06.12.2006 · Der Entry Standard zieht Unternehmen und auch Investoren an. Wer in diesem Segment investiert, sollte genau hinschauen. Denn die unterschiedliche Kursentwicklung deutet auf unterschiedliche operative Qualität der Unternehmen hin.
Von Christof LeisingerAktienanleger haben trotz der negativen Erfahrungen am Neuen Markt ihre Risikobereitschaft offensichtlich nicht verloren: Der Entry Standard, von der Deutschen Börse nach dem Vorbild des Londoner Alternative Investment Market als Nachfolgekonzept etabliert, zieht sowohl Unternehmen als auch Investoren an.
Ein Jahr nach seinem Start werden in dem Marktsegment die Aktien von 71 kleineren und mittleren Unternehmen gelistet, wöchentlich kommen neue dazu. Ihre gesamte Marktkapitalisierung beträgt nach Berechnungen der Börse rund 5,4 Milliarden Euro. Eine stolze Summe, die teilweise die Anleger in der Hoffnung auf gewinnträchtiges Wachstum investiert haben. Allerdings mit höchst unterschiedlichen Resultaten. Während einige Papiere nach dem Börsengang deutliche Kursgewinne verbuchen und auch halten konnten, gerieten andere ebenso deutlich in die Defensive. Der Entry Standard-Preis Index, der die 20 meistgehandelten Werte des Segments abbildet, kommt seit Jahresbeginn auf ein Minus von gut 11 Prozent. Die Standardwerte des Dax konnten dagegen im selben Zeitraum um 18 Prozent zulegen.
Unterschiedliche Kursentwicklung deutet auf unterschiedliche operative Qualität hin
Mit einem Plus von knapp 90 Prozent seit Jahresbeginn ist die Aktie des Immobilienunternehmens Franconofurt der beste Wert im Index, gefolgt von den Papieren der Beteiligungsgesellschaft Aragon mit einem Kursgewinn von 54 Prozent und dem Technologieunternehmen Plan Optik mit einem Plus von 25 Prozent. Auf der anderen Seite mußten die Papiere von Betonusa, Eutex, Amitelo oder auch Design Bau Kurseinbußen zwischen rund 30 und knapp 90 Prozent hinnehmen.
Das breite Spektrum der Kursentwicklung deutet denn auch darauf hin, wie unterschiedlich die operative Qualität der betrachteten Unternehmen sein muß. Entsprechend wichtig wird für interessierte Anleger die sorgfältige Auswahl der Einzelwerte. Worauf sollten sie dabei achten?
„Am liebsten ist mir, wenn ein Unternehmen nachhaltig profitabel ist,“ erklärte Peter C. Conzatti als Nebenwertespezialist bei der Fondsgesellschaft Lupus Alpha. Zudem schaue er sich das Management der Unternehmen genau an: Ist es erfahren oder noch blutjung? Tauchten „altbekannte Gesichter“ im Vorstand oder Aufsichtsrat auf, mit denen man weniger gute Erfahrungen in den Tagen des Neuen Marktes gemacht habe? Generell favorisiert Conzatti spezialisierte Unternehmen, die erfolgreich in einer Nische mit hohen Eintrittsbarrieren tätig seien.
Transparenz ist das Zauberwort für Manuel Hoelzle, Chefanalyst der Augsburger German Business Concepts, einem bankenunabhängigen Analysehaus mit Fokus auf kleine und mittelgroße Werte. Hoelzle legt besonders hohen Wert auf das Vorliegen eines Wertpapierprospektes. Wenn ein Unternehmen nur auf Exposé-Basis an den Markt komme, sei eine vernünftige Kommunikation mit den Anlegern kaum noch möglich. Privatanleger müßten in diesem Fall deutliche Informationsnachteile befürchten.
