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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Heimito von Doderer: „Seraphica Montefal“ Seine Schönheit nur rettet das Feuer

 ·  Der junge Heimito von Doderer schrieb über die Gestalt des Heiligen Franziskus ein Prosastück, in dem schon viele Motive seines reifen Werkes anklingen. Bei dem kurzen Text kann man verfolgen, wie sich Doderer in der Erleuchtung des Heiligen spiegelt.

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Das Gegenstück zu den französischen „Proustiens“ sind im deutschen Sprachraum die „Heimitisten“, wie sich die eingeweihten Leser des Heimito von Doderer schon zu dessen Lebzeiten nannten, der seltsame Vorname – er soll vom spanischen Jaime abgeleitet sein – hat dem Begriff von Anfang an eine ironisch-familiäre Note mitgegeben. Heimitisten interessieren sich für jedes Mosaiksteinchen, das dazu bestimmt war, Teil der großen Roman-Kompositionen zu werden, aber mit ebensolchem Eifer betrachten sie auch die Steinchen, die der Autor zwar gesammelt, aber beiseitegelassen hat.

Viele sind das nicht, denn es gehört zu Doderers Eigentümlichkeiten, dass er in seinem jahrzehntelangen Kampf um diese Hauptwerke den meisten Themen und Motiven, die ihn in jungen Jahren bewegten, treu geblieben ist, ja es scheint manchmal, als sei es bei dieser mit verzweifelten Mühen belasteten Arbeit vor allem darum gegangen, eine Art epische Arche Noah für alles zu zimmern, was den werdenden Schriftsteller zwischen seinem zwanzigsten und seinem dreißigsten Lebensjahr beschäftigt hatte.

Ein Vorläufer eigener Sehnsüchte

Das Romanschreiben war für Doderer eine geistige und womöglich gar geistliche Übung, das unbedacht und wahllos geführte Leben dieser Jahre ein zweites Mal, nun aber in einer gesteigerten Bewusstheit und Hellsichtigkeit zu leben. Im Doderer-Archiv der Wiener Universität wird eine Vielzahl von Artikeln aufbewahrt, die Doderer in den zwanziger Jahren für die Zeitungen geschrieben hat, Gelegenheits- und Auftragsarbeiten ganz offensichtlich – und umso überraschender für den Leser der Romane: Man kennt sie alle wieder, in noch so beiläufiger Weise haben sie ihren Platz im Werk gefunden.

In diesem Archiv haben Gerald Sommer und Martin Brinkmann nun zwei bislang unveröffentlichte Erzählungen des jungen Doderer entdeckt. Das größere und gewichtigere Stück heißt „Seraphica“ und erzählt das Leben des heiligen Franziskus von Assisi, es ist zwischen 1922 und 1927 entstanden. Gerade in diesen Jahren beschäftigten sich auffällig viele Schriftsteller mit diesem Stoff. Hermann Hesse, G. K. Chesterton und Julien Green haben Franziskus-Biographien geschrieben, der heilige Landstreicher, der heilige Troubadour, „der Geliebte der ,Frau Armut‘“, der Feind der Institution musste in einer von Expressionismus und Jugendbewegung ästhetisch geprägten Zeit als Vorläufer und Vorbild eigener Sehnsüchte verstanden oder missverstanden werden.

Auffällig wenig Religion

Doderers „Seraphica“ kann sich mit den erwähnten Werken nicht messen, aber umso deutlicher stellt sich bei der Lektüre heraus, dass hier des Autors eigene Sache verhandelt wird. Doderer war noch längst nicht katholisch, als er die „Seraphica“ schrieb; das wurde er, unter Anleitung eines Wiener Priesters, der ein Hilfswerk für getaufte Juden organisierte, erst 1939 und beendete damit endgültig seine Mitgliedschaft in der NSDAP, zu deren Merkwürdigkeiten es gehört, in keiner Zeile des gleichzeitig entstandenen Werks irgendeinen Niederschlag gefunden zu haben. Für Protestanten bestand der Reiz der Franziskus-Gestalt natürlich gerade in deren Gegensatz zu Macht und Reichtum der Papst-Kirche. Doderer verliert über diesen Aspekt des Franziskus-Lebens kein Wort. Als junger Historiker hatte er sich besonders mit mittelalterlichen Quellen befasst, und so waren es denn hauptsächlich die Berichte von Augen- und Ohrenzeugen, die Viten des Thomas von Celano und die „Legenda trium sociorum“, darüber hinaus natürlich die berühmten „Fioretti“, die er las und übersetzte, um dem Geheimnis der franziskanischen Sinneswandlung auf die Spur zu kommen.

Bei „Seraphica“ sollte aus den übersetzten Quellen und eigenen Passagen ein Geflecht entstehen, das man vielleicht mit Clemens Brentanos Bearbeitungen der Anna-Katharina-Emmerick-Visionen vergleichen könnte. Die expressionistischen Landschaftsbeschreibungen sollten in eine Sprache hinübergleiten, die nach den spätlateinisch-mittelalterlichen Gesetzen einer Prosa-Rhythmisierung geformt war. Für eine Heiligen-Vita ist auffällig wenig von Religion die Rede in den „Seraphica“, aber gewiss nicht, um ihr auszuweichen. Das Phänomen dieses Lebens sollte auf einer tieferen Ebene erfasst werden, unter den fertigen Begriffen hindurchtauchend.

