12.03.2009 · Kafka und Heidelbach - das ist eine Begegnung in Höhenluft, ein weiterer Gipfelpunkt in dem Massiv des Malers. Seine Auswahl enthält keine berühmten Galerie-Nummern, sondern wenig Bekanntes. Grazil, gemein, gnadenlos und komisch.
Von Michael MaarJa, der sieht ganz aus wie Kafka, der Mann mit graubraunem Anzug und Krawatte auf dem Titelbild. Den hohen schwarzen Hut kennt man von Fotografien. Das eine Ohr steht ein bisschen stärker ab als das andere, wie beim Original. Korrekt getroffen ist auch der tiefdunkle, versonnene Blick. Aber eine Kleinigkeit ist doch anders . . . Aus seinem linken Ärmel wächst eine behaarte Affenhand.
Franz Kafka in der Sicht Nikolaus Heidelbachs; einer der Granden der modernen Literatur von einem unserer großen Illustratoren in Farbe und Szene gesetzt – wird das gutgehen? Da mag die eine Größe die andere anstacheln oder hemmen, der eine Wellenberg den andern aufschaukeln oder dämpfen. Bei den Grimm-Brüdern und H. C. Andersen ging es noch; deren Märchen hat Heidelbach so genial bebildert, dass man Sorge haben konnte, der Gipfel sei damit erreicht. Und jetzt Kafka?
Laszive dicke Damen, seine Spezialität
Der schmale, schmucke Band „Gelegenheit zu einer kleinen Verzweiflung“ zerstreut alle Sorgen des Hausvaters souverän. Hier treffen affine Gaben aufeinander, und Wahlverwandtschaft regiert. Kein anderer Autor könnte Heidelbachs Stärke besser hervorkitzeln: den Blick für das entlegene, im Aufmerksamkeitsschatten verborgene Detail. Kafka ist reich an solchen schrägen, abseitigen Details, um nicht zu sagen, er besteht aus ihnen. Aber selbst Kenner dürften überrascht sein, was der philologische Maler alles ans Licht zieht. Seine Auswahl enthält keine berühmten Galerie-Nummern, sondern wenig Bekanntes aus den Tagebüchern, Fragmenten und Erzählungen. Das längste und zentral postierte Stück ist „Blumfeld“, die Geschichte eines älteren Junggesellen, der sich keinen Hund anschafft, dafür aber plötzlich von zwei kleinen Celluloidbällen umschwirrt wird – Vorläufer der Gehülfen im „Schloß“. So komisch und dämonisch wie dort geht es in Heidelbachs ganzer Sammlung zu. In einem Fragment gerät eine Maus in die Falle und gibt mit einem Hochschrei ihr Leben hin für den Anblick des Specks. Dort liegt sie, die kleine liebe Maus, das Eisen im Genick, die rosa Beinchen eingedrückt. „Die Eltern standen daneben und beäugten die Reste ihres Kindes.“ Grazil, gemein, gnadenlos und komisch, das ist der Kafka Heidelbachs.
„Tanzt ihr Schweine weiter; was habe ich damit zu tun?“ So steht es tatsächlich in Kafkas Tagebuch. Heidelbach malt dazu ein winziges Schweinepaar, das auf dem Nachttisch eines unwirsch zur Seite gedrehten Schläfers ein Tänzchen dreht. Er malt zwei wunderbar laszive dicke Damen; aber die sind ohnehin seine Spezialität. Er malt die Kugel in einem Geduldsspiel, die mit auf dem Rücken verschränkten Händen breitbeinig umherstolziert. Er malt die Garnspule Odradek, die man endlich einmal genau vor sich sieht. Er malt ein Mäuschen im Innern des Katzenrachens, mit blinkenden Augen und der Miniatur-Pfote am Eckzahn – und das malt ihm so schnell keiner nach. Er malt einen dämonischen Parkwächter, dem jungen Churchill angelehnt, mit einem klebrigen eklen Etwas an der Spitze seines hinter den Rücken geklemmten Stocks. Und zu „Schakale und Araber“ – vier Seiten Prosa, die genügt hätten, ihren Schöpfer unsterblich zu machen – malt er sein schönstes Bild: ein über die Schulter lugender Schakal im Wüstensand unter sternübersätem Himmel, im Maul eine alte Nähschere.
Eine Begegnung in Höhenluft
Wie umsichtig diese Auswahl komponiert ist, zeigt sich an der Dichte ihrer Motive. Eines ist die Welt der Tiere, ein anderes wäre das Motiv des Flugs. Jemand findet abends in seinem Zimmer ein großes Ei, aus dem ein Vogel schlüpft. Schnell setzt er mit dem in Tinte getauchten Vogelschnabel einen Vertrag auf: „Ich, storchartiger Vogel, verpflichte mich für den Fall, daß Du mich mit Fischen, Fröschen und Würmern (diese zwei letztern Lebensmittel fügte ich der Billigkeit halber hinzu) bis zum Flüggewerden nährst, Dich auf meinem Rücken in die südlichen Länder zu tragen.“ Bald folgt der erste Unterricht: „Wir begannen mit dem Sesselflug.“ Heidelbach malt aber nicht den Sesselflug, sondern den Storch am Esstisch vor einer Wurstschnitte, die er verschmäht.
Im „Kübelreiter“ macht sich ein Frierender zum Kohlenhändler auf und benutzt seinen leeren Kübel als Fluggerät. „Kameele, niedrig am Boden hingelagert, steigen, sich schüttelnd unter dem Stock des Führers, nicht schöner auf.“ Ein Hauch von Caspar David Friedrich weht durch die Klimmen des graublauen Eisgebirges, in dem der kleine geschmähte Kübelreiter am Ende durch die Lüfte jagt. Kafka und Heidelbach – das ist eine Begegnung in solcher Höhenluft, ein weiterer Gipfelpunkt in dem Massiv des Malers, das sich immer beeindruckender vor uns abzeichnet.