08.06.2005 · Ein halbes Jahr nach dem Tsunami geht der Wiederaufbau in den zerstörten Gebieten nur schleppend voran. Die Hilfsorganisationen haben die Millionenspenden weitgehend verplant. Aber es gibt weiter offene Fragen und logistische Schwierigkeiten.
Von Katharina IskandarDie Soforthilfe in den vom Tsunami zerstörten Regionen Süd- und Südostasiens ist weitgehend abgeschlossen. Die großen deutschen Hilfsorganisationen haben sich mittlerweile darauf verständigt, in welche Projekte sie in den nächsten Jahren investieren werden, um den langfristigen Wiederaufbau voranzubringen.
Allein das Deutsche Rote Kreuz (DRK) erhielt Spenden in Höhe von 124,6 Millionen Euro. „Das ist der höchste Spendenbetrag, den das DRK für seine Auslandshilfe je eingenommen hat“, sagt Roya Rönck, Sprecherin des DRK. Etwa 15 Millionen Euro habe die Organisation bislang für die Soforthilfe ausgegeben und Wasseraufbereitungsanlagen sowie Leichensäcke, Schlafmatten, Decken, Zelte oder Babypakete finanziert. Nun stelle das DRK weitere 24,9 Millionen Euro zur Verfügung. Damit solle der Aufbau von Krankenhäusern und die Sanierung von Brunnen unterstützt werden.
Gesundheitsversorgung steht im Mittelpunkt
Die medizinische Situation sei nach wie vor kritisch, sagt Rönck. In der indonesischen Stadt Teunom würden in den nächsten Monaten etwa tausend Brunnen und Latrinen gesäubert, um die Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Bis 2010 werde das DRK in den betroffenen Ländern tätig sein. „Wenn es sein muß, auch länger“, sagt Rönck.
Auch die Johanniter Unfallhilfe konzentriert ihre Arbeit vor allem auf die Verbesserung der hygienischen Zustände in den zerstörten Gebieten und wird in den nächsten Monaten vier Gesundheitsstationen auf zwei Malediven-Inseln sanieren. Zudem bilde die Organisation, die Spenden in Höhe von rund 12 Millionen Euro erhalten hat, in Indonesien bis zu 200.000 Menschen in Erster Hilfe aus, berichtet Martin Wittschorek, Sprecher der Johanniter Unfallhilfe.
Verzögerung beim Bau von Häusern
Besonders gefördert werden Projekte für Kinder. Unicef Deutschland stehen nach offiziellen Angaben rund 94,1 Millionen Euro zur Verfügung, mit denen das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen vor allem große Projekte in Indonesien finanziert. 80 Schulen und 200 Gesundheitseinrichtungen sollen in den Distrikten Aceh Besar, Nagan Raya, Pidie und Bireun entstehen, sagt Unicef-Sprecher Rudi Tarneden. Dafür seien 18,1 Millionen Euro eingeplant. Weitere zehn Millionen Euro würden für den Aufbau von Schulen in Jaffna, Batticaloa und Galle auf Sri Lanka ausgegeben.
Obwohl die Finanzierung mittlerweile für mehrere tausend Projekte gesichert ist, gibt es dennoch Verzögerungen beim Bau von Häusern und öffentlichen Gebäuden. Der Malteser Hilfsdienst, der ein Regionalbüro in der südindischen Stadt Nagacoil errichtet hat, von wo aus er zusammen mit lokalen Organisationen den Wiederaufbau von Häusern und Schulen am gesamten Küstenstreifen koordiniert, wartet noch immer auf Hunderte Baugenehmigungen, die vom zuständigen Bauministerium ausgestellt werden müssen.
„In vielen Fällen ist die Landfrage noch nicht geklärt“, sagt Wiltrud Gutsmiedl, die als Beraterin für die lokalen Partnerorganisationen für das Malteser Hilfswerk in Indien tätig ist. Zunächst wolle die indische Regierung ein Küstenschutzprogramm verabschieden, das festlegen soll, wie weit die neuen Häuser von der Küste entfernt gebaut werden müssen. „So lange müssen wir warten, obwohl die Finanzierung schon längst gewährleistet ist“, sagt Gutsmiedl.
