Die Liste, das ahnte schon Konfuzius, ist eine Form der Literatur, und manche Liste ist die reine Lyrik. Sprache in ihrer knappsten Form, Aussagen, die evident schon dadurch werden, daß sie dastehen - und der, der sie liest, kann damit spielen. Ein ganzes Jahr in Listen: Das ist nicht die Hausordnung im Reich der Erinnerung, und es ist schon gar nicht eine Aufzählung von Befehlen, Vorschriften, Meinungen. Es sind Listen, die sich, wie François Jullien einmal geschrieben hat, frei mit der Ordnung der Dinge vergnügen. Und genau darum geht es in diesem Feuilleton: Auf die Liste gebracht, sind selbst jene Dinge ein Vergnügen, über welche wir uns geärgert haben.
Und so scheiden wir heiter aus dem Jahr 2006,
weil 16 Prozent Mehrwertsteuer eh viel zuwenig waren;
weil wir auf entspannten Patriotismus gut verzichten können, wenn er sich durch das Tragen schwarzrotgoldener Irokesenperücken manifestiert;
weil wir auf entspannten Patriotismus überhaupt gut verzichten können;
weil zuviel Mozart war - und zuwenig Schostakowitsch;
weil dann eben im nächsten Jahr Philip Roth den Nobelpreis für Literatur mal aber wirklich bekommt;
weil langsam genug Leute Borat verklagt haben;
weil Günter Grass;
weil schlimmer als Grass nur die Erklärungen seiner Fürsprecher waren, wonach eine Mitgliedschaft in der SS plötzlich eine zeithistorische Petitesse gewesen sein soll;
weil im neuen Jahr hoffentlich wieder bessere Buchtitel erfunden werden als Eichendorff-Abwandlungen wie „Die Habenichtse“;
weil wir das Wort des Jahres, das seltsamerweise nicht zu solchem gewählt wurde, nicht mehr hören wollen: „Migrationshintergrund“;
weil wir dann doch zuviel Zeit auf Youtube verbracht haben, ohne uns richtig zu amüsieren;
weil wir wenigen, die wir gar keine Zeit auf Youtube verbracht haben, dauernd lesen mußten, was wir alles verpassen;
weil sehr viel mehr gammelte als Fleisch;
weil die SPD einen Vorsitzenden, der sich zu selten rasierte und stolz auf seine provinzielle Aura war, ersetzt hat durch einen Vorsitzenden, der sich zu selten rasiert und stolz auf seine provinzielle Aura ist;
weil der Karikaturenstreit eher die Karikatur eines Streits als ein Streit über Karikaturen war;
weil wir nur deswegen nicht mitbekommen haben, daß sehr viele Menschen über die Witze von Maddin und Mario Barth lachen;
weil es auch nichts hilft, daß die „Bild“- Zeitung jetzt von ihren Lesern gemacht wird;
weil Gerhard Schröder voraussichtlich nie wieder ein Buch schreiben wird, das dann auch noch - von wem eigentlich? und warum? - wie bekloppt gekauft wird;
weil wir uns an Schröder gerne anders erinnert hätten als im Zusammenhang mit den Dunkelmännern von Gasprom, das aber nun nicht mehr geht;
weil der Absturz einer Figur wie Peter Hartz eigentlich nicht lustig ist, wenn zu viele Menschen monatlich zuwenig Geld unter seinem Namen erhalten;
weil das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends dann auch bald rum ist, das immer noch keinen Namen außer dem doofen Notnamen „Nullerjahre“ hat;
weil Britney Spears sich fürs neue Jahr hoffentlich ein paar gute Vorsätze macht und man sich um ihre Kinder dann vielleicht nicht mehr ganz so viele Sorgen machen muß;
weil Uwe-Karsten Heye leider recht hatte: Der Osten ist wunderschön, weltoffen und sicher, außer man kommt von woanders;
weil man auf „Spiegel online“ von Woche zu Woche beobachten mußte, wie der Hobby-Blogger Matthias Matussek immer wahnsinniger wurde;
weil wir immer noch nicht verstanden haben, was die Leute von der „Zentralen Intelligenz Agentur“ eigentlich den ganzen Tag lang machen;
weil wir ständig das Wort „frauenaffin“ hören mußten;
weil doch eigentlich bald alle Rezepte von Fernsehköchen gekocht sein müßten und wieder Platz wäre für vielleicht mal einen guten Spielfilm, tolle Serien oder anderes;
weil Bruno, der Bär, zwar tot ist, aber die Probleme bleiben;
weil die Hoffnungen des Journalismus auf einem kasachischen Antisemiten und einem Alkoholiker aus Grevenbroich ruhen;
weil wer den vorherigen Punkt nicht verstanden hat, kommendes Jahr hoffentlich nicht ganz soviel schläft (na gut: a) Borat, b) Horst Schlämmer);
weil der Microsoft-Chef Steve Ballmer seinen Kindern den Ipod und das Googeln verboten hat - und die Streber halten sich tatsächlich dran;
weil plötzlich alle sagten: „ich denke“, wo sie „ich glaube“ sagen wollten - als ob uns so eine dumme Floskel schon wieder zum Land der Denker machte;
