20.01.2009 · Wer heute als Ökonom etwas gelten will, der muss vor allem ein tüchtiger Rechenkünstler sein. Mit immer stärkerer Mathematisierung wollte die Ökonomik einen höheren Grad an Wissenschaftlichkeit erreichen. Kritiker sprechen aber von einer Mathematik-Manie. Ordnungsfragen werden vernachlässigt.
Von Philip PlickertWer heute als Ökonom etwas gelten will, der muss vor allem ein tüchtiger Rechenkünstler sein. Er muss sich in der höheren Mathematik bewegen wie ein Fisch im Wasser und die Wirtschaftswelt in Formeln und abstrakte Modelle einpassen. Damit hat sich die Wirtschaftswissenschaft in den vergangenen fünf Jahrzehnten immer stärker zu einer mathematischen Disziplin entwickelt. An den Rand gedrängt wurde die ältere ordnungsökonomische Schule, die in Deutschland einst bedeutend war und die nach den Zusammenhängen von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft fragte, dabei aber auf Formeln verzichtete und verbal argumentierte.
"Die Mathematik hat die Funktion, die Kommunikation der Ökonomen untereinander zu erleichtern, sie ist eine Form, zu sprechen und sich auszutauschen", sagt der in Oxford lehrende Finanzwissenschaftler Clemens Fuest. Er erkennt an, dass die ordnungspolitische Schule wichtige Fragen gestellt habe. Ihr habe jedoch das nötige Instrumentarium für die wissenschaftliche Analyse und Argumentation gefehlt. Die mathematisch-formalistische Ökonomik bringe mehr Klarheit und Präzision mit sich. Sie sei wissenschaftlicher, da sie - anders als die ältere, verbal argumentierende Ökonomik - den Forscher dazu zwinge, alle Annahmen, die seiner Argumentation zugrunde liegen, offenzulegen.
Französische Studenten protestierten gegen „autistische Ökonomik“
Zur Theorie komme dann die Empirie: Mit Hilfe ausgefeilter statistischer Methoden lassen sich Thesen in nachvollziehbarer Weise quantitativ überprüfen, erhärten oder verwerfen - so die Hoffnung und das Versprechen der modernen Ökonomik.
Allerdings gibt es ein zunehmendes Unbehagen an der starken Mathematisierung. Der Soziologe und Ökonom Viktor Vanberg von der Universität Freiburg erinnert an den Massenprotest französischer Studenten vor einigen Jahren, die sich gegen eine "autistische Ökonomik" wandten. Die mathematische Formalisierung sei Selbstzweck geworden, beklagten sie. Es würden imaginäre Welten modelliert, die mit ihrer Erfahrungswirklichkeit wenig oder nichts gemein hätten. Auch in Amerika gibt es kritische Stimmen. So hat der Princeton-Ökonom Alan Blinder beklagt, dass "die Umarmung der Mathematik erst in Anbetung und dann in eine Manie umgeschlagen" sei. Große Teile der Ökonomik präsentierten sich heute zwar elegant, aber zu selbstbezogen und zu wenig auf Beobachtung gestützt.
„Die moderne Ökonomik ist krank“
Noch härter drückt es der Theoriegeschichtler Mark Blaug aus: "Die moderne Ökonomik ist krank." Sie sei zu einem intellektuellen Spiel geworden, das um seiner selbst willen gespielt werde, aber nur wenig praktische Bedeutung für das Verständnis der Welt liefere. Der Nobelpreisträger Ronald Coase äußerte ähnlich harsch: "Die heutige Ökonomik ist ein theoretisches Spiel, das in der Luft schwebt und kaum Bezug zu dem hat, was in der realen Welt geschieht."
Wenn Blinder kritisch bemerkt, dass "manche behaupten, die Ökonomik sei inzwischen mathematischer als die Physik", erscheint dies durchaus im Sinne der Urväter der modernen, neoklassischen Ökonomik, vor allem Léon Walras'. Der in Lausanne forschende Begründer der allgemeinen Gleichgewichtstheorie verfolgte in seinem 1874 erschienenen Hauptwerk "Éléments d'économie politique pure" das Ziel, eine reine theoretische Ökonomik "als naturwissenschaftlich-mathematische Disziplin wie die Mechanik oder die Hydrodynamik" zu entwickeln.
Vanberg erinnert aber daran, dass Walras schon damals Widerspruch erntete: Der Wirtschaftshistoriker Levasseur entgegnete ihm, es sei nicht zulässig, die Methoden der physikalischen Wissenschaft auf soziale Phänomene zu übertragen, die dafür viel zu variabel und komplex seien. Vor allem aber würde dies einen entscheidenden Faktor außer Acht lassen: die menschliche Freiheit.
