen habe man nicht. Aber eine Umfrage unter den 30 größten Spendenorganisationen mit DZI-Siegel - sie seien fast identisch mit den 30 größten überhaupt in Deutschland - habe für Januar bis September 2004 auf einem Index von minus fünf bis plus fünf einen Wert von plus 0,3 ergeben.

„Die Spendeneinnahmen sind stabil“, sagt Wilke. Die 187 Spendenorganisationen, die das DZI-Siegel tragen, nahmen 2003 in Deutschland zusammen 1,2 Milliarden Euro an Spenden ein. Das ist gut die Hälfte aller sozialen Spenden von etwa 2,3 Milliarden Euro.

Wilke übt Kritik an Meldungen, in denen die Hilfszusagen der Bundesregierung zu den Spenden gezählt werden: „Das ist das Gegenteil einer privaten freiwilligen Spende. Die Beträge, die von der Bundesregierung zugesagt werden, stammen aus Steuern.“ Staatliche Finanzierungshilfen hätten anders als private Spenden immer auch außen- und innenpolitische Implikationen, etwa wenn eine amtierende Regierung wegen ihrer „Bewältigung“ einer Katastrophe in der Wählergunst steige.

Vier Gründe für die große Spendenbereitschaft

Mit typischen Spendenzeiten wie Weihnachten habe das außergewöhnliche Ergebnis für die Flutopfer in Südasien nichts zu tun, sagt Wilke. Weihnachtsspenden seien schon vor der Katastrophe am 26. Dezember eingezahlt worden.

Es gebe vier Gründe für die große Spendenbereitschaft: Es handele sich um eine Katastrophe gewaltigen Ausmaßes; hinzu komme die psychologische Nähe des Ereignisses, da viele Deutsche selbst schon in den getroffenen Gebieten im Urlaub waren; zudem seien auch gleich Bilder von der Katastrophe dagewesen; und schließlich sei die Katastrophe in die nachrichtenarme Zeit zwischen den Jahren gefallen.

„Versuchung auf die Tränendrüse zu drücken“

Wilke hat grundsätzlich nichts dagegen, wenn sich mittlere und kleine Spendenorganisationen zusammenschließen und mit einer einzigen Kontonummer gemeinsam zu Spenden aufrufen, wie etwa in der „Aktion Deutschland Hilft“, die seit der Flut an Elbe und Oder besteht. „Ich halte die Vielfalt der Organisationen aber auch für einen Reichtum, wenn sie ihre Kernkompetenzen beachten und sich so ergänzen.“

Die Spenderbindung an einzelne Organisationen nehme ab, man wechsle heute häufiger. „Das haben vor allem die großen und die kirchlichen Organisationen zu spüren bekommen. Die Leute wollen Transparenz, wollen wissen, wohin ihr Geld geht.“ Der zunehmende Wettbewerb unter den Spendenorganisationen führe gelegentlich dazu, daß aggressiv um Spenden geworben wird.

„Die Versuchung ist groß, mächtig auf die Tränendrüse zu drücken statt einen sachlichen Spendenbrief zu schreiben.“ Schwierig werde es da bei Benefiz-Sendungen der öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsender. „Die Spendenorganisationen werden in ein Unterhaltungsumfeld eingebettet, das sie nicht mehr selbst bestimmen können.“ Da spielten dann auch andere Interessen eine Rolle, etwa das der Sender an hohen Einschaltquoten.

Deutsche Hilfsorganisationen haben noch Mittelbedarf

Die großen deutschen Hilfsorganisationen geben im Gegensatz zu „Ärzte ohne Grenzen“ einstimmig an, daß sie sich weiterhin über zweckgebundene Spenden für die Krisenregion freuen. Wer auf seinem Überweisungsträger als Verwendungszweck „Südasien“, „Tsunami“, „Erdbebenopfer“ oder ähnliches angibt, könne sich sicher sein, daß sein Geld für die Opfer der Katastrophe verwendet wird, bestätigen die Sprecher einstimmig.

