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Karfreitag Warum gibt es Leid in der Welt?

25.03.2005 ·  Die Flutkatastrophe in Asien hat Glaubende und Zweifler vereint fragen lassen: „Warum müssen wir leiden?“ Auf die Erfahrung von unerklärlichen, unverschuldeten Schmerzen finden Christen, Atheisten oder Agnostiker unterschiedliche Antworten.

Von Heike Schmoll
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Die Flutkatastrophe in Asien hat Glaubende und Zweifler vereint fragen lassen: „Warum müssen wir leiden?“ Georg Büchner hat diese Frage als „Fels des Atheismus“ bezeichnet. In der Erfahrung von Schmerzen, von unerklärlichem, unverschuldetem Leid sind Christen und Atheisten, Halbgläubige, Zweifelnde oder Agnostiker in vergleichbarer Weise verbunden.

Die weniger Zweifelnden fragen, wie Gott das habe zulassen können; die anderen fragen nicht nach Gott, wohl aber nach dem Sinn. Weil sie ihn nicht erkennen, schließen sie daraus, daß es auch keinen Gott geben könne. Ob aufgeklärt oder weniger aufgeklärt - das Ausmaß des Leidens und die engen endlichen Grenzen des eigenen Lebens verschließen sich der Vernunft.

„Fluche Gott und stirb!“

Wer unheilbar krank ist, eine lebensbedrohliche Operation durchmachen mußte oder dem Tod näher als dem Leben war, weiß, daß die aufgeklärten Einwände sich so lange für die Deutung der Welt als tragfähig erweisen, wie Gesundheit erhalten bleibt und Arbeit und privates Glück hinzukommen. Halten solche Einwände aber der Begegnung mit der eigenen Endlichkeit stand? Mit sinnlosen Leiden finden sich meist noch diejenigen am ehesten ab, die es aufgegeben haben, nach dem Sinn zu fragen, die sich in die Resignation und vom Leben zurückgezogen haben.

Leid als Infragestellung des Glaubens oder als Erschütterung aller Grundüberzeugungen zu erfahren ist auch biblisches Thema. Die alttestamentliche Gestalt des Hiob muß unvorstellbare menschliche Qualen über sich ergehen lassen. Seine verzweifelte Frau ruft deshalb: „Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Fluche Gott und stirb!“ Anders reagieren seine anteilnehmenden Freunde. Sie diskutieren über das sinnlose Leiden und bringen genau die Argumente vor, die Jahrhunderte später in abstrakterer Form wiederauftauchen.

An Gott glauben trotz Katastrophen?

Generationen von Philosophen und Theologen mußten sich angesichts der Frage, wie Gott universales oder individuelles Leid zulassen könne, angesichts der Theodizeefrage also, geschlagen geben. Sie gerieten in größte Verlegenheit, die Vorstellung von Gottes Allmacht mit konkreten Erfahrungen des Leidens zusammenzudenken.

Katastrophen sind im Zusammenhang religions- oder ideologiekritischer Debatten immer der stärkste Einwand gegen den Gottesglauben, genauer gesagt: gegen eine bestimmte Gottesvorstellung.

Die aufgeklärte Skepsis des Jüngers Thomas

Der größte Zweifler unter den Jüngern Jesu ist Thomas. Mit seinen rationalen Einwänden erscheint er fast als Gestalt aus dem 21. Jahrhundert. Thomas will nicht glauben, daß der gekreuzigte, nach antikem Verständnis auf schändlichste Weise hingerichtete Jesus von Nazareth tatsächlich auferstanden sein soll.

Solange er den Auferstandenen nicht an dessen Wundmalen erkennt, kann er nicht an die Auferstehung glauben. Wer könnte solche Skepsis nicht angesichts der vielen Betrugsgeschichten damals und heute nachvollziehen? Wer kann von sich behaupten, niemals gezweifelt zu haben - hat er dann überhaupt geglaubt?

Antwort im Leben selbst

Dennoch: Thomas ist trotz seiner aufgeklärten Skepsis schon weiter als die debattierenden Freunde Hiobs. Er sucht die Antwort nicht in philosophischen oder theologischen Gedankenkonstrukten, sondern er sieht eine völlig neue Perspektive. Thomas findet die Antwort auf seine Zweifel nicht in aufgeklärter Gelehrsamkeit, sondern im Leben selbst.

Indem er den Auferstandenen an seinen Wundmalen wiedererkennen will, stellt er die Frage, ob die Leidenserfahrung des Gekreuzigten in das Leben des Auferstandenen tatsächlich hineingenommen ist. Thomas sieht Jesu Leiden deshalb nicht mehr als Einwand gegen Gott, sondern als Hinweis auf den Gott, der sich bis auf den tiefsten Punkt des Leidens mit der Wirklichkeit verbindet.

„Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Es ist erschütternd und zugleich menschlich, daß auch Jesus in seiner Todesangst das ganze Ausmaß der Gottverlassenheit spürt. Ausgerechnet in seiner Verzweiflung lassen ihn seine Wegbegleiter und Jünger allein. Sie schlafen erschöpft ein, obwohl er sie gebeten hatte, mit ihm zu wachen. Jesus ringt in der letzten Nacht unter den knorrigen Ölbäumen im Garten Gethsemane mit Gott darum, daß der bittere Kelch des Kreuzestodes an ihm vorübergehen möge.

Doch der Qual des Kreuzes kann er nicht entgehen. Er schreit am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ In der neutestamentlichen Überlieferung wurde die Anstößigkeit dieses Schreis später zunehmend abgeschwächt, wohl aus dem sicheren Empfinden, daß im Kreuzesschrei Jesu die Frage nach Gottes Existenz in schneidender Schärfe gestellt wird.

Christliche Antwort auf die Theodizeefrage

Trotz aller unheilvollen Verherrlichung des Leidens, die es in der Geschichte des Christentums auch gegeben hat, steckt in Jesu Schrei die christliche Antwort auf die Theodizeefrage. Denn hier ist Gott nicht mehr der Angeklagte der skeptischen Fragen, sondern die Antwort liegt in dieser Frage selbst.

Gott verwickelt sich selbst in die Leidensgeschichte der Menschen, er ist ihnen im größten Ausgeliefertsein besonders nah, weil er selbst leidet. Aus dem Leiden der Menschen wird das konkrete Leiden Gottes. Im Vergleich zu philosophischen Gottesvorstellungen der Antike spiegelt sich darin ein völlig neues Gottesverständnis: Die christliche Religion kündet von einer Weltzuwendung Gottes, wie sie zuvor radikaler nicht gedacht worden war.

Ein weltzugewandter Gott

Jesus stirbt für die Welt. Gott gibt seinen Sohn dahin. In dieser Selbsthingabe wendet sich Gott der Welt mit all ihren Unzulänglichkeiten und ihrem Leiden zu. Deshalb ist das Leiden Christi gegen Georg Büchner der Fels des christlichen Glaubens. Seither ist es unmöglich geworden, die Frage nach Gott zu stellen und gleichzeitig von seiner Hinwendung zur Welt abzusehen. Der christliche Gott ist kein abstraktes Gegenüber, kein ferner Weltenlenker, sondern ein weltzugewandter Gott. Dafür steht das Kreuz Jesu.

Quelle: F.A.Z., 24.03.2005, Nr. 70 / Seite 1
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Jahrgang 1962, politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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