Home
http://www.faz.net/-gf6-15bri
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Viola Roggenkamp: „Die Frau im Turm“ Die Freiheit nehm ich mir

12.03.2009 ·  Von Sandra Kegel Die ostdeutsche Pornodarstellerin Janine Helle schlendert mit dem Holocaust-Überlebenden Jossl Gift durchs Foyer der ...

Von Sandra Kegel
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die ostdeutsche Pornodarstellerin Janine Helle schlendert mit dem Holocaust-Überlebenden Jossl Gift durchs Foyer der Semperoper. Das ungleiche Paar hat soeben den ersten Akt des „Lohengrin“ gesehen, in dem der Schwanenritter Elsa ermahnt, ihn nie nach seiner Herkunft zu fragen, als Janine Helle so entwaffnend unbekümmert den zentralen Satz des Romans ausspricht, dass man ihn beinahe überliest: „Warum kann es nicht egal sein, wo einer herkommt und wer seine Eltern waren?“, sagt die Frau mit dem Sekt in der Hand leichthin. Von der Antwort darauf, die Janine Helle freilich gar nicht interessiert, handelt der neue Roman Viola Roggenkamps. Anhand zweier Frauen in Deutschland, denen das Judentum zugleich Wunde und Heilung ist und deren Lebensgeschichte die Autorin ineinanderwebt, stellt sie große Fragen: Was bedeutet es, deutsch zu sein? Was, in Deutschland jüdisch zu sein? Und was folgt aus der Tatsache, in der DDR gelebt zu haben?

Die eine Lebensgeschichte, mit der sich Viola Roggenkamp auseinandersetzt, ist die der berühmten Gräfin Cosel, der Mätresse von August dem Starken und einer der mächtigsten Frauen der Barockzeit. 1716 wurde die Reichsgräfin sechsunddreißigjährig vom sächsischen Kurfürsten verstoßen und in die Festung Stolpen verbannt. Dort lebte die Querulantin, von Soldaten bewacht, noch neunundvierzig Jahre, in denen sie sich zur Gelehrten wandelte und zum Entsetzen ihrer höfischen Zeitgenossen dem Judentum zuwandte. „Die Frau im Turm“, wie der Roman heißt, weil er mit der Schilderung der Gefangenschaft einsetzt, stellt die Autorin der dreiunddreißigjährigen Hamburgerin Masia Bleiberg gegenüber, die sich mehr als zweihundert Jahre später, 1999, nach Dresden aufmacht, um ihren Vater zu suchen. Auch Masia ist eine Gefangene, allerdings lebt sie nicht hinter Mauern aus Stein; sie ist eingesperrt in einem Gefühl der Verlorenheit.

Zum Dank verzichtete er auf seine Freiheit

Masia, die keinen Beruf hat und keine Freunde, ist getrieben von dem Gedanken, im Wiedersehen mit dem unbekannten Vater, einem Hamburger Juden, der in den sechziger Jahren in die DDR emigrierte, endlich die Leerstelle ihres Daseins füllen zu können. Es fällt ihr schwer, an jemanden zu denken, dessen Gesicht sie nicht kennt. Juden sind ihr allenfalls vertraut als „fotografierte Lagerhäftlinge“, und so dichtet sie dem Abwesenden die Biographie eines Überlebenden an, ganz so, wie sie es aus Büchern kennt: „Und dann war er mit seinen Eltern und seinen Geschwistern deportiert worden und überlebte als Versuchskind von Doktor Mengele. Oder nein.

