12.03.2009 · Ronald M. Schernikau war der letzte Bürger der DDR, im September 1989 siedelte er offiziell in den Osten über, zwei Jahre später starb er an Aids. Matthias Frings hat eine einfühlsame Biographie des Autors und Kommunisten geschrieben, dessen literarisches Werk jedoch vernachlässigt.
Von Dietmar DathDieses Buch, das neben diversen anderen Dingen vom Leben des Schriftstellers Ronald M. Schernikau erzählt, hat mehr mediale Aufmerksamkeit erlangt als bislang je irgendwo Schernikaus Kunst. Das wird sich ändern; die augenblicklichen Neugier- und Aufregungszustände sind hiervon nur ein erstes erfreuliches Vorzeichen.
Das Buch ordnet den Dichter in die Sitten- und Sozialgeschichte ein. Die Literaturgeschichte hat Schernikau 1980 als knapp Zwanzigjähriger mit dem Erscheinen seiner atemberaubend dichten „kleinstadtnovelle“ betreten. Der Debütant beherrschte sein Wahlfach, als habe er zuvor zwei Leben lang Novellen geschrieben, um zum krönenden Schluss endlich das perfekte Gattungsschmuckstück aus sich herauszukitzeln. 1989 dann erschien „die tage in l. – darüber, daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können, geschweige mittels ihrer literatur“, ein Essay, der, von seinen Gegenständen abgesehen, einschüchternd zeigt, wie viele Beobachtungen und Gedanken man haben, verwerfen, überwinden und in zündende Sätze verwandeln muss, um sich die Welt essayistisch aneignen zu können. Im Oktober 1991 starb Schernikau an den Folgen von Aids. Acht Jahre später erschien, ermöglicht über eine Subskription, sein tausendseitiger Roman „legende“, der vom Ende der DDR und der Niederlage des Weltsozialismus auf genau die Weise handelt, wie große Epik von solchen Sachen handeln soll: Als Exempel für Wichtigeres, Tieferes, Schöneres und Traurigeres – eben so, wie das irische Nationalschicksal bei Joyce vorkommt.
Gibt es „schwule Literatur“?
Die betörenden, verwirrenden Kunsttatsachen, die Schernikau hinterlassen hat, kommen in dem Buch „Der letzte Kommunist – Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau“ von Matthias Frings nicht in der Breite vor, die sie einmal in der literarischen Epochenchronik einnehmen werden. Das kommt aber nicht daher, dass Frings Bedeutsameres mitzuteilen hätte. Was in dem Buch steht, ist an keiner Stelle wichtiger als Schernikaus Bücher; aber es ist sehr wichtig, weil es diese Bücher gibt, und die kann man ja lesen, wenn man mag.
Im Geiste einer Sorte journalistischer Sorgfalt, die aus der eigenen Subjektivität vermittels der Offenlegung ihrer Bedingtheiten ein Mittel zur Erlangung des mehr oder weniger Objektiven zu machen weiß, schildert Frings eingangs sein Herkommen. Er war in den Siebzigern bei den „undogmatischen Linken“ und „Spontis“ politisch, kulturell und sozial zu Hause, tat sich in der Theaterwelt um und erlebte beispielsweise hitzige Diskussionen darüber, ob es so etwas wie „schwule Literatur“ gebe und wozu sie nützen könnte. (Natürlich. Tolstois Werke sind schließlich auch herausragende Beispiele der Vegetarierliteratur. Es kann für Vegetarier ermutigend sein und ihrer Sache nützen, darauf zu verweisen.)
Kein Selbsterfahrungskäse
Frings, der später auch als Moderator des erfreulich unverklemmten Erotik-Fernsehmagazins „Liebe Sünde“ bleibende Verdienste erwarb, hat Schernikau in Berlin kennengelernt. Da war der Dichter, der „kleinstadtnovelle“ wegen, gerade eine vom Gerücht zur Berühmtheit sich aufschwingende Erscheinung, ein Wunderkind, ein Prinz. Frings baut einige Sätze, die viel Spaß machen („In diesem Sommer waren alle verliebt“), er versteht etwas von Bohemesoziologie, man lernt von ihm viel über Schlager, Rauschzustände, die feine Kunst der angeschickerten Konversation, Camp, das Schwärmen, das In-die-Wolken-Gucken und über Schernikaus Weg aus der Provinz ins Zentrum. Die Mutter des Dichters hatte ihn als Kind aus der DDR geschmuggelt, aber diese DDR, die sich hier einmal in Kunstdingen schlauer zeigte als sonst leider allzu oft, war mitgekommen bei jener Westreise, jedenfalls als Idee. In deren Wirklichkeit wollte Schernikau, der wusste, dass Ideen verhungern, wenn man sie künstlich von der Wirklichkeit trennt, später unbedingt zurück. Er hat es gerade noch geschafft, bevor der Staat, dem Schernikau zutraute, sein Zuhause werden zu können, versunken ist. Auch davon erzählt das Buch.
