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Schülerwissen DDR – das steht doch für „Das Dritte Reich“

08.11.2009 ·  Hessische Schüler wissen oft erschreckend wenig über den SED-Staat. Aber das soll sich nun ändern. Das Kultusministerium erarbeitet derzeit eine Informationsbroschüre für Lehrer.

Von Salvador Atasoy, Frankfurt
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Es sei während des Politik- und Wirtschaftsunterrichts passiert, sagt Jörn Koppmann, der stellvertretende Leiter der Liebigschule in Frankfurt. Die Schüler der neunten Klasse hätten den Auftrag gehabt, im Internet nach Informationen zur DDR zu suchen. „Ich hab mich noch gewundert, warum bei einer Schülerin dauernd Hakenkreuze auf dem Bildschirm zu sehen waren“, sagt Koppmann. Als er nachfragte, habe die 15 Jahre alte Gymnasiastin entgegnet, dass die Symbole des Nationalsozialismus so falsch nicht sein könnten. Immerhin stehe die DDR doch für „Das Dritte Reich“.

Das habe ihn schon erstaunt, sagt Koppmann. „Die DDR muss wieder mehr ins Blickfeld der Schüler rücken. Für viele ist das einfach bereits zu weit weg.“ Der gleichen Meinung waren auch die Fraktionen von CDU und FDP im Hessischen Landtag. Sie stellten Ende August 2008 den Antrag, Lehrer müssten die Geschichte der DDR im Unterricht eingehender behandeln. Aufgeschreckt von einer Berliner Studie zum Thema, die Schülern nur mangelhafte Kenntnis der deutschen Geschichte attestierte, erteilte der Landtag dem Kultusministerium den Auftrag, eine Handreichung für Geschichtslehrer zu erarbeiten. Eine Arbeitsgruppe wird ihre Ergebnisse Ende Monat vorlegen.

In Hessen gehört die Geschichte der DDR zum Pflichtunterricht

Die Studie „Die DDR – soziales Paradies oder Stasi-Staat“ löste 2008 eine intensive Diskussion aus. Die Unterschiede im Wissen der mehr als 5000 befragten Schüler aus Bayern, Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen waren zu deutlich, um übersehen zu werden. „Willy Brandt ist aus der DDR“ oder „Honeckers paradiesische Diktatur“ titelte die Boulevard-Presse.

Hessische Schüler, die nicht befragt wurden, hätten es vielleicht besser gewusst. Denn in Hessen gehört die Geschichte der DDR schon seit Jahren zum Pflichtunterricht. Die entsprechenden Vorgaben sind beim Kultusministerium einsehbar. Sie fallen, je nach Schulform, unterschiedlich aus. In der Hauptschule kommt außer Politik und Wirtschaft der DDR beispielsweise auch das „Leben im Kommunismus“ prominent zur Sprache, in der Realschule die „Protestbewegungen in Deutschland“. Gymnasiasten haben komplexere Themen wie „Gesellschaftliche Entwicklung und Wertewandel in Deutschland“ zu bewältigen. Der Mehrheit des hessischen Landtags genügte dies aber nicht. Angesichts des 20. Jahrestages von Mauerfall und Wiedervereinigung im Jahr 2010 beschlossen die Mitglieder die Lehrer „zu einer intensiven Befassung mit diesem Thema anzuregen“ – wie es in einer Empfehlung von August 2008 heißt.

Ob der Mauerfall erwähnt wird, bleibt oft den Lehrern überlassen

Reagiert hat auch die Hessische Landeszentrale für politische Bildung. Mit einem Schülerwettbewerb zum Thema „20 Jahre Deutsche Einheit“ versucht sie, das Interesse der Lehrer zu wecken. Doch der Aufruf verhallt an vielen Orten ungehört. Von den 14, zufällig für eine Umfrage dieser Zeitung ausgewählten Haupt-, Realschulen und Gymnasien in Frankfurt beteiligen sich nur die Helmholtzschule und die Max-Beckmann-Schule. Die anderen hätten „dringendere Probleme“, wie es etwa am Lessing-Gymnasium heißt.

Ähnlich gering ist auch die Zahl der Projekte zum 20. Jahrestag des Mauerfalls: Von den befragten 14 Schulen organisieren nur drei spezielle Programme. Die Schillerschule zum Beispiel erinnert unter anderem mit Exkursionen zum Grenzübergang „Point Alpha“ an den Mauerfall; die Michael-Ende-Schule gedenkt am Montag sowohl der Novemberpogrome von 1938 als auch des Mauerfalls 1989. Viele Schulleiter überlassen es ihren Lehrern, wie und ob sie den 9. November 1989 überhaupt im Unterricht erwähnen. „Ich gehe davon aus, dass unsere Lehrer ein entsprechendes Geschichtsbewusstsein haben“, sagt René Schwerdtfeger, Schulleiter der Robert-Koch-Schule.

Jugendliche mit den Themen ansprechen, die sie interessieren

Hier will die Handreichung des Kultusministeriums ansetzen. Mit detaillierten Vorschlägen, wie bestehende Lehrvorgaben zu Schwerpunkt-Themen ausgebaut werden können. „Wir wollen gerade den jungen Kollegen eine Hilfestellung geben, die nicht mehr so den Bezug zur DDR haben“, sagt Ulrich Kirchen, der Vorsitzende des hessischen Landesverbands der Geschichtslehrer – und Verantwortlicher für die Handreichung.

Hauptaspekte des Dokuments sollen laut Kultusministerium die blutige Niederschlagung des Volksaufstands im Juni 1953 sein, außerdem der Mauerbau, der Schießbefehl und die Ermordung Unschuldiger an den Grenzen. Auch die Bespitzelung der Bürger durch Politbüro und SED soll im Unterricht stärker thematisiert werden. „Dabei kommen auch die FDJ und beispielsweise die Musikkultur vor“, ergänzt Kirchen. Man müsse die Jugendlichen mit den Themen ansprechen, die sie interessierten.

Mehr Exkursionen auf dem Stundenplan

Auch sollen laut Kultusministerium mehr Exkursionen auf dem Stundenplan stehen. Besuche der beiden hessischen Grenzmuseen „Point Alpha“ und „Schifflersgrund“ müssten als „außerschulische Lernorte künftig unbedingt ihren Platz im Geschichtsunterricht haben“.

Die Handreichung, die Kirchen voraussichtlich Ende des Monats beim Kultusministerium einreichen wird, ist für Lehrkräfte allerdings nicht verbindlich. Sie soll aber die Wichtigkeit des Themas im Unterricht klarer machen. Die befragten Schulen in Frankfurt finden die Hilfe grundsätzlich gut, weisen aber darauf hin, dass der Unterrichtsplan schon jetzt überfrachtet sei. Wer konkrete Vorschläge ausarbeite, solle auch sagen, was dafür wegfallen könne, sagt beispielsweise Peter Ergh, Schulleiter der Max-Beckmann-Schule. „Dann wäre nämlich auch wieder etwas Platz für Neues vorhanden.“

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