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Ein Jahr nach dem Tsunami Wieder ein Haus, eine Frau und Kinder

23.12.2005 ·  Die internationale Hilfe für die Tsunami-Opfer ist beispiellos, doch der Wiederaufbau dauert länger als erwartet. Erst einmal müssen die Eigentumsverhältnisse geklärt werden. Eine besondere Herausforderung in Orten, in denen die meisten Bewohner nicht überlebt haben.

Von Horst Bacia, Banda Aceh
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Zusammengekauert, die kräftigen Arme über den Knien verschränkt, sitzt Muntaran im Schatten eines einfachen Holzhauses. Es ist nicht sein eigenes, sondern nur eine Art Modell, aber in spätestens sechs Monaten, hofft er, eines wie dieses zu besitzen.

Gewißheit hat er nicht. Viel ist den Menschen in Lampuuk schon versprochen worden. Doch der Wiederaufbau dauert länger als erwartet, viel länger.

Die Arbeit ließ ihn überleben

Wieder ein eigenes Dach über dem Kopf zu haben würde ihn „ruhiger“ machen, sagt Muntaran. Es gäbe ihm ein Gefühl größerer Sicherheit, wenn er abends nach der Arbeit an einen Ort zurückkehren könnte, an dem er sich zu Hause fühlt. Er klagt nicht, und er will auch der Regierung nicht vorwerfen, daß alles nur schleppend langsam vorangeht. Gelassen - oder vielleicht noch immer verstört - hat er sich, wie es scheint, ganz seinem Schicksal ergeben: Ein Mann von 42 Jahren, der alles verloren hat und versuchen muß, so gut er kann von vorn zu beginnen.

Ein Jahr nach dem Tsunami

Muntaran hat nicht miterlebt, wie am Morgen des 26. Dezember die verheerende Flutwelle Tod und Zerstörung über sein Dorf brachte. Weil er damals auf einer Großbaustelle im Süden der Provinz Aceh arbeitete, ist er am Leben geblieben. Seine Frau, seine zwei Kinder hat er nie wiedergesehen. Sein Haus gibt es nicht mehr. Nur ein Bruder ist von der Familie übriggeblieben.

Die Welle trug sie fort

Fast 7000 Männer, Frauen und Kinder wohnten vor dem Tsunami in Lampuuk. Überlebt hätten nur 1000, heißt es. Und nur etwa 200 Frauen. In einem bestürzend einfachen Massengrab nahe am Strand, das nur durch ein unauffälliges Schild und eine niedrige, das gepflegte Rasenstück einhegende Mauer aus vorgefertigten Betonteilen gekennzeichnet ist, hat man die Toten begraben. Jedenfalls die, die gefunden wurden. Es waren aber nur ganz wenige Kinder darunter. Die Kinder, sagen sie in Lampuuk, habe das Meer bestattet.

Unvorstellbar, was sich vor einem Jahr hier abgespielt haben muß. Auch Onisah, die sagt, sie erinnere sich an jede Einzelheit, kann es nicht richtig schildern, obwohl die Übersetzerin sich große Mühe gibt: Zuerst war da ein ohrenbetäubender Lärm, dann riefen einige, das Wasser komme, Onisah lief einfach nur weg, um die flachen Hügel am anderen Ende des Dorfes zu erreichen, irgendwann wurde sie von der Welle erfaßt und fortgetragen, konnte sich aber an einem Gestrüpp festhalten und war gerettet. Ihr Mann hat auch überlebt. Von Kindern spricht sie nicht.

Ein gähnend leeres, flaches Stück Land

Zehn oder fünfzehn Meter hoch sollen die Wellen des Tsunami gewesen sein. Französische Fachleute haben sogar Höhen von bis zu zwanzig oder dreißig Metern ermittelt und sprechen von drei oder mehr aufeinanderfolgenden Wellen aus leicht unterschiedlichen Richtungen. Wie eine gewaltige Faust haben sie alles, was Lampuuk einmal war, erbarmungslos zerschmettert. Nur die Rahamatulla-Moschee mit ihren merkwürdigen, an Zwiebeltürme erinnernden Kuppeln hat auf wundersame Weise der Vernichtung widerstanden, obwohl sie in nur 700 Meter Entfernung vom Strand gebaut wurde.

