05.10.2009 · Das Gros der DDR-Flüchtlinge hatte vom Sozialismus für immer genug. Einige jedoch zog es wieder in die Heimat zurück - was sie bald bereuten. Sie wurden wie Kriminelle behandelt und in Aufnahmelagern monatelang verhört.
Von Stefan Locke„Ach, Kanada“, sagt Alwin Ziel und guckt verträumt ins Grüne. „Kanada ist schon mein Lieblingsland.“ Vor mehr als zwanzig Jahren hätte er dorthin ziehen können, doch dann fährt er am 16. August 1988 auf der A 24 von Hamburg in Richtung Berlin. Am Rasthof Gudow macht er mittags eine lange Pause und durchdenkt noch einmal alles. Nein, er hat keine andere Wahl; er muss zurück. Am Abend wird er wieder bei Frau und Kindern in Berlin sein und den Westen, auch Kanada, wohl nie wieder sehen. Ziel steigt in den neuen Lada, den er in Hamburg gekauft hat, rollt an die Grenze und gibt seinen noch frischen bundesrepublikanischen Pass ab. Der Grenzer weist ihn an, hinter das Haus zu fahren, und noch ehe Ziel den Motor ausmachen kann, ist er umstellt. „Sechs Mann mit Kalaschnikows im Anschlag, als wäre ich ein Krimineller mit 'ner Bombe - da wusste ich plötzlich wieder, wo ich bin.“
Der Lada wird auf eine Rampe gefahren und komplett auseinandergenommen, die Grenzer interessieren sich für jedes Detail, bauen die Sitze aus, lassen Luft aus den Reifen, und sie untersuchen Ziel selbst auf entwürdigende Weise. „Behalt bloß die Nerven!“, denkt er sich. „Du kommst heute noch nach Hause.“ Am Abend geht es endlich nach Berlin, allerdings nicht allein. Er muss einem Wartburg folgen, hinter ihm fährt ein Barkas, doch misstrauisch wird er erst, als sie auf dem Berliner Ring nicht ins Zentrum, sondern nordöstlich in Richtung Bernau abbiegen.
„Das war ein Schock“
Ist er doch in die Falle gegangen? Am späten Abend halten sie vor einem großen elektrischen Tor. „Ich musste allein hineinfahren und aussteigen“, erinnert er sich - und an den Wortwechsel mit dem Uniformierten, der ihn empfängt. „Mir ist versprochen worden, dass ich noch heute zu meiner Familie kann. Wo bin ich, und was soll das?“, habe er entnervt gerufen. „Sie Verräter haben hier überhaupt nichts zu fragen“, lautet die Antwort. Ziel kommt ins „Hexenhäuschen“, was nichts anderes als Einzelhaft bedeutet. „Am Morgen musste ich dann zum ersten Verhör.“
Alwin Ziel sitzt in seinem Garten in Hohen Neuendorf bei Berlin und bebt vor Zorn, wenn er an diese Tage im Spätsommer vor 21 Jahren denkt. „Mir war schon klar, dass meine Rückkehr nicht einfach wird“, erzählt der Achtundsechzigjährige. „Aber dass sie mich einsperren und wie einen Kriminellen behandeln, obwohl sie vorher ausdrücklich das Gegenteil versichert haben, das war ein Schock.“ Diesen Schock teilt er mit fast allen ehemaligen DDR-Bürgern, die, aus welchen Gründen auch immer, nach Ostdeutschland zurückkehrten. Nur - wie konnte das überhaupt sein? War die DDR nicht froh über jeden, der ins Land kam, statt es zu verlassen? Warb sie nicht ausdrücklich um Menschen, die übersiedeln und zurückkehren wollten? Tönte nicht das „Neue Deutschland“ noch 1985, dass es 20.000 Ex-DDR-Bürger im Westen nicht mehr aushielten?
