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Leserbrief Die menschliche Kultur lebt vom Dialog

12.08.2008 ·  Der Philosoph Peter Janich (F.A.Z., "Neue Sachbücher" vom 16. Juli) bescheinigt dem Hirnforscher Wolf Singer, er und der buddhistische Mönch Ricard hätten aneinander vorbeigeredet. Nach Singer beruhen geistige Vorgänge auf Vorgängen im Hirn.

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Der Philosoph Peter Janich (F.A.Z., "Neue Sachbücher" vom 16. Juli) bescheinigt dem Hirnforscher Wolf Singer, er und der buddhistische Mönch Ricard hätten aneinander vorbeigeredet. Nach Singer beruhen geistige Vorgänge auf Vorgängen im Hirn. Janich nimmt Singers Sätze in dem Briefwechsel im Feuilleton vom 17. Juli wissenschaftstheoretisch auseinander. Singer schlägt ein Experiment - am besten mit Janich selbst - vor. Janich verwirft den Ansatz als unsinnig und weist die Vorstellung, er selbst würde mit der Elektrodenpickelhaube zur EEG-Ableitung in die Röhre von Singers Computertomographen geschoben, zurück. Was sagt uns das?

Mein Eindruck ist, dass Singer und Janich ebenso aneinander vorbeireden wie Singer und Ricard. Singer ist Arzt und Hirnforscher. Ärzte beziehen ihre Motivation, nicht nur die Heilkunde zu praktizieren, sondern weiter zu forschen, meist aus dem Erleben von Ohnmachtsgefühlen, die ihnen die jeweiligen Grenzen der Erkenntnis und der daraus resultierenden Behandlungsmethoden vermitteln. Ärzte haben Wissenschaftstheorie nicht gelernt, sondern eignen sie sich so weit an, wie es das Vorankommen ihrer Forschung erfordert.

So erscheint der Philosoph Janich dem Hirnforscher Singer in der wissenschaftschaftstheoretischen Diskussion überlegen. Singer fehlen die Ausdrucksmittel, um seine Forschungsergebnisse so zu vermitteln, dass sie von Janich nicht zerlegt werden können.

Es ist schon immer schwierig gewesen, etwas Neues in einer Sprache auszudrücken, die bisher nur das auszudrücken brauchte, was dagewesen war. So fiel es den Verteidigern alter Weltanschauungen immer leicht, Neues zu diskreditieren. So gesehen hat Singer es schwerer als Janich. Die Hirnforschung wird das Selbstverständnis des Menschen erschüttern und verändern. So hilft sie bereits jetzt in der Heilkunde enorm, das Leib-Seele/Geist-Problem zum Wohle der Patienten zu überwinden. Sie wird neben den Sozial- auch die Geisteswissenschaften beeinflussen und nicht zuletzt die Rechtsprechung verändern. Die Begriffe von Ethik, Moral, Schuld und vieles mehr werden überdacht und an den jeweiligen Erkenntnisstand angepasst werden müssen.

Im Mittelalter war es üblich, Tieren, die ihrem Herrn geschadet hatten, den Prozess zu machen, und bis vor kurzem schlug man Kleinkinder, die ihre Schließmuskel noch nicht kontrollieren konnten, und nannte das Sauberkeitserziehung. Wie lange kann eine aufgeklärte Gesellschaft es sich leisten, den Kindern in der Schule zwar sehr viel über Mathematik, Physik, Chemie und fremde Sprachen, aber fast nichts über die eigene Conditio Humana, das bio-psycho-soziale Sosein des Menschen in seiner Kreativität und Vielfalt, aber auch seiner Konflikthaftigkeit und seinen Nöten beizubringen?

Jeder Mensch bekommt sein Leben geschenkt. Es zu leben will aber auch gelernt sein. Ich schätze, dass vielleicht die Hälfte der Ehescheidungen mit all dem Elend, das damit einhergeht, vermeidbar wären, hätten die Beteiligten ein Grundgerüst des guten menschlichen Miteinanders, das heißt den Umgang mit dem Konflikt, dem Anderssein statt des Unterscheidens in Gut und Böse gelernt.

Alles fließt, und die menschliche Kultur lebt vom Dialog. Etwas Neues erfahre ich nur, wenn ich den Anderen als Anderen, der etwas Anderes denkt und forscht und spricht, annehme und auch nur dann, wenn ich ihn in seiner Andersartigkeit zu verstehen mich bemühe.

Dr. Herbert Schultz-Gora, Hofheim am Taunus

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