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Reinhard Jirgl: „Die Stille“ Schluss jetzt mit der ewigen Wiederkehr!

12.03.2009 ·  Der Familienroman als Apokalypse: Reinhard Jirgl überwältigt mit der ganzen Wucht des Existentialismus. Und auch wenn dieses ideenüberfrachtete Buch den Leser schafft, ihm höchste Konzentration abverlangt, wird dieser durch die Sprachmächtigkeit, die seinesgleichen sucht, entschädigt.

Von Oliver Jungen
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Wüst, leer und finster blickt der Kosmos die letzten Menschen an, nachdem er sich ausgetobt hat: „Die Erde war in-den All=Weiten der Galaxis ohnehin der letzte Planet, auf dem solch organisch=fossile Lebensformen noch existiert hatten, 1 Nachzügler“. Vater Krieg ist endlich zufriedengestellt im 22. Jahrhundert: „Als sei Niemals u Nichts hier=gewesen“.

Wie viel größer, wie viel älter ist die Stille als der Lärm. Was ist die menschliche Existenz anderes als kleine Lichtpunkte, die auf dem dunkel wogenden Urgrund des Ungestalten tänzeln. Eine Handvoll Schlamm, in Form gepresst, Adam; aus demselben Lehm noch eine weitere Gestalt geformt, wie der Midrasch weiß, Lilith, das erste Verhängnis. Erst dann aus der ersten Gestalt eine weitere extrahiert, Adam und Eva, zwei Versehrte, die seither zueinander wollen, die ersten Menschen auf der Suche nach Liebe. Doch immer wieder schlägt das Nichts seine Pranke ein: „DERKRIEG ist immer=da Auch wenn er manchmal aussieht wie Frieden . . .“ Die Geschichte der Liebe endet mit dem „Ewigen-20.-Jahrhundert“, den Trecks, Lagern und der Einsamkeit. Ein tosendes Schweigen. „Sobald Diesestille SIE packt“, weiß die Menschheit, dass sie noch existiert, aber nicht mehr lebt. Sie ist „Aschenbrut“. Die Stille ist nicht der Tod, sondern die Unendlichkeit, in die sich die Endlichkeit hineingeschlichen hat. Für Sekunden bloß, die „in astronomischen Zeitmaßen nicht mal 1 Augen-Blick“ sind.

Felicitas, eine Personifikation des Zweiten Weltkriegs

Georg Adam, Held dieses ungeheuren Romans, Georg Adam, dessen Vater, ein Gescheiterter, vor den Augen des ganzen Dorfes gelyncht wurde, bevor der Mob auch den Mörder hat verrecken lassen, Georg Adam, der dann samt Schwester Felicitas in ein Waisenfolterhaus gesteckt wurde („wie das Kindermachen kann auch das Kinderschlagen schließlich noch das dümmste Schwein“), bevor ihn Pfarrer Brickrau in sein „auf das Urmeter des Anstands“ geeichtes Heim herüberrettete, Georg Adam, der Geschlagene – findet die Liebe. Das Gift aber ist schon in ihr. Bereits drei Jahre ist seine über alles geliebte Frau Henriette tot, als die Geschichte beginnt: „?Wo in dieser Welt=Unermeßlichkeit des-Todes ist !der-1-Schuldige an !deinem Tod“. Er ahnt nicht, dass sich ihm bald eine Antwort auf diese Frage offenbart, die ihn fällen wird. Stumm geworden sieht Georg in der zweiten Hälfte des Buches um so klarer, auch in die apokalyptische Zukunft.

Die Erzählung beginnt im Berlin des Jahres 2003. Felicitas, geboren am 1. September 1939, eine Personifikation des Zweiten Weltkriegs also, hat ihren Bruder nach Frankfurt am Main einbestellt. Der mit Georg entzweite Sohn Henry möchte den Vater noch einmal sehen, bevor er eine Stelle an einer amerikanischen Universität antritt. Georg soll dem Sohn dabei, so Felicitas’ Idee, das Fotoalbum von Henriettes Familie übergeben.