Als Verräter ausgegrenzt
Immerhin verließen von 1949 bis 1989 mehr als zweieinhalb Millionen Bürger die DDR. Rund 500.000 Menschen gingen jedoch den umgekehrten Weg, davon aber nur 70.000 nach dem Mauerbau, wovon rund zwei Drittel Rückkehrer waren, die meist aus familiären Gründen den Weg in den Staat wählten, den sie einst oft unter Einsatz ihres Lebens verlassen hatten. Der ZDF-Reporter Ulrich Stoll erzählt in seinem jetzt erschienenen Buch „Einmal Freiheit und zurück“ (Ch. Links Verlag, 16,90 Euro) die zum Teil äußerst tragischen Schicksale von acht dieser DDR-Heimkehrer und eröffnet damit einen Einblick in ein bisher völlig unbekanntes Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte.
„Niemand ist mit offenen Armen empfangen worden“, sagt Stoll. Stattdessen wurde jeder Rückkehrer für Wochen oder gar Monate in sogenannten Zentralen Aufnahmeheimen (ZAH) interniert, knapp ein Drittel wurde zurück in den Westen geschickt, die anderen anschließend überwacht und als Verräter ausgegrenzt. „Sie sollten so klein wie möglich werden und nie wieder auf die Idee kommen aufzumucken“, berichtet Stoll. „Nahezu alle Rückkehrer waren davon völlig überrascht. Die konnten sich einfach nicht vorstellen, was auf sie zukommt.“
Jeder Westler ein potentieller Spion
Alwin Ziel landet am Abend jenes 16. August 1988 im ZAH Röntgental bei Zepernick nördlich von Berlin. Es ist das letzte der einst fünf Aufnahmelager für DDR-Übersiedler und -Rückkehrer, deren Strom in den achtziger Jahren nahezu versiegte. Nur 25 weitere Insassen halten sich in dem für 160 Leute konzipierten Heim auf; sie werden von 114 Bediensteten rund um die Uhr überwacht. „Wir durften uns nur mit Vornamen anreden, Gespräche gab es kaum, alle waren äußerst misstrauisch“, berichtet Ziel, der zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht weiß, wo er sich befindet. Das Gelände ist von einer Mauer sowie einem Zaun mit Hundelaufanlage umgeben und schwer bewacht. Für die DDR ist jeder Westler, egal ob Übersiedler oder Rückkehrer, ein potentieller Spion. Dass jemand gar freiwillig in ihr Land ziehen will, kommt selbst SED und Stasi abenteuerlich vor.
Vier Monate zuvor hatte sich Alwin Ziel von seiner Frau und den zehn- und zwölfjährigen Söhnen Martin und Johannes verabschiedet. Er darf zur Konfirmation seiner Nichte nach Niedersachsen reisen und bleibt da, hofft, die Familie bald nachholen zu können. „Uns war klar, dass das nicht in drei Wochen geht, wir haben mit bis zu zwei Jahren gerechnet.“ Aber das ist es ihnen wert. Auf seiner ersten West-Reise ein Jahr zuvor, als er überraschend zum sechzigsten Geburtstag seines Bruders nach Kanada fliegen darf, ist Ziel auf den Geschmack gekommen. „Es ging mir nicht um Materielles, meine Frau und ich haben in der DDR gut verdient.“ Aber er sieht, wie seine Neffen in Freiheit aufwachsen. „Das wollte ich auch meinen Kindern ermöglichen.“
Freiheit geschnuppert
Ziel stürzt sich mit Euphorie in den Neuanfang, findet eine Wohnung in Hamburg, richtet sie für sich und die Familie ein. „Ich war dort gewollt und bekam Unterstützung von vielen Seiten.“ Auf der Einwohnerversammlung diskutiert er mit; ein Gewerkschafter wird auf ihn aufmerksam und stellt dem gelernten Juristen einen Job in Aussicht. „Es war alles geregelt, besser konnte ich es mir nicht vorstellen. Ich habe die Freiheit geschnuppert, und das hat mir so viel Spaß gemacht.“
In Berlin stellt seine Frau einen Ausreiseantrag für sich und die Söhne, doch eines Nachmittags holen sie zwei Polizisten ab. Im Verhör werfen sie ihr Beihilfe zur Republikflucht vor, sie streitet ab und darf am Abend nach Hause. Die Prozedur aber wiederholt sich mehrmals. Die Vernehmer fordern sie auf, den Ausreiseantrag zurückzunehmen und sich scheiden zu lassen, und drohen schließlich, sie zu verhaften und die Kinder ins Heim zu stecken. Daraufhin bricht Brigitte Ziel mit einer Magenblutung zusammen. Wegen des Ausreiseantrags wird ihr der Zutritt zur Poliklinik verweigert, sie muss um Behandlung in einem kirchlichen Krankenhaus bitten.
