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Navid Kermani: „Wer ist Wir?“ Deutschland und seine Muslime Ich ist viele, ich ist auch Muslim

12.03.2009 ·  Identität macht nur im Plural Sinn: Navid Kermani warnt davor, Migranten auf ihren Glauben zu reduzieren und damit die realen Integrationsprobleme ganz aus den Augen zu verlieren.

Von Karen Krüger
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Von der Gesellschaft lange unerkannt, ist Deutschland zum Einwanderland geworden. Die Realität hat sich verändert, das Bild, das viele Deutsche von Deutschland haben, jedoch noch nicht. Dass man tatsächlich in verschiedenen Kulturen, Loyalitäten, Identitäten und Sprachen leben kann, sorgt für Verunsicherung. Anstatt das kulturell Neue als bereichernd zu verstehen, als etwas, das man gemeinsam gestalten kann, sucht man nach einer festumrissene Identität. Gleichzeitig werden Migranten vor allem als Muslime wahrgenommen – ganz so, als orientiere sich deren Lebensgestaltung ausschließlich am Islam. In Deutschland sei das andere, das man immer braucht, um sich selbst zu definieren „nicht nur, aber vor allem der Islam geworden“, schreibt Navid Kermani in seinem neuen Buch über „Deutschland und seine Muslime“. Deutschland, so der Kölner Orientalist, braucht die Muslime zur Selbstaffirmation.

Wer angesichts des Buchtitels glaubt, eine Selbstbeschreibung der Muslime in Deutschland vor sich zu haben, geschrieben von einem, der um die muslimischen Befindlichkeiten wissen muss, weil er bekanntermaßen selbst muslimischen Glaubens ist und deshalb zum muslimischen „wir“ dazugehört, der irrt. Und ist genau der Identitätsfalle erlegen, um die es dem Autor geht: Kermani ist zwar Muslim, doch anders, als es die öffentliche Rhetorik über Muslime in Deutschland glauben machen will, käme es für ihn nicht in Frage, sich ausschließlich als Muslim zu definieren. Denn Muslim ist Kermani genauso, wie er habilitierter Orientalist, Fan des 1. FC Köln, Teilnehmer der Islamkonferenz, Vater von zwei Töchtern – sie gehen auf eine katholische Grundschule –, Regisseur, Schriftsteller und ehemaliger Stipendiat der Villa Massimo ist.

Beobachter aus der Distanz

Kermani hat einen deutschen und einen iranischen Pass. Wenn er auf Reisen ist, dann fühle er sich zu Hause, wenn die Menschen um ihn herum Persisch sprechen. Trotzdem schaue er im Ausland immer, wo er eine deutsche Zeitung kaufen kann, erzählt er. Niemals dagegen würde er sich in eine Fernseharena begeben, um auf dem Podium über Fragen wie „Ist der Islam mit unserer Demokratie vereinbar?“, „Müssen wir Angst vor Muslimen haben?“ oder „Wie können wir den Islam integrieren?“ zu diskutieren. Ganz einfach deshalb, weil es „die“ Muslime für ihn gar nicht gibt. „Ich sage von mir: Ich bin Muslim. Der Satz ist wahr, und zugleich blende ich damit tausend andere Dinge aus, die ich auch bin und die meiner Religionszugehörigkeit widersprechen können – ich schreibe zum Beispiel freizügige Bücher über die körperliche Liebe oder bejahe die Freiheit zur Homosexualität“, heißt es an einer Stelle. Kermani beobachtet aus der Distanz, was im Fernsehen und was um ihn herum passiert. Er ist ein brillanter Erzähler.

Seine scharfen Analysen sind ein Parcours durch Entwicklungen, die besorgniserregend sind: Da ist die evangelische Kirche, die die Debatte um Muslime als Feld der eigenen Profilierung entdeckt hat und sich dabei zunehmend vom Islam distanziert; da ist der Berliner Fall der Mozart-Oper „Idomeneo“, die aus Sorge vor muslimischen Protesten abgesetzt wurde, ohne dass sich jemand empört hätte; und da ist der Bremer Türke Murat Kurnaz, dessen Einreise die deutschen Behörden verhinderten, auch nachdem klar war, dass er unschuldig in Guantánamo gefangengehalten wird – der deutsche Staat handelte damals auf eine Weise, die weder mit dem Geist noch mit den Buchstaben des Grundgesetzes vereinbar ist. Wieso akzeptierte die deutsche Öffentlichkeit, dass sich bis heute keiner der beteiligten Politiker bei Kurnaz entschuldigt hat? Für Navid Kermani sind wir nicht nur Papst – wir sind auch Murat Kurnaz.

