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Studie Die Ökonomie des Terrors

04.01.2010 ·  Armut und Bildungsmangel trieben Selbstmordattentäter - so heißt es oft. Doch das Klischee stimmt nicht. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass Terroristen eher gebildet sind und häufig aus oberen Schichten kommen.

Von Philip Plickert
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Zu Weihnachten hätte es fast wieder eine Katastrophe gegeben. Auf einem Flug nach Detroit wollte ein junger Nigerianer kurz vor der Landung einen mitgeschmuggelten Explosivstoff zünden. Nur das Eingreifen eines anderen Fluggasts verhinderte, dass die Boeing mit fast 300 Menschen an Bord gesprengt wurde. Der Täter hatte offenbar Verbindungen zu dem Terrornetz Al Qaida und von dort Anleitung für den Anschlag erhalten. Er stammt aus einer reichen Bankiersfamilie, hatte in London studiert und dort in einem feinen Stadtteil gelebt. Ihm stand die Welt offen, dennoch entschied er sich für einen Anschlag, bei dem er selbst mit sterben wollte.

Die Ökonomie des Terrorismus ist offenbar komplizierter, als es die gängigen Klischees und Stereotype besagen. Eine oft gehörte Behauptung lautet: Vor allem extrem hoffnungslose, arme Menschen könnten zu (Selbstmord-)Attentätern werden. Wer eine wirtschaftliche Lebensperspektive sehe, würde sich dafür nicht hergeben. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 versprachen daher Politiker von Al Gore bis George Bush mehr Entwicklungshilfe und mehr Geld für Bildung - etwa im Nahen Osten -, um so die vermeintlichen wirtschaftlichen Gründe für Terrorismus zu bekämpfen.

Kein Zusammenhang zwischen Armut und Terrorismus

Die These, dass vorwiegend arme Menschen zu terroristischen Aktionen verführbar sind, ist jedoch nicht von den Fakten gedeckt. Das haben der Princeton-Ökonom Alan B. Krueger und die tschechische Orientalistin Jitka Malečková überzeugend dargelegt. Ihr Aufsatz „Education, Poverty and Terrorism: Is There a Causal Connection?“ im renommierten „Journal of Economic Perspectives“ (Herbst 2003) räumt mit verschiedenen gutmenschlichen Vorurteilen auf. Kurz gefasst lauten die Ergebnisse: Es gibt „keinen Beleg für die Behauptung, dass Armut und Terrorismus zusammenhängen“. Im Gegenteil, unter den Terroristen finden sich eher diejenigen, die besser ausgebildet sind als der Rest der Bevölkerung und die aus überdurchschnittlich wohlhabenden Schichten kommen.

Dieses Ergebnis überrascht zunächst, wenn man an die klassische Theorie denkt, die als „Ökonomie des Verbrechens“ von Gary Becker begründet wurde. Sie basiert auf der Annahme der „rational choice“, der rationalen Wahlhandlung. Demnach wägen (potentielle) Kriminelle den erwarteten Nutzen und die erwarteten Kosten ihrer Tat ab. Je geringer ihre Verdienstmöglichkeiten in der regulären Wirtschaft, desto größer die Verlockung, sich kriminellen Aktivitäten zuzuwenden, sofern die Kosten, etwa die möglichen strafrechtlichen Sanktionen, nicht zu hoch sind und überwiegen. Diese empirisch gut belegte Theorie gilt jedoch vor allem für Vermögensdelikte. Bei Gewaltverbrechen wie Mord spielen wirtschaftliche Hintergründe - wenn überhaupt - eine nur schwache Rolle.

285 Biographien ausgewertet

Genauso ist es auch beim Terrorismus. Die Täter stammen nicht aus den untersten Schichten der Bevölkerung. Das zeigen beispielsweise Studien zu palästinensischen Hamas-Kämpfern. Claude Berrebi hat 285 Biographien von „Märtyrern“ ausgewertet, deren Tod in Hamas-Zeitschriften gemeldet wurde. Sie kommen selten aus armen Familien und haben häufig ein College oder die Universität besucht. Die ganz Elenden im Gazastreifen oder im Westjordanland sind zu apathisch für den bewaffneten Kampf. Der Sozialarbeiter Nassra Hassan, der mit den Familien von Selbstmordattentätern und mit Hamas-Funktionären gesprochen hat, berichtete: „Keiner von ihnen war ungebildet, verzweifelt arm, einfältig oder depressiv.“

Auch in entwickelten Ländern zeigt die soziologische Zusammensetzung diverser Revolutions- und Terrorgruppen, dass es den Tätern nicht an Bildung fehlt: So ergab eine Untersuchung von Charles Russel und Bowman Miller zu den Lebensläufen von 350 Mitgliedern terroristischer Gruppen, darunter die deutsche RAF, die Japanische Rote Armee, die nordirische IRA, die italienischen Roten Brigaden und die Türkische Volksbefreiungsarmee, dass rund zwei Drittel einen Universitätsabschluss hatten.

„Robin-Hood-Terrorismus“

Natürlich beziehen sich Terroristen gerne auf die Armut und Unterdrückung anderer: Krueger und Malečková sprechen von möglichem „Robin-Hood-Terrorismus“. Eine ökonometrische Querschnittsanalyse der Häufigkeit von Anschlägen auf der Welt ergab zwar, dass mehr Terroristen aus ärmeren als aus reicheren Ländern kommen. Allerdings scheinen andere Faktoren wichtiger: Wird etwa der Grad an persönlichen Freiheitsrechten mitberechnet, so ist der Effekt des Pro-Kopf-Einkommens statistisch insignifikant. Das heißt: Herrschte in einem Land ein größeres Maß an ziviler Freiheit, sank die Wahrscheinlichkeit, dass aus diesem Land Terroristen kamen, auch wenn das Pro-Kopf-Einkommen nicht hoch war.

Neben dem „Angebot“ an Terroristen sollten auch die „Nachfrage“ nach Rekruten und deren Ausbildung durch entsprechende Terrorgruppen nicht vergessen werden. In einem Aufsatz, der demnächst in den DIW-Vierteljahrsheften veröffentlicht wird, beschreibt der Linzer Ökonom Friedrich Schneider, was über die Finanzströme islamischer Terrororganisationen bekannt ist: Nach seiner Schätzung hat Al Qaida ein Vermögen von rund 4 Milliarden Dollar. Auf diese Summe kommt der Schattenwirtschaftsexperte durch indirekte Schätzmethoden, die nicht beobachtbare Größen aus beobachtbaren abzuleiten versuchen. Das jährliche Budget von Al Qaida schätzt er auf 20 bis 50 Millionen Dollar. Die Mittel kommen demnach zu jeweils einem Viertel aus Drogengeschäften sowie aus Spenden, hinzu kämen klassische Kriminalität sowie illegaler Diamantenhandel.

Gelänge es, die Finanzströme der Terrororganisationen auszutrocknen, etwa durch Anti-Geldwäsche-Maßnahmen, würde dies ihre Aktivitäten erschweren. Das Angebot an Attentätern bleibt jedoch groß. Da ihre Taten nicht primär ökonomischer Not entspringen, kann man nicht allein auf die wirtschaftliche Entwicklung ihrer Herkunftsländer bauen. Wichtig ist die Auseinandersetzung mit der politisch-religiösen Verblendung, die die stärkste Motivation für Terroristen liefert.

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