12.03.2009 · Als die Klassenkameradin auf dem Weg ins Krankenhaus stirbt, sind Ziggy, Judith, Philipp und Anouk längst geflüchtet: Durch die gemeinsame Schuld werden die Vier eng zusammengeschweißt. Marlene Röder zeigt in „Zebraland“, dass das nicht gutgehen kann.
Von Elena GeusEs ist dieser eine Moment, der alles verändert. Nach dem Unfall ist im Leben der vier Jugendlichen kaum mehr etwas, wie es zuvor war. Ziggy, Judith, Philipp und Anouk haben sich nicht nur der Unfallflucht schuldig gemacht, sondern auch der unterlassenen Hilfeleistung. Denn ihre Schulkameradin Yasmin – wegen ihres gestreiften Kopftuchs „Zebra“ genannt – war, nachdem sie sie angefahren hatten, keineswegs tot, wie sie glaubten, sie starb erst später auf dem Weg ins Krankenhaus.
Mit Wucht beginnt, was sich danach zu einer leisen, vielschichtigen Geschichte voller Zwischentöne entfaltet, die den Leser auch an ihrem Ende nicht entlässt, sondern mit Fragen nach der eigenen Gesinnung beschäftigt: Wie hätte man selbst gehandelt? Was hätte dieses Erlebnis aus dem eigenen Leben gemacht?“
Das Leben als Wendepunkt
In einem geschickten Wechsel von Perspektiven und Zeit entwickelt Marlene Röder ein überzeugendes Psychogramm der vier Jugendlichen, die als Gruppe von Tätern unauflösbar miteinander verbunden sind, in der aber jeder auch allein ist mit seiner Schuld und seiner Angst: Philipp ist dabei der Antreiber, der alle immer wieder in ihrem Pakt auf Vertuschung auf Normalität einschwört; Anouk ist in ihrer Lähmung zu nichts anderem in der Lage, als sich in die traute Zweisamkeit mit Philipp zu flüchten; Ziggy führt Yasmins Tagebuch aus ihrer Handtasche – die sie vom Unfallort mitnahmen und die er entsorgen sollte – wie einen Fetisch mit sich, liest darin und schreibt es fort, sucht die Nähe, weil zu vergessen noch schwerer ist als sich zu erinnern; und Judith hadert am stärksten mit ihrer Gewissenlosigkeit, weil sie sich nicht nur auf die Fahne, sondern buchstäblich aufs Papier geschrieben hat, stets gegen Ungerechtigkeit und Unwahrheit zu kämpfen.
Wie schon in ihrem Debüt „Im Fluss“ beschreibt Marlene Röder das Leben als Wendepunkt. Mit angenehm professioneller Distanz entwirft die junge Autorin mögliche Wege, ohne sich auf einen festzulegen, sprachlich schnörkellos und auf eine Art flüssig erzählt, für die „fesselnd“ keine übertriebene Beschreibung ist.
Meisterlich inszeniert
Als seien die inneren wie äußeren Kämpfe um das, was jetzt noch richtig sein kann – nachdem sich die Jugendlichen schon über das, was Recht ist, hinweggesetzt haben –, nicht heftig genug, bittet die Autorin zur nächsten Prüfung: Mose nennt sich ein anonymer Briefeschreiber, dessen freundliches „Willkommen in Zebraland“ trügerisch ist, denn seine erpresserischen Forderungen sind gnadenlos. Die Existenz eines Mitwissers lässt das von der Erinnerung an einen tragischen Augenblick zusammengehaltene, ohnehin brüchige Gefüge endgültig bröckeln.
Meisterlich inszeniert Marlene Röder, wie sich die Schlinge immer weiter zuzieht und wie die Furcht vor Enttarnung die vier hinabzieht: in einen Strudel aus Spekulationen, Misstrauen, Eifersucht und Hass. Als nicht einmal das artige Erfüllen der immer drastischer werdenden Aufgaben Mose zufriedenstellt, als er sie verhöhnt, sie, die Täter, sollten endlich aufhören, sich wie Opfer zu fühlen, wird ihnen klar, dass es keinem von ihnen gelingen wird, mit Schweigen und Verdrängung davonzukommen.
In diesem begeisternden Buch lösen sich das Rätsel um die Identität von Mose, des Mittlers und Gesetzgebers, und die Frage nach der moralischen Integrität der Helden am Ende auf. Wie weit es um die eigene Courage bestellt ist, bleibt als offene Frage zurück.