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Katastrophenhilfe „Amerikanische Werte am Werk“

06.01.2005 ·  Mit ihrer Hilfe für die Opfer des Tsunamis in Asien demonstrieren die Vereinigten Staaten Großzügigkeit, um ihr Verhältnis zu Indonesien aufzubessern. Daran herrscht Bedarf, denn die Beziehungen sind seit einigen Jahren getrübt.

Von Jochen Buchsteiner, Jakarta
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In den Sondermaschinen, die am Mittwoch in Jakarta eintrafen, befanden sich ausnahmsweise keine Ärzte. An Bord waren Präsidenten, Regierungschefs und Außenminister. Sie wollen an diesem Donnerstag in der indonesischen Hauptstadt über die internationale Hilfe in den Tsunami-Gebieten Asiens beraten.

Vermutlich hat es nicht viele internationale Konferenzen dieses Ausmaßes gegeben, die in so kurzer Zeit organisiert wurden. Noch am Tag vor Beginn des Krisengipfels kann die indonesische Regierung nur eine vorläufige Teilnehmerliste veröffentlichen. Fest zugesagt haben der Generalsekretär der Vereinten Nationen, die Ministerpräsidenten aus Japan, China und Australien sowie Staats- und Regierungschefs aus acht weiteren Ländern Asiens, ferner die Außenminister der drei besonders betroffenen Länder Indien, Sri Lanka und Thailand. Auch die Chefs der Weltbank, der Weltgesundheitsorganisation und der Unicef sind in der Stadt.

Die Medien quellen über

Europa wird von dem Präsidenten der EU-Kommission Barroso, seinem Kommissar für Humanitäre Hilfe, Michel, und dem luxemburgischen Ministerpräsidenten Juncker vertreten, welcher die Ratspräsidentschaft innehat. Der unbestrittene Star kommt aber aus Amerika: Außenminister Powell.

Genaugenommen kam er aus Thailand. Am Mittwoch reiste er dann, gemeinsam mit Floridas Gouverneur Jeb Bush, dem Bruder des amerikanischen Präsidenten, weiter und flog direkt ins Katastrophengebiet in die indonesische Provinz Aceh. Die zupackende Hilfe der amerikanischen Soldaten hat in Indonesien großen Eindruck gemacht. Die Medien quellen über von Berichten über die rettenden Einsätze der Hubschrauber, die der Flugzeugträger „Abraham Lincoln“ in wenigen Tagen aus dem Südchinesischen Meer herangeschafft hat.

„Ohne Ansicht der Religion“

In Banda Aceh, der verwüsteten Hauptstadt der Provinz, sagte Powell zu, die Zahl der Hubschrauber auf 90 zu erhöhen. „Wir tun dies ohne Ansicht der Religion“, sagte Powell auf einer Pressekonferenz, „aber ich denke, es gibt der muslimischen Welt - und dem Rest der Welt - eine Möglichkeit, amerikanische Großzügigkeit und amerikanische Werte am Werk zu sehen“.

Daran herrscht in Indonesien, der größten muslimischen Nation der Welt, Bedarf. Seit einigen Jahren sind die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten getrübt. Mehr als drei Jahrzehnte lang, von 1965 bis 1998, unterhielten die beiden Länder ein freundschaftliches Verhältnis, das viel mit dem Mann zu tun hat, der in diesen 32 Jahren regierte: Diktator Suharto. Der General hatte - viele meinen mit amerikanischer Unterstützung - seinen Vorgänger Sukarno entmachtet. Unter Sukarno, der 1945 die Unabhängigkeit ausgerufen hatte, war das Inselreich im Laufe der Jahre in die Nähe des Sozialismus gerutscht; Indonesien hatte vor dem Putsch von 1965 die nach China größte Kommunistische Partei der Welt.

Verfinsterter Blick

Nach dem Rücktritt Suhartos, der vor bald sieben Jahren von einer demokratischen Volksbewegung erzwungen wurde, kehrte sich Washington von Jakarta ab. Grund dafür waren zunächst die Massaker der indonesischen Soldaten und Paramilitärs in der Provinz Ost-Timor, die sich 1999 in die Unabhängigkeit aufmachte - Verbrechen, die bis heute, trotz Gerichtsverfahren und Tribunalen, nicht gesühnt sind.

Auch umgekehrt verfinsterte sich der Blick. Die Indonesier demonstrierten gegen die amerikanischen Kriege in Afghanistan und im Irak. Zugleich fühlten sie sich ungerechtfertigt kritisiert für ihren Umgang mit den islamistischen Terroristen. Anders als Washington betrachtet die indonesische Regierung die zahlreichen Festnahmen nach den Bombenanschlägen auf Bali und in Jakarta als vorzeigbaren Erfolg im Antiterrorkampf.