Sonst ist von dem Dorf, in dem Bauern und Fischer lebten, wo es einen Sandstand gab, der bei den jungen Männern aus der 15 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Banda Aceh besonders beliebt war, nur ein gähnend leeres, flaches Stück Land übriggeblieben. Die Trümmer der Häuser sind inzwischen weggeräumt. Über kleine Häufchen von Schutt oder zerstörtem Hausrat wuchert schon üppige tropische Vegetation. Die Überlebenden haben in weiter landeinwärts gelegenen Behelfsunterkünften oder bei Verwandten Zuflucht gefunden.

37.000 immer noch vermißt

Das Epizentrum des gewaltigen Erdbebens, das vor einem Jahr den Tsunami hervorrief, lag nur 150 Kilometer von den Küsten Nordsumatras entfernt. Deshalb wurde die Provinz Aceh nur 45 Minuten später besonders hart von den Wassermassen getroffen. Von allen Staaten Süd- und Südostasiens hat Indonesien die meisten Opfer zu beklagen. Mehr als 130.000 Menschen kamen in Aceh ums Leben, 90.000 allein in der Provinzhauptstadt Banda Aceh; 37.000 Personen gelten nach wie vor als vermißt; eine halbe Million wurde obdachlos. Achthundert Kilometer Küste sind bis zu einer Tiefe von zwei bis sechs Kilometern verwüstet. Der Tsunami zerstörte Straßen und Brücken, überflutete Reisfelder, verdarb die Brunnen mit Salzwasser.

Die Herausforderungen für den Wiederaufbau sind gigantisch. Geradezu überwältigend war und ist aber auch das Angebot ausländischer Hilfe. So viel Geld wurde gespendet oder zur Verfügung gestellt, daß für den Wiederaufbau in den kommenden vier Jahren insgesamt sechs bis acht Milliarden Dollar zur Verfügung stehen, rechnet man die Unterstützung von internationalen Organisationen und Geberländern, die Spenden der Hilfsorganisationen und die Mittel aus dem indonesischen Staatshaushalt zusammen. Den Wiederaufbau und die Hilfe zu steuern ist Aufgabe einer Ende April, nach dem offiziellen Ende der akuten Nothilfe, durch Erlaß des indonesischen Staatspräsidenten geschaffenen Behörde Bandan Rehabilitasi dan Rekonstruksi (BRR).

Wiederaufbau von unten gesteuert

Ihr Direktor, Kuntoro Mangkusubroto, ein in den Vereinigten Staaten ausgebildeter Hochschullehrer und ehemaliger Minister für Energie und Bergbau, untersteht direkt dem Staatspräsidenten. Der BRR-Chef hat für die Arbeit seiner Behörde das Motto ausgegeben, die Provinz Aceh „besser wieder aufzubauen“. Sie war jahrzehntelang auch Kriegsgebiet und ist jetzt, dank des Tsunami, durch ein von EU-Beobachtern überwachtes Friedensabkommen zwischen bewaffneten Rebellen und Armee zu einer lange nicht gelebten Normalität zurückgekehrt. Dabei ist die Tätigkeit von 124 internationalen und 430 örtlichen Nichtregierungsorganisationen zu koordinieren und zu überwachen, „großen und kleinen, seriösen und weniger seriösen“, wie Mangkusubroto sagt. Ein Schwerpunkt ist der Bau neuer Häuser.

Etwa 120.000 sind nach Ermittlungen der BRR vom Tsunami zerstört worden, und 100.000 sollen nach ihren Plänen in den nächsten Jahren wieder aufgebaut werden. Sechzig Nichtregierungsorganisationen wollen sich daran beteiligen. Deshalb hat die BRR zunächst eine Reihe von Regeln erlassen. Die Häuser sollen bestimmten Normen entsprechen und eine bestimmte Größe (36 Quadratmeter) oder die Kosten von rund dreitausend Euro nicht überschreiten, um Schönheitswettbewerben unter den Hilfsorganisationen und Neidgefühlen unter den neuen Eigentümern vorzubeugen. Außerdem soll der Wiederaufbau nicht von oben gesteuert werden, sondern von unten her, mit Beteiligung der örtlichen Gemeinschaften stattfinden.

