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Wissenschaftsjournalismus Beuys und das letzte „allgemeine Bildungsinstitut“

02.12.2008 ·  Geschichte aus erster Hand: Die Wissenschaft ist seit eh und je Bestandteil der Zeitung. Rainer Flöhl hat mehr als vier Jahrzehnte für das Ressort geschrieben. Er schildert hier, wie sie den Weg in die Zeitung fand und ein fester Bestandteil wurde.

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Die Wissenschaft ist seit eh und je Bestandteil der Zeitung. Zu Beginn galt dies nur für die Kultur- und Geisteswissenschaften, mit der Verbürgerlichung der Gesellschaft einerseits und dem Aufschwung der exakten Wissenschaft andererseits stieg das Interesse an den Naturwissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark an. Es setzte eine Welle der Popularisierung ein. Naturwissenschaftliche Wanderredner zogen mit Schaubildern und physikalischen Versuchsapparaten durch Deutschland. Naturkundemuseen entstanden, ebenso zoologische und botanische Gärten, Aquarien und Sternwarten.

Die Tageszeitungen führten naturwissenschaftliche Rubriken ein. Namhafte Naturforscher wie Hermann von Helmholtz oder Justus von Liebig beteiligten sich an der Popularisierung der Wissenschaft, auch und gerade in Zeitungen. Einer der erfolgreichsten Popularisierer, Justus von Liebig, hat seine „Chemischen Briefe“ nicht zufällig in der „Augsburger Zeitung“ veröffentlicht. Er wusste instinktiv, worauf es ankam.

Das „Technische Blatt“ der „Frankfurter Zeitung“

Ähnlich beurteilte Helmholtz die Lage, dem es darum ging, durch populäre Darstellung der Naturwissenchaften zur Beseitigung der Schranke zwischen den Männern der Wissenschaft und den Laien beizutragen. Eine Keimzelle der Popularisierung der Wissenschaft lag wesentlich später, in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts im Frankfurter Societäts-Verlag, der die „Frankfurter Zeitung“ herausgab. Junge Wissenschaftler um den späteren Nobelpreisträger Richard Kuhn schrieben für den Verlag allgemein verständliche Bücher über wissenschaftliche Themen. Zu diesen jungen Leuten gehörten Theodor Wieland, einer meiner Doktorväter, und Otto Westphal. Dessen Vater, der Physiker Wilhelm Westphal, war als Präsident der Physikalischen Technischen Reichsanstalt zum einen Nachfolger von Helmholtz, zum anderen war er Schriftleiter für die naturwissenschaftlichen Beiträge in der alten „Frankfurter Zeitung“.

Es entstanden regelrechte Wissenschaftsseiten, teilweise schon vor der Jahrhundertwende. Stark technisch orientiert erlebten sie in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Renaissance. Ursache war der Aufschwung der Gerätetechnik, vor allem aber der Elektrotechnik. Die „Frankfurter Zeitung“ brachte damals eine wöchentlich erscheinende Beilage heraus, das „Technische Blatt“. Es war gewissermaßen der Vorläufer von „Technik und Motor“, das die Frankfurter Allgemeine 1988 wieder aufnahm. Ähnliche Beilagen hatten etwa die „Neue Zürcher Zeitung“ und die Vorgänger der „Süddeutschen Zeitung“. Charakteristisch für diese Zeit ist die älteste Vereinigung für wissenschaftlich-technische Publizistik. Gegründet wurde sie von Technikjournalisten aus Zeitungsredaktionen sowie Mitarbeitern der „literarischen“ Abteilungen von Siemens, AEG oder Telefunken.

Was ist neu, was ist wichtig

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Forschunglandschaft. Die Technik stand nicht mehr im Vordergrund, sondern die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung. Das sollte auch für die Zeitungen Konsequenzen haben. Die Herausgeber dieser Zeitung erkannten das Potential des Journalisten und Chemikers Kurt Rudzinski, zu dessen Lehrern in Berlin übrigens Wilhelm Westphal gehörte. Obwohl von einer Technischen Hochschule kommend, stand für Rudzinski nicht mehr die Technik im Vordergrund der Berichterstattung, sondern die Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung. Angesichts der zunehmenden Aufsplitterung von Naturwissenschaft, Medizin und Technik sah Rudzinski, dass der Tageszeitung als letztem „allgemeinen Bildungsinstitut“ eine neue Aufgabe zuwuchs. Die Berichterstattung folgt nicht mehr eher zufällig den Interessen einzelner Redakteure oder freier Mitarbeiter, sondern orientiert sich an neuen Erkenntnissen.

Dieses Konzept – was ist neu, was ist wichtig – erwies sich als außerordentlich erfolgreich. Die Ende 1958 erstmals erschienene Seite „Natur und Wissenschaft“ stößt nicht nur bei den Lesern der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf große Resonanz, sondern wird schnell auch zum Standard für andere Blätter. Zu den Lesern von „Natur und Wissenschaft“ gehören nicht nur, wie oft fälschlich angenommen, Naturwissenschaftler und Mediziner, sondern vor allem Angehörige anderer akademischer Disziplinen – Theologen, Wirtschaftler, Juristen oder Germanisten. Auch Schriftsteller und Künstler sind eifrige Leser. Joseph Beuys hat „Natur und Wissenschaft“ als Vorlage für mindestens zwei seiner Werke verwendet.