Er war ein Wunderkind gewesen, er konnte mit neun Jahren schon so Klavier spielen wie Horowitz mit vierzig, wurde Solist im Lagerorchester, und bei jeder Selektion gelang es ihm, sich mit anderen Kindern in der Kloake zu verstecken.“ Als Masia mit dem Regisseur August Kuhl, der mit Janine Helle in der Hauptrolle einen Film über die Cosel drehen will, nach Dresden reist, findet sie den Vater tatsächlich; ihr Lebensrätsel scheint sich aufzulösen, doch damit zugleich ihre Illusion. Denn Max Bleiberg, der sich mittlerweile Maurice nennt und als Concierge arbeitet, ist ein Opfer, der auch Täter wurde. Als Einziger seiner Familie überlebte er, versteckt im Schrank einer Prostituierten auf St. Pauli, den Holocaust; in der DDR war er dann „IM Moritz“ und bespitzelte Juden. „Er lebte, und es war nicht auszuschließen, dass er gerade darum für sich den eingesperrten Teil Deutschlands gewählt hatte“, erkennt die Tochter. Zum Dank dafür, dass ein Land die Mörder seiner Familie offiziell hasste, verfolgte und bestrafte, verzichtete er auf seine Freiheit. Und noch eines begreift Masia: dass das Trauma ihres Vaters nicht das eines KZ-Häftlings ist, sondern eines von den Mördern nicht gefundenen Kindes. Max Bleiberg ist ein Lebender, ohne überlebt zu haben.

Existentiell, doch niemals laut und dramatisch erzählt

Ergreifend erzählt die Hamburger Autorin Viola Roggenkamp, selbst Tochter aus deutsch-jüdischer Familie, vom Schicksal Nachgeborener. Hier begegnet ein erwachsenes Kind den fremden Ängsten der Elterngeneration, wie sie nicht in den Büchern zur Schoa beschrieben sind. Was im Roman geschieht, ist für die Handelnden existentiell, gleichwohl wird es niemals laut und dramatisch erzählt. Die Bedrohung liegt vielmehr im Subtext, die Beunruhigung zeigt sich nur in Details, etwa in den gelegentlichen Panikattacken von Masias Vater oder den stummen Briefen der Gräfin Cosel, die ihren Zielort nie erreichen, weil sie von ihren Bewachern stets abgefangen werden.

Die verschiedenen Ebenen aus Erlebtem, Gedachtem und Geträumtem mäandern im Erzählfluss, so dass Wunsch und Wirklichkeit, Phantasie und Realität nahtlos ineinandergleiten. Zeitebenen überlagern sich, im Bewusstseinsstrom verschmelzen die Gegenwart und die erlebte Erinnerung, Lektüren und Traumbilder.

Wunsch und Wirklichkeit fließen ineinander

Dabei gelingt es Viola Roggenkamp, durch klug montierte Verknüpfungen der Erzählstränge die Gemeinsamkeiten der beiden Frauenschicksale hervortreten zu lassen. Manchmal allerdings werden die ähnlichen Gefühlslagen, aus denen heraus sich die beiden Frauen ihrer Situation und ihrer Wünsche bewusst werden, zu deutlich gezeigt. Aufblitzende Motive stellen über die Jahrhunderte hinweg mitunter arg bemühte Querverweise her; ein Name ebenso wie eine ähnliche Statur und natürlich das berühmte Taschenbergpalais, einst Dresdner Wohnsitz der Gräfin Cosel und heute Grandhotel.

So häufig wie die Erzählperspektiven im Roman wechseln die Gefühlswelten und Gedanken der Figuren. Aus ähnlichen Situationen ergeben sich dabei oft unterschiedliche Reaktionen. Während Masia schließlich eine Art Erlösung im Aufbruch erkennt, findet die Cosel sie gerade im Verharren. Nach achtundzwanzig Jahren Haft wird der großen alten Dame endlich erlaubt, die Festung Stolpen zu verlassen. Sie aber entscheidet sich dagegen. Die Gräfin bleibt in ihrem Gefängnis – diese Freiheit nimmt sie sich. Eine Frage aber bleibt: Warum hat die wunderbare Erzählerin Viola Roggenkamp diese waghalsige Konstruktion bemüht? Den beiden bemerkenswerten Biographien folgt man jeweils gebannt; ihre Verknüpfung aber wirkt zu gewollt. Zurück bleibt ein Nachgeschmack von Künstlichkeit.

Viola Roggenkamp
verknüpft das Leben der Gräfin Cosel mit dem einer jungen Frau von heute. Gefangene sind sie beide, jede entkommt auf ihre Weise.

Viola Roggenkamp: „Die Frau im Turm“. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009. 432 S., geb., 19,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1970, Redakteurin im Feuilleton.

Jüngste Beiträge