12.03.2009 · Eine Großfamilie sucht eine Traumwohnung, die sie sich eigentlich nicht leisten kann - welcher Gernhardt-Text wäre aktueller als dieser? Für die jetzt veröffentlichte Neuausgabe hat sich Illustratorin Alexandra Junge viel vorgenommen.
Von Silja von RauchhauptDass Robert Gernhardt auch hinreißende Verse für Kinder verfasst hat, ist nicht jedem präsent, der seine Texte für Erwachsene liebt. Damit sich das ändert, erscheint jetzt im Aufbau Verlag Gernhardts Gedicht „Familie Erdmännchen“ als Bilderbuch mit Leinenrücken. Das 18-Zeilen-Werk ist in Form einer Zeitungsanzeige abgefasst. Gesucht wird eine Wohnung mit acht Türen, acht Öfen, acht Duschen und so weiter, Preisvorstellung eine Mark: „Wer hilft uns aus der Wohnungsnot? Wir warten auf Ihr Angebot!“ Absender: Familie Erdmännchen.
Das Gedicht stammt aus „Mit dir sind vier“, einem schmalen Lyrikband für Kinder, den Gernhardt zu Bildern seiner Frau Almut Gernhardt verfasst hatte und 1976 veröffentlichte. Diese Bilder sind realistisch in der Darstellung, wirken aber durch optische Täuschungen und Paradoxien wiederum surrealistisch. So steht dort eine Gruppe von acht Erdmännchen dicht beisammen und schaut forschend in alle Richtungen, sie stehen aber nicht in einer Landschaft, sondern in der Ecke einer leeren Wohnung.
Angestrengte Illustration
Während sich also Gernhardt seinerzeit beim Schreiben an einem bestehenden Kunstwerk orientierte, war es nun an der Illustratorin Alexandra Junge, für die Neuausgabe Gernhardts Gedicht malerisch zu interpretieren. Junge, geboren im selben Jahr, in dem das Erdmännchen-Inserat zum erstenmal erschienen ist, ging schwungvoll und mit viel Pinselarbeit ans Werk und schuf dabei Bilder, die mit ihren grob strukturierten Flächen, leuchtend bunten Farben und ihrer gewollt lapidaren Behandlung der Perspektive und des Ausschnitts genau dem Stil entsprechen, der zurzeit bei vielen Kinderbüchern zu sehen ist. Dazu gehören auch wesentlich allerhand bizarre Details, die der Betrachter entdecken kann und soll.
Die Bilder Junges sollen den Versen Gernhardts offensichtlich an Witz nicht nachstehen und diesen mitunter sogar mit Blödeleien befördern, die aus dem rührend komischen Gedicht eine ganz neue Geschichte machen. Ein Problem dabei ist unter anderem, dass die Qualität der Bilder recht unterschiedlich geraten ist. Der Illustratorin war offenbar der selbstgestellten Aufgabe, sich zu jeder Verszeile eine neue, ungewöhnlich witzige Visualisierung einfallen zu lassen, manchmal nicht ganz gewachsen, so dass einige der Bilder, die jeweils eine Doppelseite füllen sollen, wie Verlegenheitslösungen wirken. Dann wieder arbeitet Junge hingebungsvoll ein an M. C. Escher erinnerndes Vexierbild mit mehreren in einander übergehenden Stiegen und vielen bizarren Details aus (gefragt sind „acht Treppen zum Lärmen“), das seinen Platz auch räumlich im Zentrum des Buches völlig zu Recht einnimmt.
Trotz dieser zwiespältigen Eindrücke aber hat dieses Buch unbestreitbar einen ganz eigenen Reiz: Weil es schon durch seine besondere Struktur dazu einlädt, Text und Bild Vers für Vers miteinander in Bezug zu setzen, Querverbindungen und Differenzen zu finden. Und weil Gernhardts Text darüber hinaus auf unangestrengte Weise einfach so gut ist, dass die Wiederbegegnung mit ihm zur reinen Freude wird – ganz egal, wie er illustriert ist.