Der Dichter brauchte, bei diesem Lebensweg, eine Menge Sinn fürs Unbegreifliche, aber Notwendige. Vielleicht hat er sich ab und zu bei denen, die jetzt lustige und lehrreiche Geschichten über ihn wissen, von dem Wunderwesen erholt, das er war, und das Sätze schreiben konnte wie die, mit denen die „kleinstadtnovelle“ anhebt: „ich habe angst. Bin weiblich, bin männlich, doppelt. fühle meinen körper sich von meinem körper entfernen, sehe meine weißen hände, die augen im spiegel, ich will nicht doppelt sein wer bin ich? will ich sein, männlich, weiblich, sehe nur weiß.“ Das Buch erzählt von einem, der sich selbst nur lieben lernt, weil ihn einer verrät, den er liebt. Bei Schernikau hat diese Fügung nichts von Selbsterfahrungskäse; es geht da um Erkenntnisse und Chancen zum Leben. Der Rezensent gibt zu, dass er froh ist, Schernikau nicht persönlich gekannt zu haben – wie viel Angst hätte er sonst, dass die letzten Sätze von „die tage in l.“ ein Urteil über ihn aussprechen könnten: „mit leuten, die einem nichts bedeuten, ist leicht fröhlich sein. die schönsten witze habe ich denen erzählt, die sie nicht verstehen.“ Das Präsens, mit dem dieser Satz endet, ist eine Warnung. Vom Gebrauch der Zeitformen des Deutschen hat Schernikau, der die schöne Losung verfasste „der kommunismus wird siegen werden“, viel verstanden.
Ohne jede Erdung im Diesseits
Wie lustig war er, den Frings so lustig vorstellt, wie ernst war diese Lustigkeit, was davon ist, als Nachlass, auf uns gekommen? Man kann darüber nicht nachdenken, ohne zu beachten, dass der Dichter etwas sehr ernst genommen hat, über das seither viel Lustigkeit ausgegossen wurde. Ronald M. Schernikau war Kommunist – „der letzte“, sagt der Titel des Buches von Frings, was dem Buch Freunde verschaffen könnte, denen Schernikau nicht mal Witze hätte erzählen wollen. Macht nichts.
Einer dieser Blogger, die alles wissen und nichts begreifen, hat der Welt neulich ein Porträt des Typus „privilegierter deutscher Literaturkommunist“ geschenkt: Der sei, stand da, im Normalfall ein junger Mann mit Bausparvertrag, elterlichem Finanzbeistand im Rücken und radikalen Flausen ohne jede Erdung im Diesseits. Dass es unter den bekennenden Freundinnen und Freunden Marxens und Lenins nicht nur so etwas, sondern auch Leute gibt, deren Eltern Friseure, Zahntechnikerinnen, Bäckereihilfskräfte oder, wie im Falle Schernikaus, alleinerziehende Krankenschwestern sind, also Geschöpfe, denen das Geldverdienen niemand abnimmt, scheint unvorstellbar.
Dummköpfe fühlen andersherum
Tatsächlich fühlen sich Personen, die nichts zu erben haben, seit spätestens 1968 vom Linksradikalismus in der Metropolenwelt häufig eher abgestoßen, da derselbe weithin ein Phänomen zu sein scheint, das vage Unzufriedene während der periodischen Rüttelzeiten des normalen Betriebsablaufs veranstalten, bis wieder genügend Stellen für Lehrer, Therapeutinnen oder Außenminister frei werden. Wenn allerdings Menschen, für die, ihrer sozialen Herkunft wegen, solche schönen Plätzchen nicht vorgesehen sind, auf die Frage nach dem, was sie fordern, „Kommunismus“ sagen, dann meinen sie damit eben nicht, was der Blogger für links hält: Zeittotschlagen, Faxenmachen und Hörnerabstoßen. Was sie meinen, ist tatsächlich: Kommunismus.
Schernikaus mal pantheresk gespannter, mal kindlich gelöster Heiterkeit kommt dieser schöne, produktiv problematische Drehpunkt des absolut Ernstgemeinten enorm zugute. Einer, der, wie dieser Dichter, weiß, was er will, kann viel spielerischer ans Urteilen, Träumen, Lachen und Weinen gehen als einer, der nur aus Spiegeln von Spiegeln besteht. Von vielen einleuchtenden Gründen, das Bestehende abzulehnen, ist der legitimste, dass man sich etwas Besseres vorstellen kann. So ist das zum Beispiel bei Peter Hacks gewesen, Schernikaus Lehrer und Freund (damit keine Missverständnisse aufkommen: Wir lernen von Lehrern nicht dadurch, dass wir sie nachäffen). Und so hat dieser es auch bei dem Schüler gesehen, wie er sich 1998 in einem Brief an Hans Heinz Holz liebevoll entsinnt: „Verwandt mit dem Streben nach einer Mitte ist wohl die Lust der Kommunisten auf Affirmation; der selige Schernikau hat hierauf immer viel Wert gelegt. Jede Negation hat eine Aura von Langeweile. Dummköpfe, leider, fühlen genau andersherum.“
Matthias Frings, zum Glück, fühlt, das man, wenn man über einen wie Schernikau schreiben will, die immense Lebenstüchtigkeit und Weltzugewandtheit dieses Menschen nicht nur erwähnen, sondern angemessen feiern muss. Frings kannte ihn. Alle können ihn kennenlernen: Seine Bücher verweisen auf ihn; nicht rückwärtsgewandt – sie weisen voraus. Schernikau ist unterwegs zu uns. Wir dürfen uns, so nett ist er, in seinem Sinne schon sehr auf ihn freuen.