weil wir jetzt wissen, wo Emsdetten liegt;
weil die Prosa der hochgelobten Katharina Hacker dann doch nur so klang, wie wenn Judith Hermann ins Stottern kommt;
weil immer mehr Leute, die immer noch darüber nachdenken, ob sie zu Ökostrom wechseln sollen, kurz davor sind, sich endlich durchzuringen;
weil wir jetzt schon gespannt sind, wie wir die Mückenplage bekämpfen werden, die dieser milde Winter nach sich ziehen wird (siehe auch Seite 26);
weil wir trotz Hochschulabschluß immer noch nicht schwanger sind und Deutschland noch aussterben wird, herrje;
weil hoffentlich bald auch im ländlichen Bereich die letzten Deutschlandfahnen vom Mast gammeln werden;
weil wir so bald keine mehrseitigen täglichen Papstberichte mehr in Qualitätszeitungen lesen müssen, denen man solcherlei Kniefälle nie zugetraut hätte;
weil kleine Kinder in Imbißbuden mit vollem Mund „saubillig und noch viel meeeehr“ grölen;
weil sie das zur Melodie von Rio Reisers „König von Deutschland“ tun! Rio! Reiser!;
weil wir die Namen und zugehörigen Ressorts der Minister der großen Koalition immer noch nicht wie am Schnürchen aufsagen können;
weil es in Hessen einen Deutschtest für Einwanderer gab, den, wie die beliebte Sendung „Wer wird Millionär?“ beweist, nur die wenigsten Deutschen bestanden hätten;
weil der allseits so hochgelobte neue Berliner Hauptbahnhof bei näherer Betrachtung dann doch nur eine sehr banale Aneinanderreihung von Quadraten war - als hätte jemand das Ding mit seinem Metallbaukasten zusammengeschraubt. Okay, mit einem sehr großen Metallbaukasten;
weil wir wohl noch etwas brauchen, bis wir uns an Tom Buhrow wirklich gewöhnt haben werden;
weil man gegen Ende hin jeden Tag damit rechnen mußte, daß die „Bild“-Zeitung ihren Lesern auch Nacktfotos der „kleinen Stephanie“ nicht vorenthalten wollen würde;
weil zu dem Typus der beflissenen, aber oft etwas langweiligen Literaturinstitutsliteratur aus Leipzig mit Clemens Meyer nun auch noch der Typus der vollständig tätowierten, beflissenen und langweiligen Literaturinstitutsliteratur aus Leipzig hinzugetreten ist;
weil es schon wieder eine neue Beatles-Platte gab, die klang, wie Beatles-Platten halt so klingen;
weil Harald Schmidt doch immer wieder besser wurde, wenn er schlechter geworden war (oder war dann einfach nur mal kurz Manuel Andrack nicht im Bild?);
weil einem Großmaler wie Baselitz, Kunstboom hin oder her, auch nichts mehr einfiel, weswegen er jetzt alles, was er je gemalt hat, noch mal malt (gähn);
weil uns die deutsche Musikbranche, nachdem wir dachten, es gehe nun nicht mehr schlimmer als „Rosenstolz“, plötzlich Christina Stürmer bescherte;
weil Österreich und Deutschland musikalisch ein Land sind;
weil wir diesen Sommer dauernd Xavier Naidoo hören mußten, ob wir wollten oder nicht, und wir wollten nicht;
weil wir überhaupt wegen der schlechten Musik sämtliche wichtigen Sportereignisse versemmelt haben: Haben denn die vielen top ausgebildeten und aus den Vereinigten Staaten eingeflogenen Motivationstrainer bei der Musikauswahl geschlafen? „Dieser Weg wird kein leichter sein“? Hallo?;
weil Leonardo DiCaprio mit jedem Jahr immer umwerfender wird;
weil einer oder der andere der polnischen Zwillinge doch wieder von der Seite fotografiert werden darf;
weil dann auch noch Campino, als Xavier Naidoo endlich mal kurz schwieg, seinen Mund nicht halten konnte und uns Brecht erklären mußte;
weil er das nicht nur in jeder Talkshow, sondern auch im Theater tat;
weil im Januar endlich mein Ipod aus der Reparatur kommt;
weil wir schon wieder 365 Tage mit Präsident Bush weniger zu erdulden haben;
weil wir zwar auch nach einem Jahr keine Fans von Angela Merkel sind, aber irgendwie auch keinen Grund sehen, sie runterzumachen;
weil Sie, wenn Sie eine Krankenkasse besitzen, nur Gewinn machen können;
weil Jan Ullrich jetzt ausschlafen und Torten essen kann;
weil das Jahr insgesamt etwas gnostisch war;
weil auch im nächsten Jahr wieder viele niedliche Dritte-Welt-Kinder die Chance haben, von internationalen Top-Prominenten in ihrem Heimatdorf aufgelesen, annektiert und mit schicker Frisur versehen zu werden;
weil „Idomeneo“ in Berlin nach kurzer Aufregung wieder sein darf, was es war: irgendeine weitere betuliche Inszenierung;
weil hoffentlich bald wieder ein Film in die Kinos kommt, in dem Sandra Hüller mitspielt;
weil die ganzen Promis endlich vom Eis sind;
weil es war ja dann auch schon Winter.