Unterstützung für „SBY“

Mit dem neuen Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono scheinen sich die Dinge zum Besseren zu wenden. Der in Amerika ausgebildete General im Ruhestand genoß schon im Wahlkampf des vergangenen Jahres die Unterstützung aus Washington. Yudhoyono ist ein westlich orientierter Muslim, der eine wirtschaftsfreundliche Politik betreibt und außerdem Amerikas Argwohn gegenüber China teilt.

Für „SBY“, wie der Präsident im Land genannt wird, ist die Bewältigung der Flutkatastrophe die größte Herausforderung seiner ersten hundert Amtstage. In den vergangenen Tagen machte er nicht immer eine glückliche Figur. Weil er sich zum Zeitpunkt des Seebebens auf der anderen Seite des Archipels befand, tauchte er erst spät in den Medien auf. Zwar besuchte er inzwischen mehrfach die Notstandsgebiete und fand auch öffentlich angemessene Worte, aber der Unmut über die mangelhafte Koordination der Rettungsmaßnahmen bleibt an ihm hängen.

14.000 bewachen die Konferenz

Drei Tage brauchte er, bis er Aceh - das wegen der anhaltenden Kämpfe zwischen Separatisten und Regierungstruppen Sperrgebiet war - für internationale Helfer und Journalisten zugänglich machte. Seither herrscht in den Gebieten Chaos. Soldaten, Polizisten, nationale und internationale Hilfsorgansiationen machen sich gegenseitig die Führungsrolle streitig.

Um so wichtiger ist für Yudhoyono eine erfolgreiche und reibungslos ablaufende Konferenz in der Hauptstadt. 14.000 Sicherheitskräfte hat er eingesetzt, um dieses Ziel zu erreichen. Das Gelände um das Tagungszentrum ist schon am Tag vorher weiträumig abgesperrt, an jeder Straßenkreuzung, vor jeder Hotelauffahrt sind Militärpolizisten postiert. Wegen der Terrorwarnungen, die Indonesien noch wenige Stunden vor dem Tsunami in Atem hielten, sind sie professionell eingespielt.

Erwartungen globaler Solidarität

Der indonesische Außenminister Hassan Wirayuda beschrieb die Erwartungen nach einer Kabinettssitzung mit den Worten: „Dies ist ein klarer Ausdruck globaler Solidarität, und wir hoffen, bei diesem Treffen eine globale Hilfsaktion für den Wiederaufbau und die Erholung der betroffenen Länder zu erreichen.“ Geplant sei, daß die Vertreter der Notstandsländer zunächst die jeweiligen Situationen beschrieben und danach mit den Geberländern über geeignete Maßnahmen berieten. Noch sei offen, ob die Hilfsgelder von einem Konsortium oder von einem zu bestimmenden UN-Beauftragten verwaltet und verteilt werden sollten. Inzwischen sind weltweit mehr als zwei Milliarden Euro zugesagt worden.

Die Frage von Schuldenerlassen oder Moratorien, die in verschiedenen internationalen Gremien diskutiert werden, soll auf der Konferenz keine Rolle spielen, heißt es in Jakarta. Indonesien bezifferte die Kosten für den Wiederaufbau an der sumatranischen Nordwestküste unlängst auf mehr als eine Milliarde Dollar, was aber von verschiedenen Seiten als „konservative Schätzung“ apostrophiert wurde.

Die meisten Konferenzteilnehmer wollen das Treffen auch nutzen, um ein regionales Tsunami-Frühwarnsystem auf den Weg zu bringen. Mehrere Regierungschefs, unter ihnen Yudhoyono und der thailändische Ministerpräsident Thaksin Shinawatra, hatten sich für eine solche Einrichtung stark gemacht. Als Vorbild gilt ein entsprechendes System im pazifischen Raum. Die indische Regierung hat bereits eine internationale Seismologen-Tagung im Januar angekündigt und die Zeit bis zur Einsatzfähigkeit des Systems mit zweieinhalb Jahren angegeben.

Auch wenn die Fernsehbilder aus den meist ländlichen Notstandsgebieten anderes nahelegen - rückständig sind die betroffenen Länder nicht. Indien baut eigene Satelliten, Thailand verfügt über eine High-Tech-Industrie, und Indonesien konstruiert eigene Flugzeuge. Ein modernes Gesicht haben mittlerweile auch die Spendenaktionen. Die indonesischen Mobilfunk-Telefongesellschaften haben es westlichen Anbietern gleichgetan und Sondernummern eingerichtet, über die per Knopfdruck Rupien direkt an die Unicef transferiert werden. Die Antwort, die kurz darauf per SMS kommt, lautet: „Danke. Ihre Spende geht vollständig an unsere Brüder und Schwestern in Aceh und Nordsumatra.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.01.2005, Nr. 4 / Seite 3
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