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Zwanzig Jahre Mauerfall Eine deutsche Intifada

22.10.2009 ·  Bilder von zerschnittenem Stacheldraht und disziplinierten Marschierern riefen gespaltene Assoziationen hervor: Wie die israelische Presse den Zerfall der DDR sah.

Von Matthias Morgenstern
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Vorgeprägte Bilder und Erfahrungen spielen bei der Wahrnehmung des Neuen eine wichtige Rolle. Im Abstand von zwanzig Jahren verdienen die Berichte israelischer Journalisten von den Umwälzungen in der DDR, die schließlich zur Vereinigung Deutschlands führten, besonderes Interesse - auch deshalb, weil die im Herbst 1989 bemühten Vergleiche im Rückblick in einem eigentümlichen Licht erscheinen; einige der damals verwendeten Bilder können heute noch Beklemmung hervorrufen, andere erwecken den Eindruck vergilbter Fotos aus einem längst abgelegten Album.

Ein Bericht aus Ost-Berlin („Ha-Aretz“, 17. November 1989) beginnt mit Eindrücken von im Stechschritt paradierenden NVA-Soldaten und einem Gespräch mit DDR-Wehrpflichtigen, bevor die bürokratische Bewältigung des Flüchtlingsproblems vom Sommer 1989 zur Sprache kommt: „Im Außenministerium wurde mir bestätigt, was ich gehört hatte: Die Wohnungen der Flüchtlinge wurden beschlagnahmt und an andere weitergegeben. Was sich in den Wohnungen befand, wurde beschlagnahmt . . . - ,Wie können Sie wissen, dass die Leute geflohen sind?' - ,Das wissen wir', sagte der Beamte. ,Auch die Nachbarn wissen das und sagen uns Bescheid.' Die Möbel, die Kleider, die Bücher, die Fernseh- und Haushaltsgeräte kommen in eine große Halle, mindestens für ein Jahr, bis die rechtliche Lage geklärt ist. Alles wird genau aufgeschrieben.“ Fiel dem Deutschen, der auf die bohrenden Fragen eines Juden Auskunft gab, gar nichts auf?

„Bitte nicht auf den Rasen treten!“

Ein ähnliches Bild von Recht und Ordnung zeichnete eine Reportage von Tom Segev („Ha-Aretz“, 24. November), der einen Begriff der nahöstlichen Szenerie auf die Ereignisse übertrug. Dass in Deutschland sogar „eine Intifada“ so diszipliniert über die Bühne gehe, erfüllte den als Historiker berühmten Reporter mit einem leichten Schaudern. Die spektakulären Massenumzüge in Leipzig und Ost-Berlin waren ihm eher suspekt. „Alle fragen sich . . ., wie sie sich so an der Nase herumführen und blenden ließen, wie sie schweigen konnten, als ob sie nicht gewusst hätten, was geschah . . . Bis auf den heutigen Tag haben sie sich nie tiefer mit der Frage befasst, wie es geschehen konnte, dass sie Nazis wurden. Vielleicht gibt es da dieselbe Antwort.“ Die Reibungslosigkeit des revolutionären Ablaufs kam Segev unheimlich vor. „Vielleicht 100 000 Menschen. Die Elbbrücken sind voll. Alle marschieren in einer bewundernswerten Ordnung. In der Mitte liegt ein großer Platz. ,Bitte nicht auf den Rasen treten!' rufen die Wächter. Niemand trat auf den Rasen.“ So blieb für Segev fraglich, ob man überhaupt von einer Revolution sprechen konnte. War nicht alles mit rechten Dingen zugegangen? „Immer noch gehorchen sie dem Machthaber in ihrem Land, wie sie es immer getan haben. Sein heutiger Name: Michail Gorbatschow.“

Ein Wiedererstehen des Antisemitismus?

Die in Tel Aviv lehrende Historikerin Shulamit Volkov wurde in einem Interview („Ha-Aretz“, 8. Dezember) zunächst nach Bismarck gefragt. Dann nahm sich die Spezialistin für den deutschen Antisemitismus den metaphysischen Zug im Deutschland-Bild der Israelis vor. Es gebe bei den Deutschen, so ihre These, nichts „immanent Schlechtes“, das erklären könne, was während des „Dritten Reiches“ geschah. Das Volk, das an den Pranger zu stellen man sich angewöhnt habe, sei dasselbe Volk, das heute anfange, für seine Freiheit zu kämpfen.

Den abwägenden Erklärungen standen Sensationsmeldungen gegenüber. „Ma'ariv“ brachte am 6. Dezember eine Schlagzeile aus Berlin, die einem die Gänsehaut über den Rücken jagen konnte: „Führender Jude flieht aus Ostdeutschland“. Tags darauf wurde die Meldung von der Abreise des DDR-Devisenbeschaffers Schalck-Golodkowski nach Israel aber dementiert. Entwarnung auch in anderer Hinsicht: In der jüdischen Gemeinde Ost-Berlins tauchte sein Name nicht auf. „Das hätte gerade noch gefehlt“, so die Gemeindeleitung auf Anfrage der Korrespondentin. Aufgeschreckt durch Nachrichten vom wiederentstehenden Antisemitismus im zerfallenden Sowjetreich, fürchtete das Publikum, in der DDR werde Ähnliches zum Vorschein kommen. Entsprechende Hinweise gab „Ma'ariv“ in der Ausgabe vom 12./13. Dezember: Wenn sich hier etwas zusammenbraue, werde möglicherweise die jüdische Abstammung einzelner kommunistischer Funktionäre ins Spiel gebracht werden, wie das schon aus anderen Ostblockländern berichtet worden war.