Arm und willenlos wie Franz

Aufschlussreich sind auch die Episoden des Franziskus-Lebens, die Doderer auswählte: Franziskus verhindert aus Verehrung für die Schönheit des Feuers, die Flammen zu löschen, die seine Kleider ergriffen haben; er lässt einer hungrigen Räuberbande, seinen „Brüdern Räuber“, Nahrung in den Wald bringen; ein großes Gewicht haben die Stücke, die von der Überwindung des Ekels handeln; die unverschämte Bettlerin wird doppelt reich beschenkt; die Liebe zur Sonne und zu den Vögeln; die strikte Zurückweisung jeglichen Eigentums, die Ächtung des Wortes „mein“. Man sieht: Es war weder Tugend noch Moral, die Doderer bei seinem Helden anzogen, sondern die Radikalität einer Selbstumerziehung oder geradezu Selbstauslöschung mit dem Ziel einer Befreiung seiner selbst aus allen charakterlichen, ererbten, familiären und sozialen Vorgaben der Person.

Etwa dreißig war Doderer, als er „Seraphica“ schrieb, aber trotz des Erlebnisses einer langen und gefahrenreichen Kriegsgefangenschaft ein ganz unfertiger Schriftsteller, den noch viele Jahre von der Vollendung trennten. Aber er wusste dennoch schon, was er sich vorgenommen hatte. „Was ich (mir bei jener ,neuen Erzählkunst‘) denke, müsste fast einen Umsturz bedeuten“, notierte er am 21. November 1923 in sein Tagebuch; „Seraphica“-Herausgeber Martin Brinkmann findet diese Worte „großsprecherisch“, aber sie enthielten die Ankündigung eines lebenslang durchgehaltenen Programms, das auch in den „Seraphica“ schon anklingt. „Arm“ und willenlos wie Franz vor der Welt wollte der Schriftsteller Doderer vor seinem Stoff stehen; nicht von äußerlicher Plot-Regie wollte er seine Erzählungen vorantreiben lassen, sondern zur bisher wortlos gebliebenen Stimmungsessenz der verflossenen Lebensaugenblicke vordringen.

Der Ausgangspunkt des Lebenspfeils

Vor allem in den späten Tagebüchern, den immer noch weitgehend unbekannten „Commentarii“, wird die meditative Disziplin deutlich, die hinter den Romanen steht und die tatsächlich ganz andersartige Erzählwerke hervorgebracht hat, als sie von den Traditionalisten, aber auch von den Neuerern seiner Zeit geschrieben worden sind. Der heilige Franz, dessen Namen er bei der späteren Taufe annahm, wurde ihm zum Zen-Meister. Die Erleuchtung des Heiligen, die den jungen Elegant dazu führte, auf sein Erbe zu verzichten und Bettelmönch zu werden, schildert Doderer mit einem überraschenden Mittel, das gewisse Partien der großen Romane vorwegnimmt: Unversehens sieht der junge Mann die Landschaft vor der Stadt mit anderen Augen an, ihre Färbung wird intensiver, ihre Stimmung dunkler, ihr Atem schwerer; es ist, als sei eine getönte Linse vor seine Augen geschoben worden. Kein dramatischer Augenblick, eine sanfte Verfremdung lässt ihn innehalten und stößt eine Nachdenklichkeit an, die zu dem großen Entschluss führt, sein Leben zu ändern.

Von den zahllosen Wundern, die die alten Franziskus-Legenden anfüllen, hat Doderer ein einziges aufgegriffen, ohne Zweifel mit besonderer Absicht: die Stigmatisierung des heiligen Franziskus, das Aufbrechen der fünf Wunden des Erlösers an seinem eigenen Leib. Da wurde der Anbetende mit dem Gegenstand seiner Anbetung beinahe identisch. Liest man die „Commentarii“ aus der Zeit des Alters und Lebensendes, so hatte der Schriftsteller Doderer kein anderes Ziel – Gefäß zu werden für die unbeherrschte, unwillkürlich aufsteigende Erinnerung; den Roman nicht herzustellen, sondern ihn zu enthalten; in dem Vertrauen zu leben, der Roman werde sich gleichsam von selbst schreiben, wenn der Schriftsteller nur lang genug im wortlosen Raum der Erinnerung ausharre.

Doderer-Romane platzen schier vor Menschen und Ereignissen, und doch trifft sein eigenes Wort auf sie zu, ein Roman handele „von diesem und jenem, und dass es heute morgen im Treppenhaus nach frischem Lack gerochen hat“. Die „Seraphica“ bezeichnen den Ausgangspunkt, von dem er seinen Lebens- und Romanpfeil abgeschossen hat, der daraufhin in zeitlupenhafter Verlangsamung über Jahrzehnte hinweg seinem Ziel entgegengeflogen ist, um schließlich im Schwarzen zu landen.

Heimito von Doderer: „Seraphica Montefal“. Zwei Erzählungen aus dem Nachlass. Verlag C. H. Beck, München 2009. 128 S., geb., 16,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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