„Die Summe ist noch lange nicht so groß, als daß es irgendeine Gefahr gäbe“, sagt Thomas Doerr vom Bundesvorstand der Johanniter-Unfall-Hilfe. Denn die Organisationen wollen nicht nur in der akuten Notsituation helfen, sondern vor allem längerfristige Projekte beginnen. „Unicef war dort, ist jetzt dort und wird auch dort bleiben“, berichtet Geschäftsführer Garlichs. Auf die Nothilfe müsse Aufbauhilfe folgen, „auch wenn manche Spender meinen, das müsse jetzt alles sofort verwendet werden“.

„Wir brauchen wir jeden Euro

Hans-Joachim Preuß sieht das ähnlich. „Es bringt nichts, wenn wir die Menschen dort bloß drei, vier Wochen füttern und uns wieder zurückziehen“, sagt der Generalsekretär der Welthungerhilfe. Man müsse vielmehr dafür sorgen, daß etwa Fischer wieder Boote bekommen oder daß Frauen in Garküchen arbeiten könnten, um sich fortan von ihrem Lohn selbst zu versorgen. Die Hilfe zur Selbsthilfe, auch in Form von Zement, Wellblech oder Dachziegeln für Bauvorhaben, sei aber sehr teuer. „Um Menschen eine Perspektive zu eröffnen brauchen wir jeden Euro.“

Auch die Diakonie setzt auf Dauer - und weitere Spenden, die die bisher eingegangenen gut 13 Millionen durchaus übersteigen dürften: „Wir wollen Flutbunker und Taifunbrecher bauen“, berichtet Dominique Mann, zuständig für Katastrophenhilfe. „Das dauert und braucht viel Geld.“ Allerdings betonen alle Organisationen, das Geld möglichst „zeitnah“ verwenden zu wollen.

„Wir legen nichts an“, sagt Achim Reinke von Caritas International, wo bislang knapp 17 Millionen Euro eingegangen sind. Das dürfen die Organisationen auch gar nicht, jedenfalls nicht über eine Anlage als Tagegeld hinaus. „Wir müssen das Geld aus rechtlichen Gründen bis zum 31. Dezember 2006 ausgegeben haben“, berichtet Garlichs.

„Sudan für viele kein Thema mehr“

Die meisten Organisationen verwenden derzeit allerdings alle zweckfreien Spenden nicht für Südasien, sondern für andere Hilfsprojekte. Unicef will laut Garlichs zugunsten der Flut kein laufendes Programm aussetzen. Zweckfreie Spenden flössen vor allem in die Länder südlich der Sahara, wo „das Aids-Problem gigantisch“ sei.

Auch beim Deutschen Roten Kreuz (DRK), bei dem bisher 34,5 Millionen Euro für die Flutopfer eingegangen sind, hebt man hervor, die siebzig weiteren Projekte auf der Welt dürften nicht unter der gegenwärtigen zweckgerichteten Spendenfreudigkeit leiden. „Trotzdem ist es ausgesprochen wichtig, weiter für Südasien zu spenden“, sagt DRK-Sprecher Lübbo Roewer. Claudia Kaminski vom Malteser Hilfsdienst meint, der Sudan sei jetzt „für viele kein Thema mehr“.

„Wir müssen das Geld vor allem jetzt fischen“

Preuß berichtet hingegen, die Welthungerhilfe erhalte gerade im Augenblick auch viele Spenden von Gebern, die ausdrücklich darum bäten, ihr Geld im Sudan einzusetzen. Gleichzeitig versuche die Welthungerhilfe, „die Beziehungen zu Menschen zu intensivieren, die uns jetzt ihr Vertrauen geschenkt haben“. Daß das schwer ist, bestätigen auch andere Organisationen.

„Wir müssen das Geld vor allem jetzt fischen“, glaubt Thomas Doerr von den Johannitern. Wenn die Organisationen in diesen Tagen keine Dauerspender für Südasien gewinnen, wird es schwer werden in einer Zeit, in der die Spendenflut, vielleicht in einigen Wochen, vielleicht auch erst in Monaten, zu versiegen droht.

Quelle: mic./wer./flf., Frankfurter Allgemeine zeitung vom 6. Januar 2005
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