Eigentumsverhältnisse klären

Die Ausarbeitung dieser Vorgaben und oft ungeklärte Grundbesitzverhältnisse haben mit dazu beigetragen, daß sich der Bau neuer Häuser verzögerte. Erst 16.000 von geplanten 30.000 konnten nach Angaben der BRR bis zum Ende des Jahres fertiggestellt werden; bei weiteren 13.000 wurde wenigstens mit dem Bauen begonnen. Der gewählte Ansatz habe sich dennoch als richtig erwiesen, sagt Andrew Steer, der Repräsentant der Weltbank in Jakarta, der den fast 500 Millionen Euro umfassenden Treuhandfonds verwaltet, in den die EU-Kommission und eine Reihe von Mitgliedstaaten den größten Teil ihrer finanziellen Unterstützung für den Wiederaufbau eingezahlt haben.

Ein einfaches, ganz aus Holz gebautes Musterhaus des Türkischen Halbmonds vermittelt einen ersten Eindruck, wie das wieder entstehende Dorf Lampuuk bald aussehen könnte. Auch die deutsche Welthungerhilfe will sich beim Wiederaufbau engagieren. Sie bietet ein ökologisch anspruchsvolles, erdbebensicheres Musterhaus an, dessen Wände aus einer Mischung aus Lehm und Kokosfasern bestehen. Die künftigen Eigentümer könnten es weitgehend selber bauen, und kostbares Holz würde nur sparsam verwendet. Doch wer will oder soll überhaupt nach Lampuuk zurückkehren? Und bevor mit dem Bauen begonnen werden kann, müssen die Eigentumsverhältnisse geklärt werden. In einem Dorf, in dem die meisten Bewohner nicht überlebt haben, ist das eine besondere Herausforderung.

Rechte von Witwen und Waisen schützen

Dieser Aufgabe widmet sich Pelepor Yanto, ein uniformierter Beamter der Behörde, die für die Registrierung des Grundbesitzes zuständig ist. Daß die Grundbucheinträge zum Teil zerstört worden sind, fällt ausnahmsweise kaum ins Gewicht, da fast drei Viertel aller Bewohner der Provinz Aceh ohnehin keine Dokumente über ihr Eigentum besaßen, sondern ihre Rechte nur von einer längeren Ansiedlung oder Nutzung herleiteten. Ein vom Treuhandfonds finanziertes Projekt zur Registrierung des Grundbesitzes hilft nun bei der Herstellung genauer Pläne über den Zustand vor dem Tsunami.

Dazu werden vor allem kommerzielle Satellitenaufnahmen mit hoher Auflösung benutzt. In Absprache mit den Dorfbewohnern hat der Beamte an Ort und Stelle zu klären, wem ein so identifiziertes Grundstück zuzuordnen ist. Dann kann er den Besitz bestätigen. In einer Siedlung wie Lampuung, sagt Yanto, komme es besonders darauf an, durch die Ausstellung von Dokumenten die Rechte von Witwen und Waisen oder anderer Erben zu schützen.

Nur die Erinnerung ist geblieben

Für Muntaran ist wichtig, daß sein neues Haus wieder an derselben Stelle gebaut wird, wo das alte stand. Dieses Stück Land und die Erinnerung sind schließlich das einzige, was ihm geblieben ist. Nur wenn er ein Haus hat, wird er wieder eine Frau bekommen und vielleicht auch wieder Kinder. Das ist die Logik des Überlebens.

Zur Rückkehr fest entschlossen sind auch die Frauen, die vor dem Behelfshaus einer amerikanischen Hilfsorganisation in einer kleinen Gruppe zusammensitzen und aus leicht biegsamem Draht einen Zaun flechten. Eine von ihnen sagt: „Es war Allahs Wille, daß die Moschee stehen geblieben ist, und es war Allahs Wille, daß wir überlebt haben.“ Aus diesem Glauben schöpfen sie Kraft.

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