„Es hat sich nichts getan“
Angesichts der schleppenden Entwicklung in Indonesien, wo es ähnliche bürokratische Hindernisse gibt wie in Indien, zeigte sich auch der indonesische Beauftragte für den Wiederaufbau, Kuntoro Mangkusubroto, enttäuscht. „Es ist schockierend“, sagte er bei einem Besuch in Aceh Anfang Mai. Noch immer würden keine Straßen oder Brücken gebaut. „Was den Wiederaufbau angeht, hat sich nichts getan.“
Der Grund dafür liege zum einen an dem schweren Erdbeben vom 28. März, das besonders auf den Inseln Nias und Simeulue sowie in der Stadt Singkil auf Sumatra erneut schwere Schäden angerichtet habe, sagt Gert Reinberger, der als Regionalkoordinator für die Deutsche Welthungerhilfe in der indonesischen Provinzhauptstadt Medan tätig ist. Zum anderen stehe die indonesische Regierung vor logistischen Schwierigkeiten, weil die Infrastruktur vieler Regionalverwaltungen zerstört worden sei.
Der Wiederaufbau gehe aber auch deshalb nur langsam voran, „da eine Unklarheit bestand bezüglich des Aufenthaltsrechts für ausländische Organisationen sowie der nicht vorhandenen, aber angekündigten Vorgaben seitens der indonesischen Regierung zum Wiederaufbau“.
„Masterplan“ der indonesischen Regierung
Mittlerweile hat die Regierung einen „Masterplan“ für den Wiederaufbau in Aceh und Nias vorgestellt. Mitte Mai hat der indonesische Präsident Susilo Bambang Yudhoyono zudem die offizielle Koordinierungsbehörde „Badan Rehabilitasi dan Rekonstruksi“ (BRR) eingesetzt. „Ich erwarte, daß der Wiederaufbau vom Halbjahrestag an in Gang kommt“, sagt Reinberger. Das wäre der 26. Juni.
Die Deutsche Welthungerhilfe, die rund 28 Millionen Euro an Spenden eingenommen hat, will in den nächsten Jahren den Wiederaufbau ganzer Dörfer fördern. Wichtig sei es, das Gleichgewicht zwischen der vom Tsunami zerstörten Küstenregion und dem Hinterland zu erhalten, sagt Reinberger. Denn das Geld fließe zwar hauptsächlich in die Küstenregionen. Jedoch sei auch das Hinterland, das vom Tsunami verschont blieb, benachteiligt, da viele Handelspartner in den Küstendörfern nicht mehr existierten.
Welthungerhilfe will Grundstücke identifizieren
Trotz der guten Koordination zwischen den internationalen und lokalen Hilfsorganisationen gebe es aber immer wieder Fehlplanungen. „Es gibt Organisationen, die bauen Toilettenhäuser, ohne vorher mit der Bevölkerung gesprochen zu haben“, sagt Reinberger. Nicht nur die Dorfbewohner, sondern auch die örtlichen Behörden fühlten sich dann „überrumpelt“.
Mit Hilfe von Luftaufnahmen will die Organisation die überschwemmten Grundstücke identifizieren und sie den früheren Eigentümern zuteilen. „Wenn man sich vor Augen führt, was für eine Aufgabe es ist, ein Dorf mit Einverständnis aller Betroffenen wieder aufzubauen, dann erscheint es realistisch, daß der Aufbau noch länger dauern wird als geplant“, so Reinberger. Er rechne mit mehr als fünf Jahren.
Die Aufhebung des Ausnahmestatus für die Region Aceh, die am 19. Mai von Präsident Yudhoyono verkündet wurde, sieht er als gutes Zeichen. „Wir erhoffen uns, daß diese Entscheidung von beiden Parteien, der indonesischen Armee und der Unabhängigkeitsbewegung GAM, genutzt wird, um den Wiederaufbau konstruktiv voranzubringen.“