Ein solides Fundament für eine aktuelle Berichterstattung

Der Erfolg des neuen Produkts veranlasste Verlag und Herausgeber mit dem Ausbau der Wissenschaftsredaktion. Sie wurde ein selbständiges Ressort, das dem für das Feuilleton verantwortlichen Herausgeber untersteht. Wenngleich das Ressort vor allem die Seite redigiert, handelt es sich doch um ein typisches Querschnittsressort, das für alle anderen Sparten des Blattes tätig ist – vom Leitartikel für Seite 1 bis zum Sport. Personell wächst das Ressort, bis es schließlich über sechs Redakteure verfügt, zwei Physiker, zwei Biologen, einen Chemiker und einen Geophysiker. Hinzu kommen eine größere Zahl freier Mitarbeiter, die für Vielfalt sorgen und einem redaktionellen „Autismus“ vorbeugen.

In den Gründerjahren bereitete die Beschaffung von Nachrichten erhebliche Schwierigkeiten. Mitte der sechziger Jahre bedient sich die Redaktion dreier Zeitschriften: „New Scientist“, „Chemical and Engineering News“ und „American Scientist“. Doch nach und nach werden weitere Zeitschriften nötig, die zusammen mit Kongressbesuchen ein solides Fundament für eine aktuelle Berichterstattung schaffen.

Gettos, die abgeschafft werden müssten

Gleichzeitig nehmen die Probleme der Präsentation, also der Popularisierung, zu, weil die Wissenschaft selbst immer komplexer wird. Grundsätzlich gilt jedoch das Prinzip, dass man gleichzeitig verständlich und genau berichten kann. Allerdings bleiben gelegentlich wichtige Details auf der Strecke. Doch diese sind häufig für ein breiteres Publikum ohnehin nicht von Bedeutung. Natürlich gelangen schwierige Sachverhalte nur dann ins Blatt, wenn sie von besonderer Wichtigkeit sind. Anders ausgedrückt: Wirklich umwälzende Dinge haben auch dann eine Chance, wenn sie für die Allgemeinheit fast unverständlich bleiben müssen. Dass man mit diesem Konzept dem Anspruch tatsächlich gerecht werden kann, machte die Deutsche Physikalische Gesellschaft deutlich, die dem Ressort den Preis für Wissenschaftspublizistik zuerkannte.

Angesichts der großen Resonanz, die „Natur und Wissenschaft“ findet, überrascht die Kritik der Kommunikationsforscher und Sozialwissenschaftler an eigenständigen Wissenschaftsseiten. Es handele sich, so ist immer wieder zu hören, um Gettos, die abgeschafft werden müssten. Die Wissenschaft gehöre – allgemeinverständlich – in alle Ressorts. Selbst auf der inzwischen größten Veranstaltung für den Wissenschaftsjournalismus in Deutschland, die „Wissenswerte“ in Bremen, wurde diese Forderung kürzlich mehrmals wiederholt.

Doch es fragt sich, für welches Publikum

Dieses Verdikt beruht meines Erachtens auf einem falschen Konzept von Popularisierung. Man versteht darunter offensichtlich eher Propädeutik, eine Art Volkshochschule. Natürlich sind solche Bestrebungen unerlässlich. Doch es fragt sich, für welches Publikum. Die Leser von Qualitätszeitungen haben jedenfalls andere Erwartungen an die Wissenschaftsberichterstattung als die Abonnenten von Lokalzeitungen. Die Abschaffung der Wissenschaftsseiten wäre für die Leser der Qualitätszeitungen jedenfalls ein erheblicher Verlust. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass inzwischen andere Ressorts aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen aufgreifen.

Auch die Wissenschaft selbst vermag die Leistung der Wissenschaftsressorts häufig nicht angemessen einzuschätzen. Sie bekennt sich, wie Umfragen gezeigt haben, zwar zur Notwendigkeit der Berichterstattung, doch allzu gern möchte sie die Bedingungen für das Prozedere vorgeben. Das haben unlängst die Auseinandersetzungen um die Stammzellforschung bestätigt. Der Biologe Hans Schöler forderte bei „unsicheren Forschungsergebnissen“ gar ein Embargo für die Berichterstattung. Solche Ansprüche sind mit Wissenschafts- und Pressefreiheit nicht vereinbar. Das Vordringen der elektronischen Medien wird nicht nur den Wissenschaftsjournalismus stark beeinflussen, sondern auch an die Wissenschaftskommunikation neue Anforderungen stellen. Das Konzept der Wissenschaftsseiten, wie es Rudzinski 1958 einführte, hat sich zweifellos bewährt. Es ist aber keineswegs zeitlos.

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