Wichtig sei auch die Stetigkeit der laufenden Berichterstattung. So sollten Unternehmen neben den vorgeschriebenen Jahres- und Halbjahresberichten möglichst auch zu den Zahlen des ersten Quartals und der ersten neun Monate einen kurzen Aktionärsbrief herausgeben, um ihre Anleger zu informieren. Sonst seien die Informationszeiträume zu lang. Immerhin handele es sich bei Entry-Standard-Werten zumeist um kleine Gesellschaften, die eine hohe Dynamik aufwiesen. Genau die könne jedoch operativ sowohl nach unten als auch nach oben durchschlagen. In diesem Sinne könnten auch Analystenstudien und die regelmäßige Präsentation des Geschäftsverlaufs auf Anlegerkonferenzen zur Transparenz beitragen.
Natürlich setzt auch Hoelzle auf tragfähige Geschäftskonzepte und auf erfahrene Manager. Besonders interessant seien in diesem Zusammenhang jene Unternehmen, die bereits eine sehr gute Historie aufweisen können. Dazu zählt er Gesellschaften wie Impreglon, ein Dienstleistungsunternehmen für Oberflächentechnik, oder auch Driver & Bengsch, ein rasch wachsender, innovativer Finanzdienstleister aus Schleswig-Holstein. Die Kursentwicklung beider Aktien kann sich bisher sehen lassen und bestätigt indirekt seine Einschätzung.
Wer hat schon die Zeit, sich täglich durch 60 Internetseiten zu klicken?
Der Entry Standard ist ein auf dem unregulierten Freiverkehr basierendes Börsensegment der Frankfurter Wertpapierbörse, das seit dem 25. Oktober des Jahres 2005 besteht. Es bietet den Unternehmen einen flexiblen und kosteneffizienten Zugang zum Kapitalmarkt mit niedrigen regulatorischen Anforderungen.
Diese bestehen im einzelnen aus der Veröffentlichung eines aktuellen Unternehmenskurzporträts und eines Unternehmenskalenders. Wichtigstes Element ist die Vorlage eines testierten Konzern-Jahresabschlusses samt eines Konzern-Lageberichtes nach den jeweiligen nationalen Rechnungslegungsvorschriften oder nach International Financial Reporting Standards (IFRS), spätestens innerhalb von sechs Monaten nach Beendigung des Berichtszeitraums. Drei Monate nach dem ersten Halbjahr eines Geschäftsjahres muß zudem ein Zwischenbericht vorgelegt werden.
Ferner besteht die Verpflichtung, "wesentliche Unternehmensnachrichten oder -umstände, die für die Bewertung des Wertpapiers oder des Unternehmens bedeutsam sein können", unverzüglich der interessierten Öffentlichkeit mitzuteilen. Seltsamerweise ist dazu nur die Veröffentlichung auf der jeweiligen Internetseite des Unternehmens notwendig und nicht die Verbreitung über einen dafür autorisierten Dienstleister, wie das etwa bei Ad-hoc-Meldungen der Fall ist.
Genau daran knüpft denn auch die Kritik am Regelwerk des Entry Standard an: "Daß die Unternehmen neue Meldungen lediglich auf ihrer Homepage veröffentlichen müssen, ist ein Unding. Wer hat schon die Zeit, sich täglich durch 60 Internetseiten zu klicken? Das ist realitätsfremd und wenig praktikabel. Eine Meldung über eine Agentur zu verschicken kostet nicht viel. Das sollte es den Unternehmen schon wert sein", sagt Conzatti. Er würde auch die Veröffentlichung eines Börsenprospektes zur Pflicht machen.
Obwohl sich der Entry Standard offiziell an professionelle Anleger richtet, dürfte er auch versierten Privatanlegern gewisse Reize bieten. Immerhin gelangen auf diesem Weg immer wieder künftige Unternehmensperlen an den Markt. Grundsätzlich sollten sie sich aufgrund der nur schwer zugänglichen Informationen jedoch genauestens über die einzelnen Branchen und Firmen informieren.