Das Grundproblem sieht Kermani in der zunehmenden Zuspitzung von Identitäten. Sinnbild und Katalysatoren dieser Entwicklung sind für ihn die Fernsehtalkshows, die sich seit geraumer Zeit mit Vorliebe der Integrationsdebatte annehmen – in Wirklichkeit aber gehe es um ein Für und Wider des Islam. Ginge es nach ihnen, dann lautete die Charakterisierung eines echten Muslims wie folgt: Ein echter Muslim lehnt die Demokratie ab, will die Einheit von Staat und Religion und nimmt den Koran als Gottes unverrückbares Gesetz.

Den Islam an sich gibt es so wenig wie „den“ Koran

Selbst diejenigen auf dem Podium, die einen türkischen oder arabischen Namen tragen, widersprechen da meist nicht – in den Talkshows nehmen sie meistens die Rolle der Kronzeugen der Anklage ein. Findet sich ein muslimischer Geistlicher oder eine orthodoxe Muslimin unter den Teilnehmern, dann haben sie verloren, bevor der erste Satz gefallen ist: Schon allein wegen des Barts und des Kopftuchs gehören sie nicht zu dem deutschen „wir“ auf dem Podium mit dazu. In dem seltenen Fall, dass ein Islamwissenschaftler mit auf dem Podium sitzt, stimmt auch er meistens in das Suren-Pingpong ein, mit dem der eine Redner den anderen vom gewaltsamen oder friedlichen Charakter des Islam überzeugen will – obwohl der Koran nur in der Gesamtheit seiner Aussagen und mit Blick auf die Bedingungen seiner Entstehungsgeschichte zu verstehen ist. Integrierte Muslime, die wie die Mehrheit der Migranten in Deutschland einfach ihr Leben leben, so wie der Rentner oder die alleinerziehende Mutter in der Nachbarschaft, vermisst man in den Talkshowrunden. Ihre Identität lässt sich kaum auf das Streitbare reduzieren.

Identität ist für Kermani „per se etwas Vereinfachendes, etwas Einschränkendes, wie jede Art von Definition. Es ist eine Festlegung dessen, was in der Wirklichkeit vielfältiger, ambivalenter, durchlässiger ist.“ Sich durch Druck von außen gezwungen zu sehen, sich zu entscheiden, auf welcher Seite man steht, führe zu der Tendenz, sich entweder vollkommen von der eigenen Kultur loszusagen oder sich umgekehrt gerade durch die religiöse Andersartigkeit zu definieren. Damit jedoch werde der Islam erst zu dem, was das ausschließende „wir“ in der öffentlichen Debatte meine, und darin liege auch das Gewaltpotential: „Es ist der Eindruck, niemals dazugehören zu können – niemals gemeint zu sein, wenn ein Staatsführer oder ein Fernsehkommentator sagt: ,wir‘.“

Anfeindungen von Außen stärken die Identität der Gruppe

Parallelgesellschaften, so stellt Kermani ganz richtig fest, haben vor allem soziale Gründe. Versucht man sie nur theologisch zu erklären, blendet man Faktoren aus, die für Phänomene wie Zwangsheirat, Ehrenmord und Fundamentalismus vielleicht viel wichtiger sind: woher die Menschen stammen, wo sie aufgewachsen sind, wie sie erzogen wurden und welchen Bildungsgrad sie haben. Auch Fragen, ob der Islam mit der Demokratie oder den Menschenrechten vereinbar ist, hält Kermani für müßig, da es „den Islam an sich“ nicht gebe. Der Koran sei weder ein Manifest für noch gegen die Moderne, die Demokratie oder das deutsche Grundgesetz. Mit ihm kann man Sozialismus und Monarchien legitimieren, die Trennung von Staat und Religion ebenso wie deren Einheit. „So wichtig es für den westlichen Beobachter sein mag, sich ein Urteil über den Islam zu bilden, es wird in jedem Fall Muslime geben, die diesem Urteil nicht entsprechen. Und am Ende sind sie es, die in ihrer Gesamtheit bestimmen, was ihre Religion ist oder sein kann.“