Greogor Gysis Chanukka-Leuchter

Mit Unbehagen nahm die Öffentlichkeit in Israel zur Kenntnis, was sich an der Spitze der zerfallenden Staatspartei tat. „Ma'ariv“ widmete der Tatsache eine Schlagzeile, dass Gregor Gysi im Dezember seinem Vater, dem ehemaligen DDR-Staatssekretär für Kirchenfragen Klaus Gysi, einen Chanukka-Leuchter schenkte. Gregor Gysi, wurde zum Verständnis der Nachricht mitgeteilt, habe nach seinen Wurzeln gesucht und sich einem Studienkreis der jüdischen Gemeinde angeschlossen. Ob die dort erworbenen Hebräisch-Kenntnisse, so fragte die Zeitung, dem neuen Parteivorsitzenden einmal helfen würden, die zerrütteten Beziehungen Ostdeutschlands mit dem Staat Israel in Ordnung zu bringen? Oder würden den Israelis Nachteile daraus erwachsen, dass sie möglicherweise die falschen Freunde gehabt hatten?

Keine Angst vor falschen Freunden hatte jedenfalls der ehemalige Mossadchef Rafi Eitan, der sich in „Ha-Aretz“ zu seinem „Kollegen“ Gysi, dem „Kundschafter“ (die israelischen Zeitungen lieben dieses biblische Wort aus der Kundschaftergeschichte im vierten Buch Mose), bekannte und ihn vor den Nachstellungen der westdeutschen Justiz in Schutz nahm.

Ein unheilvolles Datum

Der Umstand, dass die Grenzöffnung an einem 9. November erfolgte, erschien vor dem Hintergrund der Geschichte als schlechtes Omen. In einem Interview sprach die deutsch-israelische Publizistin Lea Fleischmann von der Absicht der Deutschen, ihre mit diesem Datum verbundene Schande vergessen zu machen und nachträglich noch den „Endsieg“ zu erringen. Es gab die Angst, dass „die Trompeten, die die Berliner Mauer zum Einsturz brachten, früher oder später auch die Vereinigung Deutschlands verkünden“ würden („Ma'ariv“, 17. November).

Viele Überlebende des Holocaust fürchteten sich vor einem vereinten Deutschland. Einer ihrer Sprecher lenkte den Blick angesichts der enthusiastischen Aufnahme der DDR-Flüchtlinge im Westen auf die tödliche Gleichgültigkeit fünfzig Jahre zuvor. Damals habe sich niemand für die elektrischen Zäune um die Todeslager interessiert. Pessimistisch äußerten sich auch ehemalige deutsche Juden in der Zeitschrift „Ha-Zofe“ am 17. November: „Ein vereinigtes Deutschland als Wirtschafts- und Technologiemacht würde das Schicksal Europas, vielleicht das der Welt bestimmen“, prophezeite Mordechai Breuer, Historiker in Jerusalem mit Frankfurter Wurzeln. „Die Vereinigung Deutschlands kann ich nur mit einem Wort ausdrücken: ein Albtraum.“ Yossi Lapid, Kolumnist der Abendzeitung „Ma'ariv“, schrieb dort in der Ausgabe desselben Datums: „Im Herzen Europas würde ein viertes Reich entstehen, ein Staat von achtzig Millionen reichen, begabten, fleißigen und disziplinierten Deutschen.“

Was Jerusalem noch bevorsteht

Den aus der europäischen Vergangenheit gespeisten Schreckensbildern standen Kontrastbilder aus der nahöstlichen Gegenwart gegenüber. In „Ha-Aretz“ war am 17. November mit Blick auf den Fall der Berliner Mauer von der „Jerusalemer Erfahrung des Juni 1967“ die Rede. Nach der Gründung des Staates Israel war eine ganze Generation mit dem Wissen aufgewachsen, dass hinter den Grenzanlagen eine verbotene, dafür aber umso ersehntere Wirklichkeit verborgen lag. Nach dem Sechs-Tage-Krieg war die Begegnung mit diesem Anderen auf einmal möglich geworden. Die Araber standen verblüfft vor den Verkehrsampeln des Westens, während die Juden erste Erfahrungen auf den Märkten des arabischen Ostens machten.

Die Gewerkschaftszeitung „Davar“, die Mitte der neunziger Jahre eingestellt wurde, veröffentlichte unter der Überschrift „Die Ostmauer“ eine Glosse zu den Berliner Ereignissen vom 9. November und spielte auf den beklagenswerten Zustand an, in den die „ewige Hauptstadt Israels“ durch die Intifada, den Aufstand der Palästinenser in den besetzten Gebieten, geraten war. Zweiundzwanzig Jahre nach der Überwindung ihrer Teilung war die Einheit der Heiligen Stadt längst wieder fraglich geworden. Der Pilgerweg zur Westmauer, der „Klagemauer“ des ehemaligen jüdischen Tempels, war mit Steinen gepflastert, deren sich arabische Jugendliche als Waffe im Kampf gegen die israelischen Besatzer bedienten. In der ehemaligen Hauptstadt des Dritten Reiches wurden die Steine hingegen aus dem Weg geräumt, mitunter sogar gewinnbringend verkauft. Berlin war im Begriff, zu einer Stadt zu werden, in der man - mit den Worten des „Jerusalem-Psalms“ (Psalm 122) - „zusammenkommen soll“.

Tom Segevs provokante Rede von der „deutschen Intifada“ lief darauf hinaus, dass die Deutschen gerade jetzt erlebten, was den Bürgern von Jerusalem noch bevorstand. Es war diese Kontrasterfahrung, welche die meisten israelischen Berichte vom deutschen Herbst 1989 in einen Schleier von Traurigkeit hüllte.

Der Autor lehrt am Institutum Judaicum der Universität Tübingen.

Quelle: F.A.Z.
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