14.10.2008 · Wenn Generationen im Kinderbuch zusammenkommen, wird es oft kitschig. Karla Schneider hingegen trifft den richtigen Ton. Und spannt einen Erzählbogen über ein ganzes Menschenleben - wohl auch, weil teilweise autobiografisch ist, was sie erzählt.
Von Sebastian Günther„Drrr!“ macht Ewelinas Großvater, „weil Arnold auf Opas Warze hinterm Ohr geklingelt hat.“ Ewelina ist sieben Jahre. Zu alt für diesen Babyspaß, und doch drückt auch sie „mit dem Finger auf das weiche Fleischknöpfchen“, damit Opa nicht denkt, sie mache sich nichts mehr aus ihm.
Ewelina wächst in einem Vorort von Dresden auf, kurz nach dem Krieg, in der Zeit des Mangels und der Enge. Onkel, Tanten und Cousins, Mutter, Großmutter und Großvater leben mit Ewelina unter einem Dach. Die Erwachsenen begegnen der Not mit Tauschgeschäften, die Kinder ersetzen fehlendes Spielzeug durch Phantasie. Und obwohl Erwachsene und Kinder auf so ähnliche Weise Mangel und Enge begegnen, leben sie in Parallelwelten. Die Kinder spielen unter sich, und die Erwachsenen halten sich raus. Der Großvater ist der einzige Grenzgänger zwischen diesen Welten.
Oft gab es nicht genügend zu essen, nie gab es genügend zu lesen
Ewelina besucht mit ihrem Großvater zum ersten Mal eine Gemäldegalerie, sie tauschen selbstgemachten Essig gegen Leihbücher, und der Großvater ignoriert das Lächeln des Antiquars über seine Schmöker genau so wie dessen Empörung darüber, dass sich Ewelina Strindbergs Märchenspiel „Schwanenweiß“ aussucht – im Nachkriegsdeutschland der frühen 50er Jahre sind auch Kinderbücher Mangelware. Ewelina findet im Personenverzeichnis einen jungen König, eine Stiefmutter, Dienerinnen, Herzog und einen Prinzen, und ihr Großvater versteht, dass sie genau das in dem Stück gefunden hat, was sie sich wünschte.
Natürlich erzählt die Autorin in diesem Buch viel von ihrer eigenen Kindheit. 1938 wurde Karla Schneider in Dresden geboren, ihr Vater wenig später eingezogen, 1943 fiel er bei Stalingrad. Die Mutter zog zum Großvater in einen Vorort, wo Schneider in einer Schar von Kindern von Bekannten und Verwandten aufwuchs. Oft gab es nicht genügend zu essen, nie gab es genügend zu lesen. Und so hat Karla Schneider mit „Großvater und ich“ ein Buch geschrieben, das sie selbst als Kind gern gelesen hätte.
Die Kindheit beginnt erst als verlorene Zeit zu leuchten
Ob Schneider für Erwachsene schreibt, wie in „Rückkehr nach Podgoritza“, oder für Kinder die Geschichte von „Marcolini“ erzählt, einem Pagen am Fürstenhof von Dresden, immer ist es die Kindheit, die Erinnerung an die Elbwiesen, woraus sie ihre erzählerische Kraft schöpft. In „Großvater und ich“ findet Schneider nun ein sprachliches Bild, das zugleich auch Leitmotiv ihres Erzählens sein könnte. Als sich Ewelina und ihr Großvater auf den Heimweg über die Elbe machen, sehen sie auf das gegenüberliegende Ufer. „Die tief stehende Sonne stach in die Häuser am Hang. Eine Menge Fenster morste Blitze zurück. Komisch – wenn man mittendrin lebte, fiel es einem gar nicht auf, dass schon allerhand Bäume angegilbt waren. Oder flammend rot, wie die Essigbäume. Das alles sah man nur aus der Ferne.“
So ist es die Intensität von Schneiders Wahrnehmung, die besonders in diesem Buch frappiert, es ist ihre metaphorische Kraft und ihr Wissen darum, dass die Kindheit erst als verlorene Zeit zu leuchten beginnt. Die Entfernung, das Verschwinden beschwört das Bild herauf. Auf ähnliche Weise bezaubern die Illustrationen von Tilman Michalski, die bei allem Realismus und aller Liebe zum Detail gerade dort am stärksten sind, wo sie weglassen: Die Lippen des Großvaters sind ein pfeifendes Rund oder ein lächelnder Strich, seine Augen hinter den großen Brillengläsern verschwinden ganz.
Schneider traut den Lesern viel zu
Zu Hause angekommen, blickt der Großvater zurück auf die Elbe, die Schiffe, die vorüberziehen: „Auf allen Decks glühten die Lämpchenketten. Für ein paar Minuten schwirrten die Töne der Musikkapelle bis zu ihm herüber. ,Würdest Du jetzt gerne auf dem Schiff sein?‘, wollte Ewelina wissen. Opa schüttelte den Kopf und versuchte die Pfeife wieder anzuzünden. ,Dann würde ich ja nicht sehen können, wie es vorüberfährt.‘“
Da Schneider als Kind alles las, was sie in die Hände bekam, egal ob für Kinder geschrieben oder nicht, traut sie auch ihren jüngeren Lesern eine Menge zu. Gleichzeitig machen derlei zauberhafte Miniaturen dieses Kinderbuch zu einem beglückenden Erlebnis auch für vorlesende Erwachsene. Den weiten Weg vom verriegelten Paradies durch die Welt, von dem Kleist schreibt, hat der Großvater schon hinter sich. Ewelina lernt die Entfernung gerade erst kennen. Auf der Fähre, in der Elbe, stehen sie für einen kurzen Moment zusammen.