Kermani kennt das Gefühl, nicht dazuzugehören. Er habe es das erste Mal als kleiner Junge gehabt: Als er sich schämte, weil seine Mutter ihn mit einem teuren und nicht wie die Eltern der anderen Kinder mit einem alten Auto zum Fußballtraining brachte. Ausländer aber sei er erst geworden, als eines Tages ein neuer Mitschüler, ein Junge aus Afrika, in seine Klasse kam. In dem Moment, als die anderen Kinder anfingen, den Neuen wegen seiner dunklen Hautfarbe zu hänseln, sei auch er sich seiner Andersartigkeit bewusst geworden: „Man fühlt sich niemals stärker der eigenen Gruppe zugehörig, als wenn sie angefeindet wird“, resümiert er das Erlebnis. Und man begreift, warum Muslime in Westeuropa seit dem 11. September 2001 muslimischer als in ihren Herkunftsländern sind.

Die mediale Realität hat sich selbständig gemacht

In der öffentlichen Rhetorik wurde damals ein ganzes Kollektiv für den Terrorismus verantwortlich gemacht – ein westliches „wir“ war von einem muslimischen „ihr“ angegriffen worden. Auf einmal stand die Frage der eigenen kulturellen, genauer: der religiösen Identität im Raum, und Europa begann, sich auf seine christlichen Wurzeln zu besinnen. Begriffe wie Liberalismus, Säkularität und Demokratie werden in Deutschland seitdem immer mehr in Abgrenzung zum Islam diskutiert und soziale Konflikte häufig in ein kulturelles Vokabular gekleidet. Aus den in Deutschland lebenden Arabern, Türken, Iranern wurden Muslime, aus der Debatte um den Multikulturalismus eine Debatte, ob das Zusammenleben mit dem Islam überhaupt möglich ist – obwohl Muslime da schon längst zum deutschen „wir“ gehörten.

Man könnte nun meinen, dass Kermani pessimistisch ist, was die Integration in Deutschland angeht. Das Gegenteil ist der Fall. Kermani schwärmt von neuen Dialogforen wie der Islamkonferenz, in der sich nicht nur Muslime, sondern auch Deutsche darüber stritten, was die jeweils dem anderen zu vermittelnde Kultur eigentlich sei. Er möchte, das sich die Migranten Züge von Fremdheit bewahren – unter der Bedingung freilich, dass sie sich eindeutig zum Grundgesetz und den darin verankerten Werten bekennen.

Bekämpfung ist immer die Aufgabe der eigenen kulturellen Offenheit

Alarmierender findet er dagegen die Diskrepanz, die er zwischen medialer und gesellschaftlicher Realität konstatiert. Am deutlichsten wird das an seinen Schilderungen, wie er die öffentliche Diskussion über den Moscheebau in Köln und die tatsächlichen Reaktionen der Menschen vor Ort erlebte. Während das Projekt im Fernsehen und in vielen Zeitungen als Gefährdung der christlichen Kultur beschrieben wurde, war Kermani bei der zentralen Bürgerversammlung in Köln mit dabei – und erlebte die Diskussion des Für und Wider als „Demokratie in Reinkultur“. „Was für eine Toleranz“, habe Amir Hassan Cheletan, der iranischen Schriftsteller, der ihn damals begleitete, immer wieder gemurmelt.

Wer die Veröffentlichungen und Vorträge von Navid Kermani zum Thema religiöse Identitäten verfolgt hat, wird vieles in seinem neuen Buch wiedererkennen. Es bündelt seine Gedanken zu einer Streitschrift. Wer die Feinde der offenen Gesellschaft bekämpfe, indem er die eigene kulturelle Offenheit aufgebe, habe den Kampf bereits verloren, schreibt er. Diese Feststellung ist als Appell zu verstehen – für alle Seiten. Identität als Deutsche, Europäer, Muslime oder Christen ist vielfältiger und ambivalenter, als es auf den ersten Blick oft scheint. Wie langweilig wäre es doch, nur eine von ihnen als die eigene anzuerkennen.

Navid Kermani: „Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime“. Verlag C. H. Beck, München 2009. 173 S., geb., 16,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1975, Redakteurin im Feuilleton.

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