14.02.2009 · Töten oder Getötetwerden: Morton Rhues neuer Jugendroman „Ghetto Kidz“ ist ein ungemütliches Buch, nicht nur des splattermovietauglichen Inhalts wegen, sondern weil der Autor es wie einen Weckruf inszeniert.
Von Shirin SojitrawallaKalon ist ein schlaues Kerlchen. Er ist gut in der Schule und verhält sich ausreichend besonnen, wenigstens zu Beginn des Romans. Mit zwölf Jahren lernen wir ihn kennen; da lebt er mit seiner Großmutter und seiner Schwester in einer viel zu kleinen Wohnung der Frederick-Douglass-Siedlung am Rande einer amerikanischen Großstadt. Sein Vater ist unbekannt, die Mutter tot und das Geld knapp. Zum Frühstück mischt Kalon schon mal Cornflakes in Leitungswasser, zum Mittagessen müssen ihm ab und an Reis und Ketchup genügen. Der Fernseher brummt ohne Pause, und Schusswechsel wie Polizeisirenen gehören zum Soundtrack seiner Straße.
Keine Frage: Es ist eine trostlose Welt, in der uns der amerikanische Journalist und Schriftsteller Morton Rhue einen brutalen Empfang bereitet. Gleich zu Beginn seines Romans wird ein kleines Kind aus einem Hochhaus gestoßen - der Auftakt zu einer Reihe von Morden. Denn im Getto der Farbigen wütet ein Bandenkrieg: die Douglass Disciples gegen die Gentry Gangstas. Die beiden Einheiten verteidigen ihr Revier wie von der Kette gelassene Kampfhunde. Im Vergleich dazu feiern die Jets und die Sharks der „West Side Story“ Kindergeburtstag.
Kriminellen Karriere unausweichlich
Morton Rhue, eigentlich Todd Strasser, vor allem bekannt für sein längst als Schullektüre etabliertes Buch „Die Welle“ von 1981, zeichnet auch in seinem neuesten Roman ein düsteres, nicht ganz klischeefreies Bild der Wirklichkeit. Im Getto geht es um Töten oder Getötetwerden; wer da nicht mitmacht, bringt sich um Geld, Liebe und Ansehen. So einfach ist die Welt.
Kalon aber widersetzt sich, bewahrt seinen kühlen Kopf; freilich hält er das nur so lange durch, bis auch er dem Charme dicker Autos und praller Brieftaschen erliegt. Die Unausweichlichkeit dieser kriminellen Karriere kann man dem Autor leicht zum Vorwurf machen. Die Mechanismen aber, nach denen solche Gangstergangs rotieren, legt er gekonnt und glaubwürdig frei: ihren sektenartigen Aufbau, ihre hinterhältigen Methoden der Rekrutenauswahl wie ihre fatale Funktion als Ersatzfamilie.
Ein ungemütliches Buch
Seine Geschichte erzählt Kalon selbst, Rhue legt ihm dazu klare, prägnante Sätze in den Mund und sieht ihm beim Erwachsenwerden zu. Im Abstand von einem Jahr treffen wir ihn wieder, erleben ihn mit 13, 14, 15, 16, 17 - und dann erst wieder mit 28 Jahren.
Was er dabei zeigt, ist ein Leben als Abstieg. Ein Stilmittel Rhues ist dabei der klare Blick auf Gewalttätigkeiten und Brutalitäten. Er zwingt den Leser, auch dann hinzusehen, wenn der gern die Augen schlösse. Dabei beweist Rhue ein durchaus feinnerviges Gespür für den Spannungsaufbau eines Actionromans samt choreographierten Gewaltausbrüchen, die er sprachlich versiert umkreist. Das gilt übrigens auch für die sentimentalen Augenblicke, in denen sich Kalon in schönster Romeo-und-Julia-Manier in Tanisha, ein Mädchen der anderen Seite, verliebt.
„Ghetto Kidz“ bleibt ein ungemütliches Buch, nicht nur des splattermovietauglichen Inhalts wegen, sondern weil Rhue es wie einen Weckruf inszeniert. Seine Wut über die Zustände in den Vereinigten Staaten packt er zudem in jeweils kurze, mit Fakten gefütterte Vorreden. „Junge arbeitslose Schwarze ermorden sich gegenseitig neunmal so häufig wie weiße Jugendliche“, heißt es da etwa. Die alarmierenden Statements und die Biographie Kalons fügen sich zu einem vehementen Plädoyer gegen Rassismus und für Chancengleichheit. „In Erinnerung an Dr. Martin Luther King“ ist das Buch geschrieben. Von dem ist derzeit wieder viel die Rede. „Die Unmenschlichkeit des Menschen gegen den Menschen manifestiert sich nicht nur durch die schrecklichen Taten der Bösen, sondern auch durch die lähmende Tatenlosigkeit der Guten“, könnte man ihn zitieren. Und das Buch als Handreichung für Barack Obama verstehen.