„Die wollten meine Familie fertigmachen“
„Die Nachricht war für mich ein Schock“, sagt Alwin Ziel. Die Kinder haben inzwischen Zettel mit der Adresse eines befreundeten Pfarrers bei sich, an den sie sich wenden sollen, falls die Mutter nicht zurückkommt; im Unterricht werden sie von Mitschülern als „Ausreiseschweine“ beschimpft. Ziel ist fassungslos; gemeinsam mit seinem Bruder hatte er gedacht, die auf ihr Image im Ausland bedachte DDR unter Druck setzen zu können. „Doch da hatten wir uns verrechnet. Die wollten meine Familie fertigmachen.“ Ziel ist hin und her gerissen. Was ist, wenn seine Frau länger ins Krankenhaus muss? Was, wenn sie die Kinder tatsächlich ins Heim stecken? Soll er zurückgehen? „Auf keinen Fall nachgeben!“, rät ihm sein Bruder aus Kanada. Doch Ziel sieht nur noch diesen Ausweg. „Auf den Trümmern meiner Familie wollte ich mir kein neues Leben aufbauen.“ Seine Frau erkundigt sich nach den Modalitäten einer Rückkehr. Ihr Mann möchte straffrei bleiben und an seinen Arbeitsplatz zurückkehren; die Behörden sichern ihm beides zu. Knapp vier Monate nach seiner Flucht kehrt Alwin Ziel in die DDR zurück.
Heute mag das naiv erscheinen, doch fast alle Rückkehrer bauten auf diese Zusagen. Kaum jemand kannte Heimkehrer, und wer aus den Lagern entlassen wurde, war zum Schweigen verpflichtet. Gerüchte gab es allenfalls um Prominente wie Achim Mentzel, der Anfang der Siebziger kurz im Westen blieb, nach Erfolglosigkeit in die DDR zurückkehrte und es in den Achtzigern doch bis zum Moderator von „Ein Kessel Buntes“ brachte, der größten Unterhaltungsshow des DDR-Fernsehens. Dass auch er drei Monate im Lager saß und wegen Republikflucht zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war, wussten nur wenige.
Zermürbungsstragegie
Alwin Ziels Lageralltag sind tägliche Verhöre und ständige Ungewissheit. „Zu keinem Zeitpunkt wussten die Insassen, was als Nächstes mit ihnen geschehen wird“, sagt Ulrich Stoll. „Das war Teil der Zermürbungsstrategie.“ Und die überstehen nicht alle. Am vierten Tag von Ziels Aufenthalt springt ein Familienvater aus Jena vom Balkon aus dem fünften Stock. Er ist einer von sieben Menschen, die sich in Röntgental das Leben nehmen, davon fünf in den letzten drei Jahren der DDR. Eine Woche nach dem Suizid wird Ziel überraschend entlassen. Als Fachschullehrer darf er freilich nicht mehr arbeiten; seine Frau, eine Apothekerin, ist zudem weiter von einer Anklage bedroht. Im Herbst stellen sie gemeinsam einen Ausreiseantrag - nach Kanada.
Am 15. März 1990 erlaubt die Britische Botschaft in Vertretung Kanadas die Übersiedlung. Doch da ist Alwin Ziel längst SDP-Kandidat und wird drei Tage später in die Volkskammer gewählt; nach der Wiedervereinigung wird er SPD-Innenminister in Brandenburg. In diesem Amt holt ihn seine DDR-Rückkehr noch einmal auf absurde Weise ein. Er soll mit der Stasi und dem KGB paktiert haben, weil er schon nach elf Tagen aus Röntgental freikam, werfen ihm Kritiker vor. Nun erst erfährt er, was damals wirklich geschah. „Die Stasi wollte den Suizid vertuschen“, erzählt Ulrich Stoll. „Sie hat damals alle Insassen schnell entlassen, um neue Rückkehrer nicht mit Selbstmordgerüchten zu beunruhigen.“ Nach Kanada fährt Alwin Ziel heute so oft er kann, auf die Rückkehr aber freut er sich jedes Mal.