Scheinbare Genauigkeit hat unwiderstehliche Anziehungskraft
Kritik an den neuen, der Naturwissenschaft entlehnten Modellen kam aus sehr unterschiedlichen Richtungen: Der amerikanische Institutionalist Thorstein Veblen, der sozialistischen Ideen anhing, lehnte die Orientierung an Metaphern einer physikalischen Kräftemechanik für die Ökonomie ab, da der Mensch kein lebloser Körper sei, sondern ein intentional handelndes Wesen. In ähnlicher Weise argumentierte der emigrierte österreichische Radikalliberale Ludwig von Mises: Die neoklassische Gleichgewichtstheorie sei ein reines Spiel mit mathematischen Symbolen, das den handelnden Menschen ignoriere. "Der Einzelne kommt nicht mehr als Subjekt vor", kritisiert Nils Goldschmidt, der Sozialpolitik an der Bundeswehr-Universität in München lehrt, "sondern nur noch als statistischer Durchschnittswert." Dies sei eine Art "atomisierter Kollektivismus", der biologische, anthropologische und kulturelle Voraussetzungen ausblende.
Die formale Eleganz und scheinbare Genauigkeit der mathematischen Ökonomik übten aber auf viele Wissenschaftler eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. In den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren schaffte sie in Amerika einen Durchbruch, für den berühmte Namen wie Kenneth Arrow, Gérard Debreu und auch Paul Samuelson stehen. Diese bauten die ökonomische Wohlfahrtstheorie aus, die behauptete, ein soziales Optimum der wirtschaftlichen Allokation sei mit mathematischer Logik voraussagbar und sogar planbar.
Auch in der Makroökonomik, welche die Schüler von Keynes vorantrieben, herrschte der Glaube an die Steuerbarkeit von Konjunktur und Wachstum vor. Folglich erlebte die ökonomische Politikberatung einen Aufschwung, der die Wirtschaftsfachleute in eine gesellschaftliche Schlüsselrolle brachte und ihr Selbstbewusstsein steigerte.
Schon in den fünfziger Jahren schwand die Bedeutung der Freiburger Schule
In Deutschland stellte sich die Situation zunächst ganz anders dar: Hier hatte nach dem Krieg die ordnungsökonomische Freiburger Schule um Walter Eucken und den Juristen Franz Böhm eine starke Stellung. Ihr Credo war das "Denken in Ordnungen". Sie forderten, die Bereiche von Wirtschaft, Recht und Gesellschaft in ihrer "Interdependenz" zu betrachten, also die gegenseitigen Wechselwirkungen zu analysieren. Der Staat solle einen Rahmen für den Wettbewerb setzen, sich ansonsten aber aus dem wirtschaftlichen Prozess heraushalten.
Einige frühe ordoliberale Ökonomen wie Wilhelm Röpke hatten aber zusätzlich ein reges Interesse an Soziologie und dachten intensiv über die außerökonomischen Voraussetzungen einer funktionierenden Marktwirtschaft nach. Die mathematisch-formale Ökonomik lehnten sie ab, da sie ihnen zu mechanisch erschien.
"Die ordoliberalen Lehren wurden in der Politik, vor allem von Wirtschaftsminister Erhard und in Teilen der Presse, oft zitiert, aber schon in den fünfziger Jahren schwand die Bedeutung der Freiburger Schule an den Universitäten", sagt der Wirtschaftshistoriker Alexander Nützenadel. Nach dem frühen Tod Euckens 1950 fehlten neue Impulse für das Forschungsprogramm. Aus den angelsächsischen Ländern zurückkehrende Emigranten brachten neoklassische und keynesianische Ideen mit. Bezeichnend ist, dass die erste Generation der mathematisch ausgerichteten Ökonomen in Deutschland oft ausgebildete Physiker oder Ingenieure waren. An den Wirtschaftsforschungsinstituten experimentierte man mit immer größeren Makromodellen mit unzähligen Gleichungen, welche die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge im Detail darstellen und auch steuerbar machen sollten. Ein konjunkturelles "fine-tuning" galt in den sechziger und frühen siebziger Jahren als möglich. Dies stellte sich aber wenig später als Illusion heraus.
Lehrstühle wurden umgewidmet
Angesichts des Scheiterns der konjunkturellen Feinsteuerung rief der österreichische, in Freiburg lehrende Nobelpreisträger Friedrich von Hayek in den siebziger Jahren die Ökonomen zu mehr "Demut" auf und kritisierte eine "Anmaßung von Wissen". Doch diese Mahnung fand nur wenig Echo. Die in Deutschland einst stark repräsentierte Ordnungsökonomik ist mittlerweile weitgehend verschwunden, seit an den Universitäten mehr und mehr Lehrstühle für Wirtschaftspolitik geschlossen oder der mathematisch orientierten Richtung umgewidmet wurden. "Zudem wird auch die Wirtschaftsgeschichte und die Dogmengeschichte vernachlässigt", bedauert Michael Wohlgemuth, Geschäftsführer des Freiburger Eucken-Instituts. "Viele heutige Ökonomen haben die Geschichte ihres Faches vergessen. Ältere Theorien und Erfahrungen gehen verloren, daher stehen sie jetzt auch so überrascht vor der neuen Weltwirtschaftskrise."