Gegen den Kreislauf der Vernichtung

Der Roman ist selbst eine Literarisierung dieses Albums: Seine Kapitel entsprechen einhundert detailliert beschriebenen Familienporträts, an denen sich kunstvoll ineinander verwobene Erzählungen aus verschiedenen Perspektiven festmachen. Erst allmählich erschließt sich dem Leser so das Schicksal dieser Familie (und ihr exemplarischer Gehalt). Ein Streit mit Henriette – Grund war seine Mitteilung, er habe mit einer anderen Frau ein Kind gezeugt – hat Georg vor Jahrzehnten zur Schwester getrieben, die noch bei Pfarrer Brickrau wohnte. Eine Flut von biblischen Ausmaßen schnitt den Rückweg ab. Und hier tritt die Schändung in dieses Leben ein, materialisiert sich in Henry die „apokryfe Schrift des Fleisches“. Zwar nahm Henriette ihn als eigenes Kind an. Doch Georg, durch den Sohn unablässig an seine Tat erinnert, behandelt ihn, ganz Drachentöter, mit tyrannischer Härte.

Henriette stemmt sich gegen den Kreislauf der Vernichtung: „Daß 1=für=Allemal auch !Ende sei mit der Ewigenwiederkehr“. In ihrer Familie immerhin scheint die Erlösung angelegt, hat doch schon ihre Mutter Johanna einst nicht nur ihren späteren Ehemann, sondern auch dessen Liebhaberin in die Arme geschlossen: „und so liebten sie ein=ander zu=Dritt mit natürlicher Leidenschaft wie einst Lilith u Adam u Eva sich hätten lieben können“. Aber bereits diese Episode endete tragisch. Und zumal jetzt, nach Henriettes Tod, übernehmen die Mächte des Hasses. Nach allen Katastrophen schließlich gelangt das Album an Georgs Schwiegertochter Dorothea, Kulminationspunkt dieser Familie, die das Geschehen noch einmal in eine ganz andere Richtung lenkt. Ihr Buch ist der Roman in besonderer Weise, war sie doch als Kind als „die Stille“ bekannt.

Verdichtung durch phonetischen Terrorismus

Die einzigen Fotografien, die nicht lügen, begegnen uns erst zum Schluss: Langzeitbelichtungen, auf denen alles Vergängliche nicht zu sehen ist. Und doch: „ein Weg sieht anders aus, wenn Menschen ihn soeben entlanggingen, als wenn der Weg menschenlos geblieben wär; Wege weisen ihre Begangenheit“. Eben so umkreist der Autor die Güter der Familie in Thalow, Mathildenburg und Altendorf, hält ihre Begangenheit in Schleierschatten fest. Nicht eine Sekunde sinkt dabei die Spannung ab, was an der exzeptionellen erzählerischen Kraft, ja Gewalt Reinhard Jirgls liegt, der – 1953 in Ostberlin geboren, aber in der DDR ungedruckt – viele Jahre für die Schublade schrieb, heute aber zu Recht als einer der ambitioniertesten und subversivsten Avantgardeschriftsteller unserer Zeit gilt.

Dieses ideenüberfrachtete Buch kann den Leser schaffen. Es verlangt höchste Konzentration, oft laute Lektüre, ist eine einzige Zumutung. Was Jirgl vor allen Dingen auszeichnet, ist eine Sprachmächtigkeit, die in der deutschen Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht. Hinzu tritt der phonetische Terrorismus, mit dem Jirgl die ihm in schwindelerregender Ausdrucksbreite zu Verfügung stehende Sprache wieder durchsiebt. Auch die Wortspiele, die einzeln als Kalauer erscheinen mögen („Bank-Rotte“, „zuphällig“, „Pan Toffeln“, „Protes-Tantismus“), verdichten sich zu einem Subtext über das Verräterische. Wer die Mühe nicht scheut, kann einen fulminanten Roman entdecken, einen überragenden Familien-, Gesellschafts-, Jahrhundert- und Jetztroman, einen ebenso philosophischen wie pornographischen, realistischen wie phantastischen Roman über eine „ver!dammte Familie“, in der alle Familien aufgehen: Buddenbrooks, postkoital.

Reinhard Jirgl: „Die Stille“. Roman. Hanser Verlag, München 2009. 536 S., geb., 24,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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