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Wiedervereinigung Der Minister empfing im Pyjama

19.10.2009 ·  War es eine der jämmerlichsten Episoden der jüngeren britischen Diplomatie? Eine Londoner Tagung nimmt die vorzeitige Freigabe der Akten des britischen Außenministeriums zur deutschen Einheit zum Anlass eines tieferen Einblicks - und erhellt die Zitterpartie der deutschen Wiedervereinigung.

Von Gina Thomas, London
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Im Nachhinein hat der Prozess, der nach dem Mauerfall zur deutschen Einheit führte, eine logische Unvermeidbarkeit bekommen. Damals aber wirkte es durchaus anders. Zwanzig Jahre später ist schwer nachzuvollziehen, dass etwa die Unterzeichnung des Zwei-plus-vier-Vertrages am 12. September 1990 in Moskau beinahe gescheitert wäre an der beharrlichen britischen Forderung, auch nach der Vereinigung Nato-Manöver auf ehemaligem DDR-Gebiet abhalten zu dürfen.

Wäre es im allerletzten Moment zwischen den westlichen Außenministern nicht doch noch zu einer Kompromissformel gekommen, die die sowjetische Seite das Gesicht wahren ließ, hätte sich der Wind drehen und das ganze Verhandlungswerk zunichtemachen können. Es stand, wie Hans-Dietrich Genscher jetzt auf einer bemerkenswerten Londoner Tagung anlässlich der Veröffentlichung der Akten des britischen Außenministeriums zur deutschen Einheit bekannte, in jener Nacht alles auf dem Spiel.

Die Außenminister mussten heran

Wie verdienstvoll der Entschluss ist, die Dokumente vor Ablauf der üblichen Dreißigjahresfrist zugänglich zu machen, erwies sich bei der Zusammenkunft entscheidender Akteure des Einheitsprozesses in Lancaster House ein ums andere Mal. Mit ihren eigenen Erinnerungen und Wahrnehmungen warfen die Teilnehmer aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien faszinierende Schlaglichter auf die Protokolle. Zu der Zitterpartie in Moskau beispielsweise äußerte sich nicht nur Genscher, sondern auch Dieter Kastrup, Leiter der bundesrepublikanischen Delegation bei den Zwei-plus-vier-Verhandlungen, und Hilary Synnott, der im britischen Außenministerium für die Abteilung Westeuropa verantwortlich war.

Den Regierungsbeamten sei die Luft ausgegangen, gestand Synnott, so dass die Frage auf ministerieller Ebene gelöst werden musste bei einem spätnächtlichen Treffen mit dem amerikanischen Außenminister James Baker, der aus dem Schlaf gezerrt wurde und seine britischen und deutschen Ansprechpartner im Pyjama empfing, und einem anschließenden Frühstück in der französischen Botschaft.

Zur Rolle von Margaret Thatcher

"Wir haben uns gefragt: Was soll das?", berichtete Genscher, der allerdings sarkastisch bemerkte, ihm sei "völlig klar, von welcher Straße und von welcher Hausnummer" die Erwartung über die Manöver der Westalliierten kam. Auf die Frage, wie Margaret Thatchers emotionale Einstellung zur deutschen Frage sich auf den Einheitsprozess auswirkte, kamen die Teilnehmer wiederholt zu sprechen. Während ihr außenpolitischer Privatsekretär Charles Powell plausibel zu machen versuchte, dass die Premierministerin sich niemals der Einheit widersetzt, sondern nur für Verlangsamung plädiert habe, um zu verhindern, dass die Details kurzfristigen politischen Gewinnen geopfert würden, widersprachen Mitglieder des Foreign Office heftig.

Timothy Garton Ash, der zu der Historikerrunde gehörte, die im März 1990 Margaret Thatcher über die Deutschen aufklären sollte, verwies zudem auf ein Gespräch der Premierministerin mit Gorbatschow am 23. September 1989. Dem in einer Fußnote des Aktenbandes zitierten sowjetischen Protokoll zufolge habe die Premierministerin Gorbatschow versichert: "Großbritannien und Westeuropa sind an der Einheit Deutschlands nicht interessiert. Der Wortlaut des Nato-Kommuniqués mag anders klingen, aber sie berücksichtigen es nicht."

Frontenkrieg zwischen Downing Street 10 und dem Außenministerium

Stephen Wall, damals Privatsekretär von Außenminister Douglas Hurd, und Hilary Synnott schätzten Margaret Thatchers Bedenken beide anders ein als Powell. Synnott rief die Worte "nicht zu meinen Lebzeiten" in Erinnerung. Powell argumentierte, dass Margaret Thatcher mitunter schauspielernd Stellung bezog, um etwas zu bewirken, wie beispielsweise, als sie Bundeskanzler Kohl brüskierte mit dem "Spiegel"-Interview vom März 1990, in dem sie unter anderem seine Haltung zur polnischen Grenzfrage kritisierte. Die beleidigende Wirkung sei beabsichtigt gewesen, sie habe Kohl in dieser Frage festlegen wollen.