"Wirtschaftspolitik mit ordnungsökonomischem Hintergrund ist kaum noch zu finden, viele Kollegen beklagen das", sagt der frühere EZB-Chefökonom Otmar Issing. "Die Qualifikation in der Wirtschaftswissenschaft geht heute vor allem über die Beherrschung der mathematischen Methoden." Wer als junger Ökonom eine wissenschaftliche Karriere plane, muss Aufsätze in den Top-Journalen veröffentlichen, die stark mathematisch-empirisch ausgerichtet sind. Gérard Debreu, einer der Pioniere der Entwicklung, hat es mit zwei Zahlen verdeutlicht: Während man 1940 auf weniger als 3 Prozent der Seiten der "American Economic Review" rudimentäre Mathematik gefunden habe, stünde fünf Jahrzehnte später auf nahezu 40 Prozent der Seiten höhere Mathematik.
Forschung geht an den wirklichen Problemen teils vorbei
Der Prozess der Mathematisierung und Spezialisierung könne aber nicht beliebig weit gehen, ist Issing überzeugt. "Eine rein mathematische Ökonomik hat zu den wirklichen Problemen nichts zu sagen." Auch Friedrich Schneider, ehemaliger Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik, der großen deutschen Ökonomen-Vereinigung, und selbst ein renommierter Ökonometriker, gibt zu: "Mathematische Modelle versuchen, komplexe Sachverhalte zu erfassen. Sie sind dabei sehr reduziert und vereinfachen stark, da gehen viele Dinge verloren." Es bestehe die Gefahr einer Verengung, sagt Schneider, "denn viele Modelle behandeln nur noch winzige Ausschnitte und Aspekte, das große Ganze wird nicht mehr erfasst, Systemfragen werden nicht mehr gestellt." Mit anderen Worten, so deutet Schneider an: Viele moderne Ökonomen sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr - "so wie sie den jetzigen großen Crash nicht vorhergesehen haben".
Die aktuelle Weltfinanz- und Wirtschaftskrise beschleunigt die Abkehr von einigen Fiktionen der neoklassischen Ökonomik, etwa der Illusion vollständig informierter und strikt rational handelnder Marktakteure. Die letztlich immer noch auf Walras aufbauenden Gleichgewichtsmodelle stoßen an ihre Grenzen, wenn sie menschliches, allzu menschliches Verhalten ausblenden - etwa den Herdentrieb von Anlegern.
Allerdings gibt es bereits Anzeichen für eine Wende in der Ökonomik, weg von allzu formalistischen Ansätzen, hin zu mehr Realitätsnähe. Zum einen wird die Experimentelle Wirtschaftswissenschaft immer wichtiger, die klassische Annahmen zum "Homo oeconomicus" hinterfragt. So werden scheinbar irrationale Spekulations- sowie soziale Motive als wichtige Antriebsfedern erkannt.
„Die besten Ökonomen können beides“
Gleichzeitig erlebt die Ordnungsökonomik eine gewisse Renaissance, seit sie den Anschluss an die moderne Institutionenökonomik gefunden hat. Diese von Ronald Coase und Douglass North begründete Richtung untersucht, welchen Einfluss institutionelle Rahmenbedingungen auf wirtschaftliche Ergebnisse haben. Bessere Spielregeln sind auch heute das Stichwort nach dem Desaster der Finanzkrise.
Hier ist die Frage, ob mehr Regulierung von außen oder eine stärkere Selbstregulierung effektiver wirken. Zu lange war die Frage der privaten Haftung, die im Zentrum der Wirtschaftsordnung von Eucken stand, vernachlässigt worden. In jüngster Zeit rückt diesen entscheidenden Punkt vor allem der Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn in den Vordergrund.
Ohne Zweifel werden Ordnungsfragen in der Ökonomik künftig wieder wichtiger. Die übertriebene Mathematisierung hat möglicherweise ausgedient, wenngleich mathematische Methoden in der ökonomischen Analyse weiter eine wichtige Rolle spielen werden. "Die besten Ökonomen", sagt Otmar Issing, "können beides, sie beherrschen das Mathematisch-Formale und haben zudem einen Blick für die großen Zusammenhänge."
„Insgesamt deuten die erhobenen Daten auf eine globale Rezession hin“
gisbert heimes (gisbert4)
- 05.01.2009, 14:11 Uhr
Keynes: Komparativer-statischer Populismus propagiert von Leuten wie Krugman
Jan Jansen (jan_jansen)
- 05.01.2009, 20:08 Uhr
Vielen Dank für diesen Artikel!
Paul Schächterle (paulimausi)
- 05.01.2009, 22:41 Uhr
Geblubbere 1
Dr. Wolfgang Klein (drwklein)
- 06.01.2009, 12:01 Uhr
Geblubbere 2
Dr. Wolfgang Klein (drwklein)
- 06.01.2009, 12:09 Uhr