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Schlafen Der Krieg schläft nicht

17.12.2007 ·  Im Krieg und auch danach ist erholsamer Schlaf ein knappes Gut. Dafür entwickeln viele Soldaten erstaunliche Fähigkeiten, buchstäblich jede Sekunde zum Erschöpfungsschlaf zu nutzen - im Dröhnen des „Bradley“-Panzers oder auf engen Pritschen.

Von Matthias Rüb, Bagdad
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Leutnant Tabitha Fullam Hernandez ist müde. Sie gähnt ein ums andre Mal, dabei ist es erst früher Nachmittag. Aber sie hat die vergangene Nacht schlecht geschlafen und die Nacht davor auch. Die Soldaten im Wohncontainer nebenan waren wieder zu laut. Nach der ermahnenden Bitte, doch etwas leiser zu sein, wurde es zwar ruhiger, aber nicht ruhig. „Sie sind eben noch so jung“, sagt Leutnant Hernandez milde. Aber das verscheucht die chronische Müdigkeit auch nicht.

Hinzu kommen extrem lange Arbeitstage, vor allem für die Offiziere. „Weil wir hier sonst nicht viel tun können, arbeiten wir fast die ganze Zeit“, sagt Leutnant Hernandez. Sie ist nach zwei Jahren Unterbrechung in einem gut bezahlten Job im Zivilleben wieder zum Heer zurückgekehrt, weil ihr „draußen“ der Grund dafür abhanden kam, wofür sie eigentlich arbeitet - außer fürs gute Geld.

Ein Bett ist ein Bett

Leutnant Hernandez ist müde, obwohl die Presseoffizierin des Panzerbataillons 1-64, Zweites Kampfbrigadeteam der Dritten Infanteriedivision aus Fort Stewart in Georgia zu den Privilegierten gehört, was ihre Schlafumstände betrifft: Sie hat einen Wohncontainer für sich allein. Die Gefreiten nebenan müssen sich einen solchen, ausgestattet mit jeweils zwei Etagenbetten, zu viert teilen.

Immerhin gibt es in jedem der vielen Hundert klimatisierten Wohncontainer im Camp Liberty auf dem riesigen Flughafengelände westlich von Bagdad richtige Betten mit Drahtrost und Matratze - und keine Feldbetten zum Zusammenklappen. Die Matratzen der Marke „Zagros“ sind zwar viel zu weich, und die Roste sind durchgelegen. Aber ein Bett ist ein Bett.

Auch als „embedded“, also „eingebetteter“ Journalist bekommt man ein Bett in einem Container zugeteilt, ehe es hinaus geht ins Feld mit der Kompanie, der man zugeteilt ist. Meist muss man sich einen solchen Container mit einem Kollegen teilen, manchmal hat man auch das Glück, sein eigenes kleines Reich zu haben.

„Ich werde nicht wegschauen“

Damit ist es in den Außenposten, in den „Forward Operating Bases“ der Kompanien und Züge, und schon gar in den „Joint Security Stations“, den von den amerikanischen Streitkräften gemeinsam mit der irakischen Armee unterhaltenen „Sicherheitsstationen“ in den Bagdader Wohn- und Geschäftsvierteln vorbei. Dort ist niemand auch nur einen Augenblick allein, weder tags noch nachts. Und vor allem hat niemand seine Ruhe. Der Krieg schläft nicht.

Auch der Nachkrieg noch nicht, der in vielen Bagdader Wohngebieten und in der Mehrzahl der 18 irakischen Provinzen vielleicht schon begonnen hat. Immer rattert irgendwo ein Stromgenerator, Nachschub wird geliefert, ein „Humvee“-Jeep fährt los, ein „Bradley“-Schützenpanzer parkt ein, ein Hubschrauber donnert im Tiefflug durch die Nacht, ein riesiges Antonov-Transportflugzeug dröhnt, eine scheppernde Durchsage verkündet die Ankunft eines Konvois. In jedem Fall aber läuft irgendwo ein Fernseher, brüllend laut gedreht. Bald kennt man das Programm des Armeesenders AFN auswendig - vor allem die Spots, in denen zu fortgesetzter Achtsamkeit vor dem Feind gewarnt wird und auch vor möglichen Symptomen des „Post Traumatic Stress Disorder“ (PTSD) bei Kameraden: „Ich werde nicht wegschauen, als ob alles normal wäre!“, gelobt der junge Marineinfanterist ein ums andere Mal. Auch das war beim Vietnam-Krieg anders: Damals galten die an der Seele verwundeten Krieger und Veteranen noch als Feiglinge, das klinische Symptom PTSD war unbekannt, blieb unbeachtet und unbehandelt.

Die brutale Hitze hat ihren Griff gelockert

Gewiss, jeder hat mehrere Sätze Ohrstöpsel parat, um sich von den Geräuschen abzukapseln; manche haben mächtige Kopfhörer und ihren iPod. Sie sollen auch beim Einschlafen helfen, aber der Erfolg ist begrenzt. Das atmosphärische Grundrauschen der Rund-um-die-Uhr-Geschäftigkeit, vielleicht auch der fortgesetzten Alarmbereitschaft halten alle irgendwie auch im Schlaf wach.

Im Krieg ist erholsamer Schlaf ein knappes und kostbares Gut. Dafür entwickeln viele erstaunliche Fähigkeiten, buchstäblich jede Sekunde zum Erschöpfungsschlaf zu nutzen: im stickigen Dröhnen des „Bradley“-Panzers bei der Fahrt zum nächsten Einsatz, im Hubschrauber und im Transportflugzeug auf den engen und unbequemen Pritschen, auf dem Boden des Wartesaals am Flughafen oder am Hubschrauberlandeplatz, in der „Joint Security Station“ im Bagdader Stadtteil Washash oder auf dem Sofa vor dem Fernseher - der wieder einmal auf volle Lautstärke gedreht ist. Weil alle schlecht schlafen, versuchen alle überall zu schlafen.

Auch viele der Iraker „draußen“, um deren besserer Zukunft willen der Irak-Krieg ja auch geführt wurde, dürften sich nach gutem Schlaf sehnen. Immerhin ist es nachts jetzt kühler. Die brutale Hitze, der die meisten Bagdader im Sommer wegen der weithin katastrophalen Stromversorgung ohne die lindernde Wirkung von Klimaanlagen schutzlos ausgeliefert waren, hat ihren Griff auf die Stadt gelockert. Auch dürfte die Angst vor sektiererischem Mord und Totschlag dank der amerikanischen Truppenaufstockung und der verbesserten Sicherheitslage zurückgegangen sein. Aber friedlich schlafen, das können wohl alle erst wieder, wenn Frieden ist.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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