Besonders entschieden fiel die Kritik von William Waldegrave an der Premierministerin aus. Waldegrave, der als Staatsminister für Europa in den Frontenkrieg zwischen Downing Street und Außenministerium einbezogen war, bezeichnete die deutsche Einheit als "eine der jämmerlichsten Episoden der jüngeren britischen Diplomatie". Eine starke Ausgangsposition sei durch übertriebene öffentliche Stellungnahmen verspielt worden. Powells Erklärungen über Margaret Thatchers durch die Hitler-Zeit geprägtes Deutschland-Bild wollte Waldegrave nicht gelten lassen, schließlich seien Figuren wie Lord Carrington, die selber im Krieg gekämpft hätten, nicht so störrisch.

Der Behauptung, dass es der Premierministerin vor allem um rechtliche und verfahrenstechnische Fragen gegangen sei, setzte Waldegrave entgegen, dass sie in anderen Angelegenheiten nicht so viel Wert auf diese Dinge gelegt habe. Sir Christopher Mallaby, der als britischer Botschafter in Bonn die Position der Premierministerin vertreten musste, schätzte den Schaden als geringer ein. In der öffentlichen Wahrnehmung habe Thatcher zwar die Stellung Britanniens beeinträchtigt, dennoch hätten die Briten einen entscheidenden Beitrag geleistet zum Zwei-plus-vier-Vertrag, den Genscher als das brillanteste Dokument der internationalen Politik bezeichnete.

Deutsche Perspektiven

Unterschiedliche Nuancen in der Einschätzung machten sich auch in den Äußerungen der bundesrepublikanischen Konferenzteilnehmer und Markus Meckels bemerkbar, der als Mitgründer der späteren SPD in der DDR eine ostdeutsche Perspektive beisteuerte. Meckel gestand, dass er den 9. November nicht als Freudentag empfunden habe, da er aus damaliger Sicht die Bemühungen um die Demokratisierung der DDR bloß erschwere durch den Verlust an kritischem Potential, das der DDR durch die Öffnung der Grenze abhandenkomme.

Ein Austausch zwischen Genscher und Peter Hartmann, Leiter der Abteilung Außen-, Sicherheits- und Europapolitik im Bundeskanzleramt, über Kohls Zehn-Punkte-Programm offenbarte, dass der nicht unterrichtete Außenminister damals bemängelte, dass weder die Frage der polnischen Grenze noch die der Bündniszugehörigkeit vorkamen. Er sei in der peinlichen Lage, bekennen zu müssen, sich gegen die Aufnahme dieser Punkte eingesetzt zu haben, entgegnete Hartmann, denn sonst hätte das Dokument den Charakter eines Fahrplans zur Wiedervereinigung bekommen.

Französische Verwahrungen

Einen erhellenden Beitrag leistete auch Bertrand Dufourcq, der als politischer Leiter des französischen Außenministeriums der Zwei-plus-vier-Runde angehörte. Pikiert stellte er fest, dass französische Diplomatie in dem Aktenband kaum Erwähnung finde, wo doch Frankreich den Prozess entscheidend vorangetrieben habe. Auch wollte er den in den britischen Dokumenten erweckten Eindruck richtigstellen, dass Mitterrand sich im Einvernehmen mit Margaret Thatcher der Einheit widersetzt habe.

Sein vorrangiges Ziel sei der europäische Einheitsprozess gewesen, der untrennbar verbunden war mit der deutschen Einheit, weswegen die Premierministerin sich auch so energisch sperrte, wie Hermann von Richthofen, Botschafter in London, bestätigte mit seiner einnehmenden Schilderung des Gesprächs, das er am Tag der Einheit mit Thatcher führte. Während Genscher und Kastrup beide die Ansicht vertraten, dass Außenminister Baker Gorbatschow niemals zugesichert habe, dass es über die DDR hinaus keine Nato-Erweiterung geben werde, berichtete Dufourcq, der amerikanische Botschafter Jack Matlock habe ihm bestätigt, dass dieses Versprechen tatsächlich gemacht worden sei.

Mitunter fühlte man sich an Akira Kurosawas Meisterwerk "Rashomon" über die Unbestimmbarkeit von Wahrheit erinnert. In der Mischung aus Anekdote und Analyse wurde auch deutlich, wie stark sich die persönlichen Beziehungen auf den Fortgang der Verhandlungen auswirkten. Schon deswegen stellten die Zeugenberichte eine Ergänzung des Aktenbandes dar, die von unschätzbarem Wert für die Forschung sein wird.

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